Meinungen

Die Bremse an der Kreditmaschine fehlt

Die anziehende Inflation zeigt, wie zentral eine regelgebundene Fiskal- und Geldpolitik und unabhängige Währungsbehörden sind. Ein Kommentar von Christoph A. Schaltegger.

Christoph A. Schaltegger
«Inflationsprozesse speisen sich aus einem Verlust des Vertrauens in die Institutionen.»

Unternehmer sind damit schon länger konfrontiert, doch neuerdings reden auch Konsumenten und Sparer täglich davon: Inflation. Nachdem die Frage stabilen Geldes in den vergangenen Jahren nur wenige ausserhalb der akademischen Zirkel beschäftigt hat, verunsichern die teilweise abrupten Preissteigerungen die Öffentlichkeit nun immer stärker. Ob das Gespenst kurzzeitig unterbrochenen Lieferkettenengpässen geschuldet und also temporärer Natur sei oder ob es uns doch hartnäckiger begleiten dürfte, wird unter Experten kontrovers beurteilt, denn für beide Szenarien gibt es gute Argumente.

Geschichte wiederholt sich nicht, aber man kann aus ihr lernen. Bezugspunkte in der Wirtschaftsgeschichte sind deshalb wichtig. Die aktuelle Situation wird gerne mit den Siebzigerjahren verglichen. Kurz zur Erinnerung: Nach dem Ende der Goldbindung des Dollars und dem Zusammenbruch des Bretton-Woods-Systems fixer Wechselkurse 1973 gab es keine Bremsen mehr an der Kreditmaschine der Währungshüter – wie es der Ökonom Joseph Schumpeter mit Blick auf den Goldstandard einmal bildhaft formuliert hatte. Bereits im Jahrzehnt zuvor hatten der Ausbau des Sozialstaats und der Vietnamkrieg die Staatsfinanzen dauerhaft aus dem Gleichgewicht gebracht. Zudem übten die Regierungen mit Wachstums- und Beschäftigungszielen enormen Druck auf die Zentralbank aus, eine allzu expansive Geldpolitik zu führen. 1973 kam ein dramatischer Ölpreisschock dazu, der die relativen Preise durcheinanderwirbelte.

Als Paul Volcker 1979 sein Amt als Chef der amerikanischen Zentralbank (Federal Reserve) übernahm, war die Lage verworren. Die Inflationsrate überschoss die Marke von 9%. Nach Jahren mit einer hektischen Stop-and-Go-Politik der Notenbank befand sich die wichtigste Volkswirtschaft in einer Stagflation – dieser üblen Kombination aus hartnäckiger Inflation und wirtschaftlicher Stagnation mit beharrlicher Arbeitslosigkeit.

Heilsamer Volcker-Schock

Erst der unverzügliche und beherzte Strategiewechsel Paul Volckers gleich nach seinem Amtsantritt hin zu einer strikten Disinflationsstrategie läutete die geldpolitische Wende ein. Volcker erhöhte die Leitzinsen unerschrocken bis auf 20% und liess die Inflation bis zum Sommer 1982 verhungern. Die Begleiterscheinungen dieser konsequenten Geldpolitik waren allerdings durchaus ungemütlich: Die USA stürzten in eine Rezession, der amtierende Präsident Jimmy Carter verlor 1980 die Wiederwahl gegen Ronald Reagan, und eine Verschuldungskrise in Lateinamerika folgte.

Wie aussagekräftig ist vor diesem Hintergrund der Vergleich der heutigen Situation mit derjenigen in den Siebzigerjahren? Die damalige reale Entwicklung war alles andere als zwingend. Das grundsätzliche Problem lag in einem breiten Verlust des Vertrauens in den US-Dollar begründet, der sich einstellte: die Inflationserwartungen waren nicht mehr fest verankert. In Erwartung ständig steigender Preise setzten die Sozialpartner auf dem Arbeitsmarkt eine verhängnisvolle Lohn-Preis-Spirale in Gang. Volckers Verdienst bestand darin, das Vertrauen in die Institutionen, den Staat und sein Geld wiederherzustellen. Natürlich nicht er allein, doch stand Volcker repräsentativ für eine glaubwürde Stabilitätspolitik.

Zugleich war die Lage der Staaten damals eine andere als heute. Die Staatsverschuldung der USA lag zu Beginn der Achtzigerjahre bei 25% der Wirtschaftsleistung. Im Vergleich zum heutigen Stand von rund 130%, Tendenz stark steigend, ist das geradezu vernachlässigbar.

Fatale Staatsverschuldung

In vielen europäischen Ländern sieht die Situation nicht besser aus: Der Durchschnitt der Eurozone nähert sich 100% an. Aktuell muss daher der finanzpolitische Kanal als zusätzliche Gefahr für die anheizende Inflation gesehen werden. Man spricht in der Literatur von fiskalischer Dominanz, wenn die Notenbanken ihre geldpolitischen Entscheide auch mit Blick auf die staatliche Verschuldung treffen. Dies kann für das Vertrauen in die zukünftige Geldwertstabilität nicht ohne Folgen bleiben.

Auch dafür gibt es einen dramatischen Referenzpunkt, der als lehrreiche Fallstudie dienen kann: die deutsche Hyperinflation von 1923. Was war damals geschehen? Im Ersten Weltkrieg finanzierte sich der deutsche Staat wegen fehlender Steuerkompetenzen auf Reichsebene – ähnlich wie die Schweiz, doch in starkem Kontrast zu Grossbritannien – überwiegend mit Staatsanleihen bei der eigenen Bevölkerung. Der Schuldenstand lag 1918 bei 131% der Wirtschaftsleistung.

Dabei blieb ein Teil der Staatsschuld ungedeckt und wurde durch die Reichsbank monetisiert. Die Reichsbank ihrerseits genoss faktisch keine Unabhängigkeit von der Reichsregierung, und die durch die Golddeckung der Banknoten eingebaute Bremse an der Kreditmaschine wurde im August 1914 aufgegeben. Die Mark verlor damit ihren Stabilitätsanker.

Die enorme Ausweitung der Geldmenge hatte zunächst kaum inflationäre Schübe ausgelöst. In der Kriegswirtschaft waren viele Preise administriert und behördlich kontrolliert, sodass die Inflation zurückgestaut wurde. Mit dem Ende des Krieges und der Bewirtschaftungsmassnahmen trat die Inflation dann aber offen zutage. Allerdings war der Preisauftrieb anfangs zu einem guten Teil der nachholenden Nachfrage geschuldet und daher nur temporär: Die Preise stabilisierten sich 1920/21, trotz weiter steigender Geldmenge.

Politische Krisen lösten deutsche Hyperinflation aus

Das auslösende Moment des unkontrollierten Entwertungsprozesses lag auch hier in wiederholten politischen Krisen, die das Vertrauen in die Stabilität der Weimarer Republik nachhaltig beschädigten. Trotz der enormen Machtzunahme des Reiches durch die Zentralisierung der Steuerkompetenzen im Rahmen der Erzberger Steuerreformen blieben die schnell wechselnden Regierungen labil und verharrten in der Defizitfinanzierung steigender Ausgabenansprüche. Fast 90% der Einnahmen im Haushalt wurden über Staatsanleihen gedeckt.

Eine Rückkehr zu stabilen Währungsverhältnissen hätte der Andockung an einen Stabilitätsanker wie das Gold bedurft. Dies hätte freilich eine kurzfristige Rezession und politischen Widerstand ausgelöst. Dafür brachten die schwachen Regierungen der Weimarer Republik aber nicht die Kraft auf. Es kam zu einem dauernden Nachfrageüberhang, der sich ab Sommer 1923 nicht mehr durch einen Anstieg der Geldmenge der Reichsbank, sondern eine steigende Umlaufgeschwindigkeit des Geldes speiste und verselbständigte. Auf dem Höhepunkt der Hyperinflation mussten die Löhne zwei Mal täglich ausgezahlt werden, da der Wert der Mark stündlich fiel. Trotzdem hielten die Reallöhne dem Tempo der Inflation nicht stand und sanken unter den Stand von 1913. Dramatische gesellschaftliche und soziale Verwerfungen waren die Folge. Die Flucht in Parallelwährungen und Sachwerte setzte ein.

Auch in den Zwanzigerjahren stand am Anfang der ausser Rand und Band geratenen Inflation ein Vertrauensverlust. Der spektakuläre Währungszusammenbruch endete erst, als sich der durch die Inflationssteuer entschuldete Staat im November 1923 zu einer Währungsreform durchrang. Mit der an Realvermögen gekoppelten Rentenmark und einer gegenüber der Reichsregierung restriktiven Kreditpolitik gelang es dem neuen Reichsbankpräsidenten Hjalmar Schacht, Vertrauen in die neue Währung zu schaffen. Die Inflation stoppte. Ein interessantes Detail ist, dass Schacht selbst ursprünglich ein Gegner der Rentenmark war und sich nur von einer Goldwährung tatsächliche Stabilität versprach.

Regelbindung bildet Vertrauen

Was kann man aus diesen beiden Fallstudien also lernen? Eine Inflation kann sich unter bestimmten Bedingungen – Nachfrage- und Geldüberhang – jederzeit einstellen. Ausser Kontrolle gerät sie, wenn das Vertrauen in das Geld und die staatlichen Institutionen schwindet. Wann das geschieht, wann also das System kippt, kann niemand genau sagen.

Eine auf die Stabilitätskultur ausgerichtete Fiskal- und Geldpolitik ist deshalb zentral für die Erwartungsbildung in der Wirtschaft und damit für die Preisentwicklung. Inflationsprozesse speisen sich aus einem Verlust des Vertrauens in die Institutionen, die die Geld- und die Fiskalpolitik verantworten. Dieser Vertrauensverlust kann effektiv durch eine sinnvolle Regelbindung gestoppt und vermieden werden.

Die regelgebundene Fiskal- und Geldpolitik beruht auf der klugen Selbstbindung der Akteure und ihres Handlungsspielraums. Die «Bremse an der Kreditmaschine» ist auch heute zentral für die Vertrauensbildung. Wer die finanzpolitischen Spielräume einer Schuldenbremse für die Bedienung von Sonderinteressen der Verbände erweitern möchte, kann sich zwar des kurzfristigen politischen Applauses sicher sein, doch mittelfristig führt die Unterwanderung der regelgebundenen Finanzpolitik zu einer ausufernden Anspruchsmentalität, die den Staat überfordert.

Gleiches gilt selbstverständlich für die Unabhängigkeit der Währungsbehörden und die Fokussierung ihres Mandats auf die Preisstabilität. Es ist an der Zeit, die während Jahren durch eine Stabilitätskultur aufgebaute Reputation wieder stärker zu betonen, dem Anschein einer fiskalischen Dominanz glaubhaft entgegenzutreten und den wirtschaftspolitischen Ansprüchen ohne Bezug zur Preisstabilität eine Absage zu erteilen.