Meinungen

Die Dividende ist nicht sakrosankt

Jetzt ist langfristiges Denken gefragt. Dazu gehört auch ein Verzicht auf die Dividende. Ein Kommentar von FuW-Chefredaktor Jan Schwalbe.

«Es geht um die Zukunft und ums Überleben.»

Lindt & Sprüngli (LISN 82'700.00 -0.6%) hält an der Dividende fest. Das ist gut so. UBS (UBSG 12.89 -0.04%) will sie ebenfalls ausschütten. Da bin ich mir schon weniger sicher. Doch wenn ein Unternehmen wie Dufry (DUFN 53.40 +0.53%) nun ankündigen würde, die Ausschüttung wie geplant durchzuziehen, würde ich, ehrlich gesagt, die Welt nicht mehr verstehen.

Klar, die Dividende, die jetzt ausgezahlt wird, ist sozusagen die Belohnung für ein erfolgreiches Jahr, und das war 2019 für die meisten Schweizer Konzerne. Warum sollten Aktionäre darauf ­verzichten? Weil es für viele Unternehmen andere Prioritäten gibt als Dividende und Kurspflege. Es geht um die Zukunft und ums Überleben.

Einfach gesagt: Unternehmen sollten nur so lange ausschütten, wie es ihren Finanzen nicht schadet. Das können Konzerne wie Nestlé (NESN 99.43 -0.59%), Novartis (NOVN 81.28 -0.78%) und Roche (ROG 302.20 -0.15%), die eine starke Bilanz haben und damit auch ein Zeichen nach vorne setzen. Doch schon bei vielen Banken setze ich ein Fragezeichen. Die Finanzmarktaufsicht appelliert an die Institute und stellt klar, dass Mittel, die bei der Erleichterung der Leverage Ratio freigesetzt wurden, nicht ausgeschüttet werden dürfen. Im Rest von Europa ist der Druck deutlich höher. Die Europäische Zentralbank ordnet die Aussetzung der Zahlung an. Frankreich will gar alle Dividenden von Unternehmen, die in irgendeiner Form Staatshilfe kriegen, zurückhalten.

So weh es den Anlegern kurzfristig tut: Wenn Unternehmen wie Valora (VALN 174.20 -0.91%), Calida (CALN 29.80 +1.36%) oder Bossard (BOSN 158.40 -2.34%) die Dividende kürzen oder gar streichen, müssen sie das akzeptieren. Jetzt ist langfristiges Denken gefragt. Heute ausschütten und nachher teuer mit einer Kapi­talerhöhung zurückholen wäre für Unternehmen und Aktienkurs fatal.

Leser-Kommentare

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Aloys K. Osterwalder 01.04.2020 - 00:27
Für mich war und ist die Dividende ein wichtiges Element unseres marktwirtschaftlichen Systems – das Entgelt für das Risiko des Kapitalgebers und nicht zuletzt summiert ein bedeutender Beitrag an unsere Pensionskassen und an die private Vorsorge. Dass sich die FuW wie auch die linksorientierte FINMA jetzt gegen Dividendenzahlungen auch potenter Unternehmen stemmt, ist auch in wirtschaftlich schwierigen Zeiten gefährlich. Ideenlose… Weiterlesen »
Arthur Müller 01.04.2020 - 10:33
Das sehe etwas anders: Dazu gehören auch die hohen Löhne der Kader. Läuft es schlecht, dann trägt der Aktionär die Kürzung oder den Verzicht ( der Markt war schlecht ) läuft es gut, war das Kader super aufgestellt und hat sich Tag und Nacht für das Unternehmen (und damit für die Aktionäre) aufgeopfert. Dazu noch die Allerliebsten komplett vernachlässigt. Ist… Weiterlesen »
Hansjürg Iten 01.04.2020 - 14:27

Die Pensionskassen und die AHV wird es freuen, wenn sie keine Dividende erhalten. Wir zahlen es dann wieder mit Sanierungsbeiträgen und höheren Abzügen auf den Löhnen. Es sind nicht nur “reiche” Leute, die Dividenden erhalten.

Piero Angstmann 01.04.2020 - 15:22
Für mich als Kleinaktionär der UBS und somit auch Miteigentümer der Gesellschaft erstaunt schon diese Haltung der Selbstverständlichkeit, der Forderung, im Dienste der Allgemeinheit, der Wirtschaft, der Zukunft per se auf eine Dividende zu verzichten. Zumal die Bank wirtschaftlich gut aufgestellt ist. Herangezogene Vergleiche zur letzten grossen Finanzkrise ihr Ziel verfehlen. Falsch sind. In der Diskussion müsste mindestens der Gedanke… Weiterlesen »
Thomas Bornhauser 01.04.2020 - 17:08
Was mich an diesem Kommentar am allermeisten erstaunt, ist die Tatsache, dass mit keinem Wort nach Opfersymmetrie verlangt wird. Wenn schon, müssten auch die gut bezahlten Leitungsorgane bluten. Dazu mein Vorschlag zur Güte: Wenn die Dividende (für das Jahr 2019!) zur Hälfte gekürzt wird, dann sollen auch die entsprechenden Chefbezüge – auch für 2019! – um 50 Prozent gekürzt werden.… Weiterlesen »
Hans Bollmann 02.04.2020 - 14:27

Bei allem Respekt vor den geschätzten Kommentaren des Chefredaktors, hier stört mich die, Verzeihung, Anmassung eines Urteils zu einem Entscheid, der letztlich nur den Eigentümern zusteht. Die entsprechende Anmassung der Finma ist noch eklatanter; aber das ist kein Trost.