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Die Blütezeit der Brics ist vorbei

Ausschlaggebend für den Erfolg der Schwellenländer Brasilien, Russland, Indien, China und Südafrika wird sein, ob sie die Rolle des Staates zugunsten freien Wettbewerbs einschränken. Ein Kommentar von Michael J. Boskin.

«Die Regierungen diktieren zu viele wichtige wirtschaftliche Entscheidungen, wodurch sich das Risiko für Ungleichgewichte oder sogar Krisen erhöht.»

Vor ein paar Jahren prognostizierten Experten und politische Entscheidungsträger, dass sich die Brics-Länder – Brasilien, Russland, Indien, China und Südafrika – zu den neuen Wachstumsmotoren der Weltwirtschaft entwickeln würden. Die naive Extrapolation des raschen Wachstums führte dazu, dass sich viele Menschen eine noch glänzendere Zukunft für diese Länder – und damit auch für den Rest der Welt – ausmalten.

Doch nun ist die Blütezeit vorbei. Die Volkswirtschaften Brasiliens und Russlands befinden sich in der Phase der Kontraktion, während sich die Wirtschaftsentwicklung in China und Südafrika erheblich verlangsamt hat. Lediglich in Indien blieb die Wachstumsrate hoch und übertrifft mittlerweile den Wert Chinas. Werden die Brics ihrem früheren Versprechen gerecht? Oder sind fortgesetzte Probleme unvermeidlich?

Angesichts der Tatsache, dass Ökonomien niedrigen Einkommens typischerweise über wenig Anlagevermögen (Computer, Fabriken, Infrastruktur) und Humankapital (Schul- und Berufsbildung) pro Arbeitskraft verfügen, sind dort tendenziell höhere Renditen auf Kapitalinvestitionen zu erzielen. Das heisst, bis diese Volkswirtschaften hinsichtlich des Pro-Kopf-Einkommens aufgeholt haben, können sie rascher wachsen als wohlhabendere Ökonomien.

Aufstieg bewirkt Pessimismus in Europa und Nordamerika

Obwohl der Anteil der Landbevölkerung in China, Indien und Brasilien nach wie vor sehr hoch ist, erreichten diese Länder enorme Fortschritte in der Armutsreduktion, wobei in den vergangenen Jahrzehnten mehrere hundert Millionen Menschen (der höchste Anteil davon in China) der Armut entkommen konnten. Und die Mittelschicht wächst in diesen Ländern ebenfalls schnell.

In Europa und Nordamerika trug der rasche Fortschritt in den Schwellenökonomien zu wirtschaftlichem Pessimismus bei. Schliesslich übersteigt das kombinierte BIP der Entwicklungsländer mittlerweile dasjenige der Industrieländer – eine Situation, die noch vor einer Generation unvorstellbar gewesen wäre.

Ausserdem üben Hunderte Millionen Niedriglohnarbeiter, die seit der Öffnung der Ökonomien in China, Indien und Osteuropa zur weltweiten Erwerbsbevölkerung hinzukamen, nach wie vor Druck auf die Löhne aller, mit Ausnahme der höchstqualifizierten Arbeitnehmer in den Industrieländern, aus. Wie Wirtschaftsnobelpreisträger Paul Samuelson 1948 feststellte, führt internationaler Handel zu einem Faktorpreisausgleich, wobei sich die um das Qualifikationsniveau bereinigten Löhne zwischen den Ländern angleichen.

Die Falle der mittleren Einkommen

Für die Brics-Staaten könnte es jedoch schwieriger werden, weiterhin rasche Fortschritte zu erreichen. Aus Erfahrung weiss man, dass sich das Wachstum ab einem gewissen Punkt tendenziell verlangsamt – üblicherweise, wenn das Pro-Kopf-Einkommensniveau etwa 15’000 bis 20’000 $ erreicht (etwa ein Drittel des Werts der USA). In den vergangenen Jahrzehnten gelang es nur wenigen Volkswirtschaften – besonders Südkorea, Taiwan und Singapur –, der sogenannten Middle Income Trap, also der Falle mittlerer Einkommen, zu entgehen und ihren Wohlstand weiterhin zu mehren.

Neben den Problemen, mit denen beinahe alle Entwicklungsländer konfrontiert sind – wie beispielsweise schwache Institutionen und schlechte Regierungsführung –, steht jedes der Brics-Länder auch vor individuellen Herausforderungen. Brasilien beispielsweise muss mit einer Rezession, niedrigen Ölpreisen und einem beispiellosen Korruptionsskandal in der staatlichen Ölgesellschaft Petrobras fertigwerden. Angesichts dessen sollten freierer Handel wie etwa mit den Nafta-Ländern (Kanada, USA und Mexiko) sowie günstigere Bedingungen für ausländische Investitionen, vor allem im Energiebereich, ganz oben auf der Agenda von Präsidentin Dilma Rousseff stehen.

Auch Russland spürt den Druck des niedrigen Ölpreises sowohl im laufenden Haushalt als auch hinsichtlich seiner Fähigkeit, den Energiesektor weiter zu entwickeln. Verschärft wird diese Herausforderung durch die Wirtschaftssanktionen, die von den USA und Europa als Reaktion auf Wladimir Putins aggressive Politik in Russlands unmittelbarer Nachbarschaft verhängt wurden. Schliesslich hat Russland mit einem dramatischen demografischen Problem zu kämpfen, das durch eine schrumpfende Bevölkerungszahl, eine weit unter dem Durchschnitt der Industrieländer liegende Lebenserwartung und die zunehmende Abwanderung qualifizierter Arbeitskräfte geprägt ist.

Indien hat derzeit die besten Aussichten

Indien weist zumindest momentan die besten kurzfristigen wirtschaftlichen Bedingungen auf. Unter der Führung des Gouverneurs der indischen Notenbank Reserve Bank of India, Raghuram Rajan, kam es zu einem Rückgang der Inflation, die bis vor kurzem eine Hauptbedrohung der Wirtschaft darstellte. Und in diesem Jahr soll das Wachstum gemäss Prognosen 7,5% betragen. Dennoch bleibt die Haushaltslage Indiens angespannt, und die Bevölkerung des Landes – die diejenige Chinas zahlenmässig bald überholen wird – lebt weiterhin überwiegend in ländlichen Gegenden und in verarmten Verhältnissen.

Trotz dieser sich abzeichnenden Herausforderungen setzt Premierminister Narendra Modi die versprochenen Wirtschaftsreformen nur langsam um. Obwohl ihm einige kleine Verbesserungen in den Bereichen Regulierung, Privatisierung und Geldtransfers für die Armen gelungen sind, bleiben mutigere Boden- und Arbeitsmarktreformen aus.

China seinerseits unternimmt den Versuch einer schwierigen wirtschaftlichen Neuausrichtung von einem exportorientierten zu einem konsumbasierten Wachstumsmodell. In der Pokersprache würde man sagen, der chinesische Präsident Xi Jinping versucht einen Inside Straight und setzt darauf, dass eine wachsende Mittelschicht für ausreichend Bedarf an Industrieerzeugnissen sorgen wird, womit verhindert werden soll, dass die immensen Überkapazitäten in der Grundstoffindustrie zu weit verbreiteter Arbeitslosigkeit führen.

Chinas Hochseilakt

Angesichts eines Werts von unter 40% des BIP – verglichen mit mindestens 60% in den Industrieländern – weisen die Konsumausgaben der privaten chinesischen Haushalte durchaus Wachstumsspielraum auf. Allerdings bleibt Chinas Wirtschaft weiterhin anfällig für erhebliche Risiken. Wie Japan vor Jahrzehnten sieht sich China heute mit Billigkonkurrenz etwa aus Vietnam konfrontiert; der Aktienmarkt ist überhitzt, und Xis Antikorruptionsprogramm hat – obwohl bei den gewöhnlichen Bürgern populär – zu weit verbreiteter Unsicherheit hinsichtlich der «Spielregeln» geführt.

Südafrikas Probleme sind Ausdruck eines Verlusts des Vertrauens in die Regierung, endemischer Korruption, eines massiven Infrastrukturbedarfs sowie restriktiver Regulierungen in den Bereichen Arbeitsmarkt und ausländische Investitionen. Und hinsichtlich der Umsetzung von Reformen befindet sich Präsident Jacob Zuma nicht auf dem richtigen Weg.

Die Brics-Staaten sind – und waren – den gleichen Kräften ausgesetzt wie andere Ökonomien. Doch obwohl sich ihre Abhängigkeit von Marktkräften verstärkt hat, diktieren die jeweiligen Regierungen weiterhin zu viele wichtige wirtschaftliche Entscheidungen, wodurch sich das Risiko für Ungleichgewichte oder sogar Krisen erhöht. Der entscheidende Faktor für den langfristigen Erfolg dieser Länder wird wohl ihre Fähigkeit sein, Institutionen zu entwickeln, die stärkere wirtschaftliche Freiheit unterstützen und sich weniger auf die Regierungen als vielmehr auf den Wettbewerb verlassen.

Copyright: Project Syndicate.