Unternehmen / Ausland

Die Disney-Magie wird in Zürich erzaubertMarkus Gross führt das einzige Disney-Entwicklungszentrum ausserhalb der USA – Weltweit führend in Animationsfilm- und 3D-Technik – Kooperation mit der ETH

Jan Schwalbe

Wie hätte es auch anders sein können: Daniel Düsentrieb, der idealistische Erfinder aus Entenhausen, ist das Jugendidol und die Inspiration von Markus Gross, der das Disney Research Center in Zürich leitet. Schon als Kind verschlang der Informatikprofessor die «Lustigen Taschenbücher». «Bis Band 300 hatte ich sie alle», erinnert er sich. Doch dass er heute als einer der weltweit gefragtesten Animationsspezialisten das einzige Disney-Forschungslabor ausserhalb der USA führt, hätte er damals nicht zu träumen gewagt.

In zwei knallroten Villen, die wie auch die Computer-Infrastruktur von der ETH zur Verfügung gestellt werden, toben sich hoch über Zürich vierzig hochbegabte Wissenschaftler aus. Die Arbeitsräume gleichen eher Kinderzimmern als Forschungsstätten. Stefan Mangold, der die Gruppe Wireless Communications führt und vor Spielzeugen von Toy Story sitzt, die direkt mit dem Computerbildschirm kommunizieren, ist von Bildern aus dem Film «Dschungelbuch» umgeben. Die Wände sind hellgrün. Paul Beardsley, der sich mit seinem Team um die realistische Aufnahme von 3D-Szenen kümmert und dafür komplexe Kamerasysteme entwickelt, sitzt, umzingelt von Löwen aus dem Film «Lion King», in einem sandfarbenen Zimmer.

«Der heilige Gral»

Am verspieltesten ist aber das Büro des Chefs selbst. An den Wänden hat Markus Gross unzählige Zeichnungen aus dem Film «Peter Pan» hängen. In der Mitte steht eine antike Weltkugel und in der Ecke eines der obskursten Instrumente der Rockgeschichte: ein Theremin. Mulmig wird dem Besucher allerdings, wenn er auf dem Tisch gleich neben einem riesigen Tigger-Stofftier aus «Winnie The Pooh» unzählige auf Metallstangen gespiesste Modelle von Menschenköpfen sieht, die täuschend echt aussehen.

Doch für die Modelle gibt es einen guten Grund: «Die Animation des menschlichen Gesichts ist der heilige Gral unserer Branche», sagt Gross. Jetzt leuchten seine Augen. Wenn er erklärt, wie schwierig es ist, schon nur die Mikrogeometrie der Bewegung eines Augenlids nachzuempfinden und wie komplex die Algorithmen sind, die für eine auch nur annähernd realistische Filmsequenzen errechnet werden müssen, ist er in seinem Element.Noch ist die Filmwelt mehrere Schritte vom Idealbild entfernt. Wenn Gross über den Disney-Film «Tron: Legacy» spricht, in dem Hauptdarsteller Jeff Bridges jünger gemacht wird, dann sagt er: «Das ist noch lieblos. Da fehlt jegliche Expressivität.» Für ihn zählt nur die Perfektion. «Je näher man einem realistischen Gesicht kommt, desto stärker die Emotion des Zuschauers», ist er sich bewusst. «Das ist bei unseren vereinfachten Disney- und Pixar-Charakteren kein Problem. Doch sobald es um Menschen geht, ändert sich alles», doppelt er nach. Auch von «Avatar», dem von der Visualisierung her wohl beeindruckendsten Animationsfilm, ist er nicht vollends begeistert. «Für ‹Avatar› wurden humanoide Ausserirdische animiert. Da ist die Erwartungshaltung an die Umsetzung tiefer.»Die grossen Effektstudios der Welt arbeiten daran, das menschliche Gesicht wirklichkeitsgetreu umzusetzen. Jeder will der erste sein. Der grosse Konkurrent ist das Lucas-Film-Studio International Light & Magic, das an Filmen wie «Avatar» und «Iron Man 2» beteiligt war. «Dank unseres weltweit einzigartigen Scanners sind wir bereits in der Lage, das Gesicht auf mikroskopischer Ebene bis hin zu den Poren zu vermessen und sogar einzelne Sequenzen mit 24 Bildern pro Sekunde aufzunehmen», frohlockt Gross. Doch damit ist er noch nicht zufrieden: Er will humanoide Roboter aus deformierbaren Materialien bauen, die sich wirklichkeitsnah bewegen können. Daniel Düsentrieb wäre wohl neidisch.

Über siebzig Patente

Gross und sein Team sind für Disney schon heute kaum entbehrlich. Für viele der letzten Pixar- und Disney-Filme haben die Züricher Techniken erfunden. Dazu gehören die wehenden Haare von Rapunzel in «Tangled» und Animationsverfahren aus «The Princess and The Frog». Insgesamt hat Disney Zürich seit der Eröffnung im vergangenen April über siebzig patentierte Anwendungen entwickelt. Stolz ist Gross, der neben seiner Arbeit für Disney seit sechzehn Jahren als Professor an der ETH lehrt, besonders auf das – auch kommerziell interessante – Verfahren, Videos ohne Verzerrung auf Formate wie Fernseher und Smart Phones zu transferieren. Auch die Arbeit für den zum Disney-Konzern gehörenden TV-Sender ESPN an 3D-Aufnahmen von Live-Sportveranstaltungen ist ein Meilenstein des Labors.

Gross will die revolutionären Verfahren auch anderen Unternehmen zugänglich machen. «Disney ist kein High-Tech-Konzern wie Microsoft oder Samsung. Wir haben kaum Ingenieure. Deshalb wollen wir den Technologietransfer über Start-up-Unternehmen ermöglichen.» Die Patente von Disney sollen in Zusammenarbeit mit der ETH in eine Art ETH-Spin-off übertragen werden. Disney agiert darin als Investor. Gemeinsam mit lokalen Investoren soll die Technologie kommerzialisiert werden. Die ersten Projekte wird es für 3D-Anwendungen geben. Das könnte auch in der Schweiz Arbeitsplätze schaffen.

Spass, Spass, Spass

Der Geist von Walt Disney ist in den beiden Villen allgegenwärtig und das nicht nur, weil sein Porträt in der Eingangshalle hängt. Mit grossem Eifer arbeiten die Forscher an interaktiven Themenparks für Kreuzfahrtschiffe, an 3D-Projektionen auf alltäglichen Flächen, an Green Toys, die ohne Batterie auskommen, und an Figuren, die gegenseitig Informationen austauschen. Spass liegt immer in der Luft.

Der ETH ist mit der Gründung von Disney Research ein grosser Coup gelungen. Einerseits ist sie an vielen Patenten mitbeteiligt. Anderseits wertet die Zusammenarbeit, die Vorlesungen der Forscher und Doktoratsprogramme umfasst, den Studiengang Informatik auf. Zusammen mit dem Zentrum an der Carnegie-Mellon-Universität in Pittsburgh ist Disney Research Zürich das einzige Disney-Labor, das an einer Universität angesiedelt ist. Es ist zu hoffen, dass die Zusammenarbeit mit der ETH langfristig gedeiht und wächst. Vieles hängt an der Person von Markus Gross. Er hat die Beziehung zu Disneys Forschungschef Joe Marks aufgebaut und wegen Gross ist Disney nach Zürich gekommen. Dass die ETH die wohl beste technische Hochschule Europas ist, hilft zusätzlich. Als Koryphäe der Computeranimation vergeht für Gross kaum eine Woche, in der nicht jemand versucht, ihn abzuwerben. «Ich hab auch schon Anrufe von Google gekriegt. Doch das ist für mich nicht attraktiv. Ich bin von Herzen gerne Forscher und Professor. Das bietet mir kaum jemand anders.» Es sieht also so aus, als ob die Traumfabrik über den Dächern von Zürich noch lange Disney-Magie versprühen wird.

Bitte loggen Sie sich ein, um diesen Artikel vollständig zu lesen.

Leser-Kommentare