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Fintech: «Die Branche steht immer noch am Anfang»

Die Fintech-Forscher Andreas Dietrich und Thomas Ankenbrand über die Schweizer Finanztechnologie und warum die Blockchain noch etwas Zeit braucht.

Valentin Ade

Sie sind die Vermesser der Schweizer Finanztechnologie: Seit drei Jahren veröffentlichen Thomas Ankenbrand und Andreas Dietrich vom Institut für Finanzdienstleistungen Zug ihre Fintech-Studie. Im Interview sagen die Bankenprofessoren, wo die Schweizer Fintech steht, was sich in Zukunft tun wird und warum gerade das beschauliche Zug eine so zentrale Rolle dabei spielt.

Herr Ankenbrand, Herr Dietrich, in Ihrer Studie schreiben Sie, die Schweiz gehöre zu den weltbesten Orten für Fintech. Ist das Lokalpatriotismus?
Ankenbrand:
Überhaupt nicht. Methodisch ist das kein eigenes Ranking. Wir haben eine Vielzahl anderer Studien genommen und die politischen, wirtschaftlichen, sozialen und technologischen Indikatoren herausgezogen.
Dietrich: Es ist ein Ranking nach Rahmenbedingungen, nicht nach dem Ergebnis dieser Bedingungen. Wir stellen also dar, wo Fintech die besten Voraussetzungen hat, nicht, wo Fintech heute am erfolgreichsten ist.

Die Schweiz ist also nicht so erfolgreich, wie ihr Ranking suggeriert?
Ankenbrand:
Die Schweizer Fintech ist noch nicht so stark, wie es die Rahmenbedingungen zulassen würden. Weder im Bereich Finanzierungsvolumen noch geschaffener Jobs oder Bewertungen der Unternehmen. Aber das schnelle Wachstum der Start-ups im «Crypto Valley» hier in Zug ist ein Beispiel dafür, wie ein Samen auf fruchtbaren Boden gefallen ist.

Warum ist der Fintech-Standort noch nicht so weit, wie er sein könnte?
Dietrich:
Die Branche steht immer noch relativ am Anfang. 2017 sind – ohne ICO – rund 130 Mio. Fr. Wagniskapital in Schweizer Fintech Start-ups geflossen. Das ist im Vergleich zu 2016 ein Vielfaches mehr, im Vergleich zum ganzen Wagniskapitalmarkt von 1 Mrd. Fr. aber immer noch eher wenig.

Woran liegt das?
Dietrich:
Das hat mehrere Gründe. In der Schweiz ist es zum Beispiel Pensionskassen nicht erlaubt, in Start-ups zu investieren. Dann ist der Schweizer Markt auch einfach klein.
Ankenbrand: Das Wagniskapitalgeschäft ist aber auch grundsätzlich ein sehr internationales, und die Schweiz ist da global eingebettet. Wenn man Fintech-Unternehmen selbst fragt, wird die Finanzierung allerdings als kein grosses Problem angesehen. Sie haben aber auch oft kein kapitalintensives Geschäftsmodell, anders als beispielsweise die Biotechs.

In welchen Bereichen sind die Schweizer Fintech-Start-ups vor allem tätig?
Dietrich:
Die meisten sind im Investment-Bereich tätig. Aber grundsätzlich sind sie über die sechs von uns identifizierten Kategorien relativ ausgeglichen verteilt.
Ankenbrand: Schweizer Fintech-Start-ups richten ihre Dienstleistungen und Produkte vor allem an andere Unternehmen, und das international. Im vergangenen Jahr haben wir zudem viele Gründungen im Bereich der Blockchain-Technologie gesehen.

Warum richten sich so wenige Start-ups mit ihren Angeboten direkt an die Kunden?
Dietrich:
Der Schweizer Markt ist mit rund 8 Mio. potenzieller Kunden und vier Sprachen zu klein, als dass ein Fintech-Start-up schnell gross werden könnte. Zudem sind die Kunden hierzulande träge, wenn es darum geht, auf ein neues Angebot zu wechseln, erst recht, wenn es um ihr Geld geht.

Die Ankündigung einiger Start-ups, sie würden den Banken die Kunden abluchsen, war also leeres Kriegsgeheul?
Ankenbrand:
Vor einigen Jahren konnten wir die Frage nicht klar beantworten: Wird die Digitalisierung der Finanzbranche revolutionär oder evolutionär ablaufen? Mittlerweile wissen wir, es ist aktuell eine Evolution. Das heisst aber nicht, dass manche Technologien und Geschäftsmodelle nicht noch revolutionären Charakter entwickeln können.

Die Banken stehen also nicht wirklich unter Druck, sich zu digitalisieren?
Ankenbrand:
Die Schweizer Banken haben bereits heute einen hohen Digitalisierungsgrad. In den vergangenen Jahren haben sie durch eigene Projekte und in Zusammenarbeit mit den Start-ups vorwärtsgemacht.

Wo sind die Schweizer Banken denn noch nicht digitalisiert?
Dietrich:
Zurzeit laufen grosse Projekte zur Prozessdigitalisierung. Wenn ich z. B. als KMU einen neuen Finanzchef einsetze, muss ich das der Bank schriftlich kommunizieren, das dauert Wochen. Das Gleiche bei der Eröffnung von Spar- oder Vereinskonten. Bald wird das einfach und schnell online gehen. Das sind wenig spektakuläre Dinge, die das Banking aber sehr vereinfachen und das Kundenerlebnis deutlich verbessern werden.

Schützt nicht auch die Regulierung die Etablierten vor angriffigen Newcomern?
Dietrich:
Es hat sich konkret bereits etwas getan. Für Crowdfunding-Unternehmen beispielsweise wurde die Haltefrist für angenommene Gelder ausgeweitet, und für gewerbliche Zwecke wurde die 20er-Regel aufgehoben. Sprich, die Crowdfunding-Unternehmen dürfen nun von mehr als zwanzig Personen Gelder annehmen.

Blockchain-Start-ups in Zug geben eigene Kryptowährungen heraus und nehmen so von Investoren Millionen ein, ohne ein Produkt zu haben. Erinnert Sie das nicht an die Dotcom-Blase?
Dietrich:
Die Parallelen sind offensichtlich. Die Anzahl Krypto-Start-ups, auch mit fragwürdigen Projekten, ist stark gestiegen. Allerdings: Die meisten Start-ups verbinden mit den ausgegeben Coins keine Verpflichtungen. Personen geben diesen Unternehmen Geld, ohne eine konkrete Gegenleistung zu erwarten. Das geht in Richtung Spendensammlung.
Ankenbrand: Wie zur Zeit der Dotcom-Blase sieht man viele interessante Projekte, aber auch weniger fundierte. Zu beurteilen, welche Ideen sich durchsetzen und welche scheitern werden, ist schwer. Es handelt sich oft um völlig neue Geschäftsmodelle.
Dietrich: Die Spreu muss sich hier noch vom Weizen trennen.

Warum hat sich gerade Zug zu einem weltweit beachteten Ort für Krypto- und Blockchain-Start-ups entwickelt?
Ankenbrand:
Die Rahmenbedingungen sind recht gut. Nach den ersten Start-up-Gründungen hat sich rasch ein nährendes, innovatives Umfeld entwickelt. Politik und Verwaltung sind sehr wirtschaftsfreundlich, die Wege sind kurz. Und dann hat man einfach gut kommuniziert. Ich glaube, bisher haben nicht viele ihre Verwaltungsgebühren in Zug mit Bitcoin bezahlt, aber allein die Möglichkeit war ein starkes Signal vonseiten der Politik.

Es gibt viele Blockchain-Projekte. Wann werden die Konsumenten etwas spüren?
Dietrich:
Die Schweizer Börse arbeitet an einer Blockchain-Lösung für den Handel mit strukturierten Produkten. Daneben gibt es aber nur wenige Projekte, die bereits beim Kunden angekommen sind. Die Technologie ist noch nicht so weit, um in der Breite eingesetzt zu werden, und hat auch noch ein Performanceproblem.
Ankenbrand: Wir haben auch einfach eine sehr gute Finanzplatzinfrastruktur, die nicht zwangsläufig durch Blockchain ersetzt werden muss. Mich erinnert Blockchain heute an das Internet vor 25 Jahren. Man wusste, es hat riesiges Potenzial, was man damit anfangen will, war aber noch nicht klar.

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