Dossier-Bild Ein Artikel aus dem Dossier Spekulationsblasen
Märkte / Makro

Die Bowling-Euphorie der Sechzigerjahre

Gegen Ende der Fünfzigerjahre kommt in den USA ein Bowling-Boom ins Rollen. Massive Überkapazitäten stürzen die Branche jedoch bald ins Verderben.

Sommer 1945, der Zweite Weltkrieg ist endlich vorbei. Sechs Jahre Krieg und Zerstörung haben einen gewaltigen Blutzoll gefordert. Dennoch findet die Weltwirtschaft erstaunlich rasch in die Gänge zurück – so rasch, dass sie bereits Anfang der Fünfzigerjahre ins «goldene Zeitalter des Kapitalismus» eintritt.

Auch die Vereinigten Staaten werden von einem Boom erfasst. Steigende Einkommen und hohe Geburtenraten schaffen eine stark wachsende Mittelschicht, in der Zukunftsängste bald einer neuen Zuversicht weichen. Man will sich endlich wieder etwas leisten, die Freizeit geniessen, Spass haben. Und Unterhaltung finden Millionen von US-Amerikanern vor allem an einem Ort: beim Bowling.

1. Noch ist alles Handarbeit

Bowling, das sich aus dem bei europäischen Einwanderern beliebten Kegeln entwickelt, geniesst in den USA schon zu Beginn des 20. Jahrhunderts grosse Popularität. Doch gestaltet sich der Betrieb einer Bowlingbahn als äusserst arbeitsintensiv. Kaum ein Prozess ist automatisiert, fast alles muss von Hand erledigt werden.

Vielerorts übernehmen Teenager die Aufgabe, gefallene Kegel aufzurichten und die Kugeln zum Werfer zurückzurollen. Oft werden die sogenannten Pinboys schlecht bezahlt, was ihrem Arbeitseifer kaum zugutekommt. Streitereien mit den Spielern gehören deshalb zur Tagesordnung. Vor allem aber hat die geringe Automatisierung eines zur Folge: Sie schränkt die Möglichkeit ein, zu expandieren und Grössenvorteile auszunutzen.

Diese Probleme treffen in den Dreissigerjahren auch George Beckerle. Der Betreiber eines Bowlingcenters in Pearl River, New York, hat oft Schwierigkeiten, genügend Pinboys zu rekrutieren. Daran stört sich ebenfalls einer von Beckerles treuen Spielern, der Ingenieur Gottfried Schmidt. Beide diskutieren, wie sich die Prozesse effizienter gestalten liessen.

Mit einigen Helfern macht sich Schmidt daran, einen vollautomatisierten Kegelsteller zu entwickeln. Innerhalb eines Jahres konstruiert er einen funktionstüchtigen Prototypen, der mit einem Saugmechanismus arbeitet, wie er beim industriellen Falten von Papierbögen eingesetzt wird. Allerdings fehlen den Entwicklern die finanziellen Mittel, die Maschine in grösseren Stückzahlen zu produzieren.

2. Aufstieg der Maschinen

Der von Schmidt und Beckerle kontaktierte Bowlingkonzern Brunswick zeigt sich nicht interessiert – ganz im Gegensatz zu Morehead Patterson. Zwar fertigt das von seinem Vater geführte Unternehmen AMF (American Machine and Foundry) vor allem Maschinen für die Back- und Tabakindustrie. Doch Patterson ist rasch vom finanziellen Potenzial überzeugt und steigt in die Produktion ein.

Im Jahr 1946 kommt mit dem Modell 82-10 von AMF der erste automatische – wenn auch noch störungsanfällige – Kegelsteller auf den Markt. Technologische Neuerungen sorgen allerdings dafür, dass sich die Zuverlässigkeit im Alltagsbetrieb rasch verbessert. Nun drängen auch Wettbewerber wie Brunswick, die Jahre zuvor die Chance verpasst hatten, mit eigenen Maschinen ins Geschäft.

Landesweit werden immer mehr Bahnen mit automatischen Kegelstellern ausgerüstet, was sich positiv auf das Spielerlebnis auswirkt. Früher noch eine Sache  verrauchter Hinterzimmer, wird Bowling  zu einer familienfreundlichen Freizeitbeschäftigung der prosperierenden Mittelschicht – und so zum Massenphänomen.

3. Bowling knackt Jackpot

Gegen Ende der Fünfzigerjahre nimmt der Bowlingtrend weiter an Fahrt auf. Die Zahl der Spielstätten verdoppelt sich innerhalb von acht Jahren. Viele davon werden mit Krediten finanziert. 1963 sind landesweit bereits rund 11 000 Bowlingcenter im Betrieb, was ungefähr einem Center pro 16 000 Einwohner entspricht.

Nun springen auch die Fernsehnetzwerke auf den Zug auf. Die wachsende Verbreitung von TV-Geräten trägt Bowling in die Wohnzimmer der amerikanischen Familien. Landesweit ausgestrahlte Sendungen wie «Jackpot Bowling» und «Make That Spare» erfreuen sich zwischen dem Ende der Fünfziger- und dem Beginn der Sechzigerjahre grosser Beliebtheit.

In der Bevölkerung macht sich zusehends die Ansicht breit, dass der Popularitätsschub ewig anhalte. Das zeigt Wirkung: Aktien kotierter Unternehmen wie AMF und Brunswick schiessen in die Höhe. Allein Brunswick verteuern sich zwischen 1957 und 1961 um den Faktor sechzehn und gehören an Wallstreet regelmässig zu den meistgehandelten Titeln. Gleichzeitig schwappt die Euphorie auf angrenzende Branchen über. Zahlreiche kotierte Unternehmen profitieren vom Trend – egal ob es sich um Bahnbetreiber oder Hersteller von Kegeln, Kugeln, Bowlingschuhen oder Kreide handelt.

Die Euphorie wird von der Investmentgemeinde angeheizt, die Bowling als attraktive Wachstumsgeschichte preist. Zu den Fürsprechern gehört etwa ein junger Charles Schwab, der Jahre später den gleichnamigen Discount-Broker gründet. Schwab, der seinen Kunden Anlagetipps verschickt, rechnet vor: 180 Mio. Amerikaner, die zwei Stunden pro Woche und 52 Wochen pro Jahr dem Zeitvertreib frönen – das sei «eine ganze Menge Bowling».

4. Das Spiel ist aus

Die Hochstimmung erfasst auch das Sponsoring. Es sind nicht etwa Superstars aus Baseball oder American Football, die Rekordkontrakte erhalten, sondern die professionellen Bowler. Don Carter, einer der besten Vertreter seiner Ära, ist der erste amerikanische Athlet, der mit einem Werbevertrag von 1 Mio. $ ausgestattet wird. Gleichzeitig verdient er ein erkleckliches Sümmchen mit Turnieren, Showwettkämpfen und TV-Auftritten dazu.

Doch irgendwann wird deutlich: Der jahrelange Boom hat zu massiven Überkapazitäten geführt. Viele Betriebe rentieren nicht mehr, können die aufgenommenen Kredite nicht mehr bedienen und gehen bankrott. Die Krise wird dadurch verschärft, dass in der Endphase des Booms Lokale wie Pilze aus dem Boden geschossen sind – selbst in schlecht frequentierten Gegenden, die sich schon von Beginn weg kaum als gute Standorte angeboten hatten. Parallel dazu zeichnen sich in den USA tiefgreifende demographische Veränderungen ab. Arbeiter verlassen die Städte und ziehen scharenweise in die Vororte, was den Geschäftsgang urbaner Bowlingcenter zusätzlich belastet.

Allein zwischen 1962 und 1966 muss Brunswick rund 20 000 Kegelstellmaschinen pfänden oder zurückkaufen, die sich insolvente Bahnbesitzer nicht mehr leisten können. Zudem schliesst die Gesellschaft mit vielen krisengeplagten Eigentümern Verträge ab, den operativen Betrieb zu übernehmen – oder gleich das gesamte Bowlingcenter zu erwerben.

5. Die schwarze Kugel

Die Ernüchterung bringt den Börsenboom zu Fall. Genauso rasch, wie die Aktienkurse zuvor in die Höhe geschnellt waren, brechen sie nun wieder ein. Per 1964 haben die Brunswick-Valoren gegenüber ihrem Höchst mehr als 90% eingebüsst. Auch AMF findet nach dem Crash nie mehr zu alten Spitzenzeiten zurück: Die Fokussierung auf Bowling in den Achtziger- und Neunzigerjahren hat nur temporär Erfolg. 2001 muss das Unternehmen definitiv Konkurs anmelden.

Obwohl Bowling in den USA nach wie vor grosse Popularität geniesst, hat sich die Zahl der Bowlingcenter inzwischen auf einem deutlich niedrigeren Niveau eingependelt. Mit knapp 4000 – rund einem Center pro 80 000 Einwohner – liegt es tiefer als während der Fünfzigerjahre, obschon die Bevölkerung im gleichen Zeitraum auf über 300 Mio. gewachsen ist.

Lehrgeld hat auch Charles Schwab bezahlt. Wann immer sich beim inzwischen 78-Jährigen eine gefährliche Sorglosigkeit breitmache, denke er an die Bowlingblase zurück. Das habe ihn, wie er einst der Nachrichtenagentur Bloomberg erklärte, vor so manchen Verlustgeschäften bewahrt. Auf seinem Arbeitstisch steht deshalb eine schwarze Bowlingkugel – als Warnung, stets rational zu bleiben und niemals in Hysterie zu verfallen.