Faber-Castell ist der älteste und weltweit führende Hersteller von Farb- und Bleistiften, Caran d’Ache seit 1915 sein in Genf ansässiges Schweizer Pendant. Beide Dynastien sind seit mehreren Generationen erfolgreich und schreiben dank der Rückbesinnung auf Handschriftliches und dem Ausmaltrend Rekordzahlen.

Adult Coloring Books, Bullet Journals, Doodlings, Hand Lettering: Schon mal davon gehört? Seit einigen Jahren erfreuen sich Kalligrafie, kunstvolle To-Do-Terminkalender und Antistress-Malbücher immer grösserer Beliebtheit. Handschreiben wiederum soll laut Neurowissenschaftlern lernfördernd sein. Vor allem Menschen, die viel Zeit vor dem Bildschirm verbringen, schätzen diese manuellen Tätigkeiten, bei denen sie sich fokussieren müssen und nicht durch andere Gedanken abgelenkt werden.

Caran d’Ache und Faber-Castell freuen sich über diese Entwicklung. Sie hat der Schreibwarenbranche zu Aufschwung verholfen. «Einen Gang zurückschalten, sich Zeit zum Nachdenken nehmen und kreativ sein, das ist der neue Luxus», sagt Daniel Rogger, Konzernchef von Faber-Castell. «Schreiben ist etwas sehr Menschliches und Persönliches, denn man bringt seine Gedanken auf Papier und teilt sie mit Menschen, die man mag.»

In Asien werde in allen Altersklassen sehr viel von Hand geschrieben, sagt Carole Hübscher, die Präsidentin von Caran d’Ache. «In Japan gibt es Geschäfte, die nur Schreib- und Zeichenwaren verkaufen. Natürlich sind E-Mail und SMS unverzichtbar, aber eben unpersönlich, sodass die Leute das Bedürfnis verspüren, sich wieder manuell zu betätigen. Und dabei wollen sie schöne Werkzeuge verwenden.» Die Tastatur hat die Stifte also nicht ersetzt, und diese sind auch alles andere als antiquiert.

Beide Konzernchefs sind sich einig: Die analoge und die digitale Welt ergänzen sich. Kreativität und persönlicher Ausdruck sind Trends mit erfolgsversprechender Zukunft. Faber-Castell erwirtschaftete 2015/16 mit einem Umsatz von 630 Mio. € das bisher beste Geschäftsergebnis.

Bleistiftimperium der Familie Faber-Castell

250 Jahre gibt es den Blei- und Farbstiftpionier schon. Die Familiengeschichte nahm ihren Anfang im Jahr 1761, als der Schreiner Kaspar Faber in Stein bei Nürnberg in Bayern mit der Herstellung von holzgefassten Bleistiften begann. Sein Handwerksbetrieb war so erfolgreich, dass sein Sohn ein Grundstück für den Bau einer Werkstatt erwerben konnte und sie binnen weniger Jahre zu einer florierenden Manufaktur ausbaute.

Bis heute hat das Unternehmen, das mittlerweile Faber-Castell heisst, dort seinen Hauptsitz. Mitte des 19. Jahrhunderts machte sich Lothar von Faber an die Modernisierung der Produktionsanlagen und sicherte sich 1856 die Abbaurechte an einer Mine in Sibirien, die weltweit den besten Graphit produzierte.

Danach machte er sich auf, den amerikanischen Markt zu erobern, und eröffnete eine Bleistiftfabrik in New York. Für seine herausragenden Verdienste verlieh ihm König Maximilian II. von Bayern den Titel eines Freiherrn. 1898 heiratete Ottilie von Faber den deutschen Adligen Graf Alexander zu Castell-Rüdenhausen.

Aus dieser Verbindung entstand der neue Familienname Graf und Gräfin von Faber-Castell. Auf die Erfindung des Bleistifts im 18. Jahrhundert folgte die des Farbstifts Polychromos im Jahr 1908. Er war schon damals in 60 Farbtönen erhältlich und auch bei Künstlern beliebt. 1949 nahm Faber-Castell den Kugelschreiber ins Sortiment, der bald dem Füllhalter den Rang ablief.

Im Jahr 1988 erweiterte das Unternehmen sein Sortiment und übertrug sein Know-how auf die Schönheitsindustrie. Die Produktion von Kajal- und Konturenstiften wurde als Tochterunternehmen in den Konzern integriert und macht mittlerweile einen erheblichen Anteil des Geschäfts aus.

Umweltbewusster Weltmarktführer

Heute ist Faber-Castell ein Konzern, der 8000 Mitarbeiter beschäftigt, an 14 Standorten tätig ist und seine Produkte in 23 Ländern vertreibt. Als Weltmarktführer mit ökologischem Verantwortungsbewusstsein hat Faber-Castell schon in den Achtzigerjahren Massnahmen für den respektvollen Umgang mit der Natur ergriffen.

Daniel Rogger, der erste familienferne CEO des Unternehmens und einstiger Kadermitarbeiter der Swatch Group sowie von Richemont, will diese grüne Politik weiter ausbauen: «Faber-Castell produziert jährlich 2,4 Mrd. Holzstifte und besitzt in Brasilien firmeneigene Pinienwälder mit einer Gesamtfläche von 10’000 Hektar», sagt der Luzerner.

«Wir kümmern uns dabei um alles, von der Anpflanzung der Bäume über die Produktion bis zum Verkauf der Stifte. Dieser vollständige Zyklus ist in der Industrie einzigartig.» Für jeden gefällten Baum werde ein neuer gepflanzt. Alles sei genau berechnet, damit das Unternehmen klimaneutral wirtschaften könne. «Darauf sind wir sehr stolz», sagt Rogger.

Caran d’Ache, swiss made und unabhängig

Caran d’Ache wurde 1915 als La Fabrique genevoise de crayons gegründet und 1924 nach der russischen Bezeichnung «Karandash» für Bleistift in Caran d’Ache umbenannt. Sechs Jahre später investierte Carole Hübschers Urgrossvater in das Unternehmen, um das Angebot an Zedernholzstiften auszubauen. 1931 brachte er mit dem berühmten Prismalo den ersten wasserlöslichen Farbstift auf den Markt.

Noch heute begleitet dieser Generationen Schweizer Schüler. 1952 folgten die später von Miró und Picasso verwendeten Wachspastellkreiden Neocolor. Seit Kurzem testet Caran d’Ache für die Produktion von Blei- und Farbstiften geeignete heimische Holzarten wie Buche, Walliser Arve und Waldkiefer, die neben dem FSC-zertifizierten Zedernholz zur Anwendung kommen.

Die in den Genfer Ateliers entworfenen, entwickelten und gefertigten Produkte von Caran d’Ache führen die Tradition der Schweizer Qualität fort. Carole Hübscher, Vertreterin der vierten Generation, sagt: «Caran d’Ache ist die einzige Manufaktur auf der Welt, die so viel Know-how an einem einzigen Standort vereint. Über 90 verschiedene Berufe werden hier ausgeübt.»

Einige davon weisen Ähnlichkeiten mit Berufen der Uhrenbranche auf, wie Guillochieren, Emaillieren, Einfassen und Edelmetallarbeiten; sie kommen besonders für Erzeugnisse der hohen Schreibkunst zur Anwendung. Die Unabhängigkeit des Familienunternehmens betrachtet Hübscher in der globalisierten Welt als Vorteil. «Dadurch, dass wir nicht an der Börse sind, können wir ohne Druck langfristig planen.» Trotzdem muss sich das Unternehmen bei der Produktion und beim Vertrieb zahlreichen Herausforderungen stellen, da etwa immer mehr Papeterien schliessen.

Obwohl das Online-Geschäft rasant wächst, hat Caran d’Ache gerade erst die Verkaufsstellen neu gestaltet, um den Kunden ein verbessertes Kauferlebnis zu bieten. In China ist das Maison der Konkurrenz voraus. Dank der dort betriebenen Kunstschulen Caran d’Ache Art Centers, an denen Studierende die Produkte testen können, expandiert die Schweizer Traditionsfirma auch dort.

Neuer Standort, mehr Effizienz

Carole Hübschers nächste grosse Herausforderung ist der in fünf Jahren geplante Umzug. «Zurzeit arbeiten 300 Personen in Thônex, aber die Räume sind nicht mehr zweckmässig», sagt die Caran-d’Ache-Präsidentin.

«Unsere Lastwagen müssen jeden Tag die Stadt Genf durchqueren», weshalb nach einem Standort in Autobahnnähe Ausschau gehalten wurde. Und die gute Nachricht: «In Bernex haben wir ein geeignetes Grundstück gefunden.»