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Die Erholung der Wirtschaft braucht Koordination

Ohne politische Anpassungen in den einzelnen Ländern könnte der Aufschwung nach der Krise so ungleichmässig ausfallen, dass er vorzeitig endet, schreibt Mohamed A. El-Erian.

Mohamed A. El-Erian
«Schliesslich birgt eine ungleiche wirtschaftliche Erholung die Gefahr, dass sich die Einkommens-, Vermögens- und Chancenunterschiede, die sich durch die Covid-19-Krise bereits enorm vergrössert haben, noch verschärfen.»

Ein alter Witz über knifflige Kompromisse fragt: Stellen Sie sich vor, dass Ihr schlimmster Feind mit Ihrem nagelneuen Auto über eine Klippe fährt. Wären Sie glücklich über den Untergang Ihres Feindes oder traurig über die Zerstörung Ihres Autos?

Für viele stellt die Form der erhofften und dringend nötigen globalen Wirtschaftserholung in diesem Jahr ein ähnliches Dilemma dar. Ohne eine Neuausrichtung der nationalen Politik und der internationalen Koordination wird die für 2021 erwartete deutliche Wachstumsbelebung sehr ungleichmässig ausfallen, sowohl zwischen Staaten als auch jeweils innerhalb der Länder. Dies birgt eine Reihe von Risiken, die das Wachstum in den Folgejahren weniger robust machen könnten, als es sein könnte und sollte.

Auf der Grundlage der aktuellen Informationen erwarte ich, dass das schnelle Wachstum in China und den USA in diesem Jahr ein globales Wachstum von 6% oder mehr bewirken wird, nach dem Rückgang von 3,5% im Jahr 2020. Während Europa seine Double-Dip-Rezession überwinden sollte, wird die Erholung dort wahrscheinlich gedämpfter ausfallen. Teile der Schwellenländer befinden sich in einer noch schwierigeren Lage.

Es braucht universelle Fortschritte

Ein grosser Teil dieser Abweichungen, sowohl der tatsächlichen als auch der erwarteten, ist auf Variationen bei einem oder mehreren dieser fünf Faktoren zurückzuführen: Die Kontrolle von Covid-19-Infektionen, einschliesslich der Verbreitung neuer Coronavirus-Varianten, ist eindeutig entscheidend. Das Gleiche gilt für die Verteilung und die Verabreichung von Impfstoffen (was die Sicherstellung der Versorgung, die Überwindung institutioneller Hindernisse und die Sicherstellung der öffentlichen Akzeptanz einschliesst). Ein dritter Faktor ist die finanzielle Belastbarkeit, die in einigen Entwicklungsländern die präventive Bewältigung von Schwierigkeiten wegen der jüngsten Schuldenflut umfasst. Dann folgen die Qualität und die Flexibilität der Politik und schliesslich das, was an Sozialkapital und menschlicher Resilienz übrig ist.

Je grösser die Unterschiede zwischen den und in den Ländern sind, desto grösser sind die Herausforderungen für die Nachhaltigkeit der diesjährigen Erholung. Dies spiegelt eine breite Palette von gesundheitlichen, wirtschaftlichen, finanziellen und sozialpolitischen Faktoren.

In einem kürzlich erschienenen Kommentar habe ich erklärt, warum ein einheitlicherer globaler Fortschritt bei der Covid-19-Impfung auch für Länder wichtig ist, deren nationales Impfprogramm weit vorne liegt. Ohne universelle Fortschritte stehen die in der Impfung führenden Länder vor der schwierigen Wahl, entweder den Import neuer Varianten aus dem Ausland zu riskieren oder eine Festungswirtschaft zu betreiben, bei der Regierungen, Haushalte und Firmen eine bunkerähnliche Mentalität annehmen.

Gefahr steigender Zinsen

Ungleichmässige wirtschaftliche Erholung beraubt einzelne Länder des Rückenwinds einer gleichzeitigen Expansion, bei der gleichzeitiges Produktions- und Einkommenswachstum einen positiven Kreislauf des allgemeinen wirtschaftlichen Wohlstands antreibt. Sie erhöhen auch die Risiken von Handels- und Investitionsprotektionismus sowie von Unterbrechungen der Lieferketten.

Und dann ist da noch der finanzielle Aspekt. Das kräftige US-Wachstum und die höheren Inflationserwartungen haben die Marktzinsen in die Höhe getrieben, was sich auch auf den Rest der Welt auswirkt. Und es wird noch mehr kommen.

Vertreter der Europäischen Zentralbank haben sich bereits über eine «unangemessene Verschärfung» der finanziellen Bedingungen in der Eurozone beschwert. Steigende Zinsen könnten auch das vorherrschende Paradigma an den Finanzmärkten untergraben – nämlich das grosse Vertrauen der Anleger in die reichlichen, vorhersehbaren und effektiven Liquiditätsspritzen der systemrelevanten Zentralbanken, das viele dazu ermutigt hat, sich weit über ihre Verhältnisse hinauszuwagen und dabei beträchtliche, wenn nicht sogar exzessive und unverantwortliche Risiken einzugehen. Kurzfristig hat die hohe Liquidität vielen Ländern und Unternehmen billige Finanzmittel zugeführt. Aber eine plötzliche Umkehr der Mittelflüsse sowie das wachsende Risiko von kumulativen Marktunfällen und politischen Fehlentscheidungen könnten schwerwiegende Verwerfungen verursachen.

Auf der Suche nach dem Mittelweg

Schliesslich birgt eine ungleiche wirtschaftliche Erholung die Gefahr, dass sich die Einkommens-, Vermögens- und Chancenunterschiede, die sich durch die Covid-19-Krise bereits enorm vergrössert haben, noch verschärfen. Je grösser die Ungleichheit, besonders in Bezug auf die Chancen, desto stärker ist das Gefühl der Entfremdung und Marginalisierung, und desto wahrscheinlicher ist es, dass die politische Polarisierung eine gute und rechtzeitige Politikgestaltung verhindert.

Doch während der alte Witz von der Unvermeidbarkeit harter Kompromisse ausgeht, gibt es für die Weltwirtschaft im Jahr 2021 und darüber hinaus einen Mittelweg – einen, der einen robusten Aufschwung aufrechterhält und gleichzeitig benachteiligte Länder, Gruppen und Regionen stärkt. Dies erfordert sowohl nationale als auch internationale politische Anpassungen.

Die nationale Politik muss Reformen beschleunigen, die wirtschaftliche Entlastung mit Massnahmen zur Förderung eines viel inklusiveren Wachstums verbinden. Dabei geht es nicht nur um die Verbesserung der menschlichen Produktivität (durch Umschulung von Arbeitskräften, Bildungsreformen und bessere Kinderbetreuung) und der Produktivität von Kapital und Technologie (durch umfangreiche Verbesserungen der Infrastruktur und der Versorgung). Um den Wiederaufbau besser und gerechter zu gestalten, müssen die politischen Entscheidungsträger jetzt auch die Klimaverträglichkeit als einen entscheidenden Faktor für umfassendere Entscheide berücksichtigen.

Chance auf Erholung nicht verspielen

Eine globale Abstimmung der Politik ist ebenfalls entscheidend. Die Welt kann sich glücklich schätzen, dass sie anfangs von einer korrelierten nationalen Politik als Reaktion auf die Covid-19-Krise profitiert hat, da sich die grosse Mehrheit der Länder von vornherein für einen «All-in-Ansatz» entschieden hat, bei dem alle Mittel der Politik eingesetzt wurden. Ohne Koordination werden die politischen Positionen jedoch zunehmend divergieren, da weniger robuste Volkswirtschaften in einer Zeit abnehmender Hilfsgelder, unvollständiger Schuldenerlasse und zögerlicher ausländischer Direktinvestitionen mit zusätzlichem externen Gegenwind konfrontiert sind.

Mit den USA und China an der Spitze eines bedeutenden Wachstumsanstiegs hat die Weltwirtschaft die Chance, sich von einem Pandemieschock zu erholen, der vielen Menschen geschadet und in einigen Fällen ein Jahrzehnt des Fortschritts in der Armutsbekämpfung und anderen wichtigen sozioökonomischen Zielen zunichtegemacht hat. Aber ohne politische Anpassungen in den Ländern und auf internationaler Ebene könnte dieser Aufschwung so ungleichmässig ausfallen, dass er eine erwünschte längere Periode raschen, inklusiven und nachhaltigen Wachstums vorzeitig beendet, das die Weltwirtschaft so dringend braucht.

Copyright: Project Syndicate.

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