Märkte / Aktien

«Die Börsen werden auf neue Tiefs fallen»

Brian Whitmer, Stratege bei Elliott Wave International, erwartet einen massiven Ausverkauf an den Aktienmärkten. Erst danach sei die langjährige Baisse zu Ende.

Brian Whitmer wartet nicht mit guten Neuigkeiten auf. Der Europastratege von Elliott Wave International, der in seinem Dezember-Report die Aufhebung der Eurountergrenze durch die Schweizerische Nationalbank vorausgesagt hat, erwartet einen massiven Ausverkauf beim S&P 500 und bei anderen Aktienindizes. Das Analysehaus mit Sitz im US-Bundesstaat Georgia wurde 1979 vom Wallstreet-Urgestein Robert Prechter gegründet. Prechter, der dem Unternehmen immer noch vorsteht, weckte die damals fast vergessene Elliott-Wave-Theorie aus dem Dornröschenschlaf.

Herr Whitmer, Ihr Chef Robert Prechter gilt als Dauerpessimist, weil er seit langem den Kollaps der Aktienmärkte voraussagt. Machen Ihnen die Notenbanken mit ihrer extrem expansiven Geldpolitik nicht einen Strich durch die Rechnung?
Wir glauben nicht, dass die Notenbanken die Märkte treiben. Es ist genau umgekehrt: Die Märkte treiben die Notenbanken. Letztendlich setzt sich der Markt durch. Ein gutes Beispiel ist die Aufhebung der Eurountergrenze durch die Schweizerische Nationalbank, die von Millionen von Währungshändlern erzwungen wurde.

Gerade die US-Börse hat doch auf jede neue Runde geldpolitischer Lockerung mit weiteren Avancen reagiert.
Auch wenn das bisher der Fall war, muss dieser Zusammenhang nicht für immer gelten. Märkte reagieren höchst unterschiedlich auf vergleichbare Konjunktursignale oder Notenbankaktionen. So ging das Höchst des Goldpreises im September 2011 mit der Ankündigung der Operation Twist durch die US-Notenbank einher, obwohl die lockere Geldpolitik damals als Grund für die Fortsetzung der Goldhausse betrachtet wurde. Der schlimmste Absturz des Edelmetalls folgte auf die Ankündigung der dritten Lockerungsrunde, obwohl die Geldschwemme doch eigentlich unterstützend wirken sollte.

Die Korrelationen sind also nicht stabil.
Nehmen Sie den Ölpreis: Einmal gelten steigende Ölnotierungen als positiv für Konjunktur und Märkte, ein andermal als Belastung. Diese Zusammenhänge sind nicht konstant, sondern temporär. Im Nachhinein ist es natürlich immer einfach, eine Kausalität zu erkennen. Märkte werden weniger von den Fundamentaldaten als vielmehr von der Stimmung der Investoren getrieben, die zwischen Optimismus und Pessimismus pendelt. Der Rest ist Lärm. Das ist die Grundannahme der Elliott-Wave-Theorie.

Was besagt die Elliott-Wave-Theorie?

Ralph Nelson Elliott hat sein Modell in den Dreissiger- und Vierzigerjahren des letzten Jahrhunderts entwickelt, weil er beobachtete, wie sich an den Finanzmärkten bestimmte Muster wiederholen. Gemäss seiner Theorie setzt sich ein Aufwärtstrend aus drei Haussephasen und zwei Korrekturen zusammen – das macht fünf Trendabschnitte oder eben Wellen. Die dem Aufwärtstrend nachfolgende Baisse besteht aus zwei Abwärtsschüben und einer Zwischenhausse – das sind drei Schritte. Nach diesen acht Wellenbewegungen ist der Zyklus vollendet. Die Abfolge wiederholt sich immer wieder und baut sich so zu einem immer grösseren Trend auf – gewissermassen von der Minuten- bis zur Mehrjahreswelle.

Wie erklärt sich die Wellentheorie?
Elliott hat die Theorie aus seinen Beobachtungen abgeleitet und nie nach einer Begründung gesucht, warum sie funktionieren soll. Robert Prechter hat die Theorie in den Siebzigerjahren neu belebt. Nach Prechters Ansicht funktioniert Fortschritt nur, wenn es zwischenzeitlich zu Korrekturen kommt. Eine lineare Entwicklung wird nicht als Fortschritt aufgefasst. Mit fünf Aufwärtswellen können die drei Abwärtswellen überkompensiert werden.

Kritiker wenden ein, die Bestimmung der einzelnen Wellen sei subjektiv.
Manchmal ist tatsächlich kein Muster erkennbar. In diesem Fall wechsle ich auf eine andere Zeitperiode und versuche dann, einen Trend zu bestimmen. Das Schöne an der Theorie ist: Man weiss, wann man falschliegt. Bewegt sich der Markt anders als vom Modell vorausgesagt, müssen die Positionen glattgestellt werden.

Wie verwenden Sie diese Erkenntnisse?
Anhand des Elliott-Modells bestimmen wir, wo im Zyklus sich ein Markt befindet. Bestätigung für unseren Befund suchen wir in der Anlegerstimmung. Nach einer langen Hausse – wenn sich der Markt also in der fünften Welle befindet – werden die Anleger euphorisch. Die Trendwende ist dann nicht mehr fern. Das Gleiche gilt mit umgekehrten Vorzeichen nach einer zähen Baisse.

Machen wir die Probe aufs Exempel: Wo im Zyklus befindet sich Zurich Insurance (ZURN 372.30 -0.08%)?


Gegenwärtig befindet sich Zurich Insurance in der dritten Welle der 2009 gestarteten Hausse. Das heisst, es stehen noch eine Korrektur und die fünfte Aufwärtswelle aus. Diese dürfte Zurich leicht über das Hoch von 2007 bei 396.50 führen. In diesem Bereich hat die Aktie knapp zwei Drittel der zwischen 1998 und 2002 erlittenen Kursverluste aufgeholt. Danach dürfte der finale Ausverkauf folgen, der den Titel auf ein neues Tief drückt. Erst dann ist die langjährige Hausse vor 1998 ausreichend verdaut. Die Erholung seit 2003 folgt einem Zickzackkurs mit zwei fünfteiligen Haussen und einer dreiteiligen Korrektur. Ähnlich wie Zurich präsentieren sich der Euro Stoxx und viele andere europäische Indizes.

Die US-Börse zeigt sich in besserem Licht.
Wir bezeichnen die Bewegung des Dow Jones (Dow Jones 29'910.37 +0.13%) Industrial seit dem Jahr 2000 nach wie vor als orthodoxes Ende des Bullenmarktes. Nominal ist der Dow zwar in neue Sphären vorgestossen. Inflationsbereinigt oder in Gold (Gold 1'788.49 -1.42%) – der ultimativen Währung – gemessen notieren die US-Indizes aber unter dem Stand von damals. Das Gleiche gilt für den Dax (DAX 13'335.68 +0.37%). Der finale Ausverkauf, der die Indizes auf neue Tiefst drückt, steht noch aus.

Was sollen Investoren tun?
Anleger sollten auf den finalen Ausverkauf warten, indem sie viel sicheres Bargeld zum Beispiel in Franken und Dollar halten. Dieser Einbruch wird heftiger ausfallen als die Korrektur zwischen 2007 und 2009 und die meisten Aktienindizes auf ein neues Tief führen.

Ein solcher Crash dürfte auch für Staatsanleihen mit langer Laufzeit sprechen.
Wir bevorzugen das kurze Ende der Zinskurve. Irgendwann werden die Zinsen steigen, weil Anleger Zahlungsausfälle befürchten. In Griechenland sind die Zinsen nicht wegen Inflationssorgen angesprungen.

Die Zinsen in der Schweiz sind am kurzen Ende aber negativ.
In den frühen Achtzigerjahren wollte niemand in Aktien investieren, weil auf US-Sparkonten und Anleihen Zinsen im zweistelligen Bereich bezahlt wurden, während die Börse sechzehn Jahre lang nicht vom Fleck kam. Aber genau dann hätten Anleger umschichten sollen. Heute ist es gerade umgekehrt: Investoren meinen, es gebe keine Alternative zu Aktien, weil Cash keinen oder sogar einen negativen Ertrag abwirft und die Börsen steigen. Doch mit Bargeld oder kurzlaufenden Anleihen werden sie viel weniger verlieren als mit Aktien.

Wie stehen Sie zu Gold?
Wir empfehlen eine Kernanlage von 10 bis 15% in physischem Gold, obwohl wir für das Edelmetall nicht übermässig positiv sind. Die erste Abwärtswelle, die 2011 startete, steht zwar kurz vor dem Abschluss. Über die nächsten Monate dürfte eine Gegenbewegung einsetzen, der jedoch eine weitere Abwärtswelle folgt. Gold dient zur Absicherung, falls wir falschliegen.

Gemäss Ihrer Aussage warnt Sie die Wellentheorie, wenn Sie falschliegen. Ab welchem Indexstand müssten Sie Ihr unschönes Szenario aufgeben?
Sollte der Dax die Zone zwischen 10 516 und 13 366 mit breiter Partizipation und hohem Volumen durchbrechen, müssten wir unser Szenario überdenken. In diesem Fall könnte die Bewegung ab dem Jahr 2000 als grosses Dreieck mit entsprechend positiven Implikationen für den Dax interpretiert werden. Das ist aber nicht unser Basisszenario.

Sie bleiben also trotz der Zentralbankgeldschwemme ein überzeugter Deflationist?
Trotz der ganzen Gelddruckerei befinden sich die Konsumentenpreise vielerorts an der Schwelle zur Deflation. Auch das Kreditwachstum kommt nicht vom Fleck. Die Verschuldung ist zu hoch, deshalb ist das Umfeld deflationär. Das kann weder Janet Yellen noch Mario Draghi oder sonst ein Notenbanker ändern.

Gibt es Anzeichen, dass der von Ihnen erwartete Ausverkauf bevorstehen könnte?
Im Anleihenmarkt schichten die Anleger aus hochverzinslichen in sichere Papiere um, was sich in steigenden Kreditrisikoprämien äussert. Das Gleiche passierte im Jahr 2007. Damals wies der Anleihenmarkt fünf Monate Vorlauf auf den Aktienmarkt auf, der weiter avancierte. Auch jetzt hat der Anleihenmarkt gedreht, während die Börsen neue Höchst erklimmen.