Dossier-Bild Ein Artikel aus dem Dossier Spekulationsblasen
Märkte / Makro

Die erste Weltwirtschaftskrise

Die industrielle Revolution lässt in vielen Ländern der Welt die Konjunktur boomen, bis im Sommer 1857 plötzlich die grösste Bank New Yorks pleitegeht.

Ein Bild für die Ewigkeit: Die Elite New Yorks – gesittete, vornehme Herren in Frack und Zylinder – stürmt wie ein Rudel Lemminge panisch die Banken ihrer Stadt. Mit ihr laufen rund 20 000 Bürger zu den 33 Kreditinstituten der Finanzmetropole, von denen 32 nichts mehr anderes übrig bleibt, als zu schliessen.

Dem Western Blizzard genannten Schaltersturm geht im August 1857 das Platzen einer Spekulationsblase voraus, dessen Auswirkungen sich erstmals über alle industrialisierten Länder des Planeten erstrecken. Die Welt erlebt ihre erste Wirtschaftskrise und realisiert plötzlich, was es heisst, global vernetzt zu sein.

1. Im Rausch des Goldes

In den 1840er- und 1850er-Jahren nimmt die industrielle Revolution richtig Fahrt auf. Ein selbst erhaltender Wachstumsprozess kommt in Gang. Die bürgerliche Revolution von 1848/49 bahnt in Europa den Weg für die Liberalisierung der Wirtschaft und die Aufhebung von Zollschranken. Bauern wandern in die Städte;  es entsteht eine neue Arbeiterklasse – das Proletariat, wie es Karl Marx und Friedrich Engels im «Kommunistischen Manifest» (1848) beschreiben. Ein fundamentaler Wandel erfasst die Volkswirtschaften. Und pünktlich kommt eine Infusion frischen Kapitals.

«Wie schleunig die Natur in Aufruhr fällt, wird Gold ihr Gegenstand!», schreibt William Shakespeare Jahrhunderte bevor 1848 in den USA und 1851 in Australien grosse Mengen des Edelmetalls entdeckt werden. Bis 1862 wird mehr als die Hälfte der Menge an Gold produziert, die in den gesamten 350 Jahren davor geschürft wurde. Die Liquiditätsschwemme fliesst in die Errungenschaften der Industrialisierung: die Textilbranche, die chemische Industrie, den Bergbau und die Hüttenwerke sowie natürlich den Eisenbahnbau.

2. Die Welt unter Volldampf

Das Geschäft mit Dampflok und Schiene ist der Leitsektor dieser Zeit, der sich beinahe weltweit verblüffend parallel entwickelt. Die Branche lässt Transportwege schrumpfen und löst eine immense Nachfrage aus. «Eine allseitige Abhängigkeit der Nationen voneinander» entsteht, schreiben Marx und Engels. In den USA berühren sich in den 1850er-Jahren über ein pulsierendes Streckennetz der Mississippi River im Süden und die Grossen Seen im Norden. 1855 verbindet eine 285 Kilometer lange Strecke dem Hochrhein entlang die Städte Basel und Mannheim. Und bereits 1847 wird die erste Schweizer Eisenbahnstrecke, die Spanisch-Brötli-Bahn zwischen Baden und Zürich, eingeweiht.

Diese Grossprojekte verlangen nach einer neuen Form der Finanzierung: gewaltige Kapitalmengen und eine Haftungsbeschränkung für Anteilseigner. Es entwickelt sich die moderne Aktiengesellschaft mit der übertragbaren Inhaberaktie und damit die heutige Form der Börse. Aktiengesellschaften, darunter viele Banken, schiessen wie Pilze aus dem Boden. In London platzt die Börse schon 1853 aus allen Nähten und muss wegen der vielen Händler in ein grösseres Gebäude verlegt werden. Für Deutschland schreibt der Soziologe Werner Sombart: «Die 1850er Jahre sind die wichtigste spekulative Periode (…). In ihnen wird der moderne Kapitalismus definitiv zur Grundlage der Volkswirtschaft gemacht.»

3. Ein rücksichtsloses Stossen

In nur fünf Jahren verdoppelt sich in den USA die Streckenlänge der Eisenbahn auf über 18 000 Meilen im Jahr 1855. Die Roheisenpreise klettern in dieser Zeit um 30%, die Kohleproduktion verdoppelt sich. Während das stählerne Ross Richtung Westküste galoppiert, folgen dem Versprechen sagenhafter Profite grosse Mengen an Kapital aus Europa in die USA, ebenso wie ein Menschenstrom auf der Suche nach einem besseren Leben.

Begierig stürzen sich Anleger auf Neuemissionen. An einem normalen Tag im Jahr 1857 werden an der Wallstreet Anleihen im Wert von über 70 000 $ und rund 10 000 Aktien verkauft – fast alle im Zusammenhang mit dem Eisenbahngeschäft, berichtet der «New York Herald». Der wenig regulierte Markt bietet auch allerlei Spielraum für dubiose Geschäfte, wie die des «Eisenbahnkönigs» Robert Schuyler. Überschwang auch in Europa: «Tage- und nächtelanges Schlangestehen der Interessenten vor den Subskriptionsbüros» wird gemäss den Preussischen Jahrbüchern dieser Zeit zu einer «weit verbreiteten Erscheinung». Häufig kommt es dabei zu einem «rücksichtslosen Stossen und Drängen, zu wüsten Auftritten und Schlägereien».

Die neu entstehenden Aktienbanken, die hüben wie drüben selbst eigenes Geld drucken und ausgeben, finanzieren langfristige Projekte über die kurzfristige Verpfändung von Wertpapieren (Lombardierung). Das funktioniert, solange die Hausse anhält. Im Sommer 1856 verbreitet sich allmählich Unsicherheit. Neuemissionen treten nur noch vereinzelt auf, und wenn, dann zu niedrigeren Ausgabepreisen. Erst gerät die Hausse ins Stocken, dann sinken die Kurse. Die Unterkapitalisierung vieler neu gegründeter Unternehmen wird sichtbar.

Volleinzahlungen auf das Anlagekapital oder Kapitalerhöhungen sind die Folge. Überkapazitäten in der Schwerindustrie werden offensichtlich. Doch noch ist nicht alles verloren. Das Kapital in den USA wandert einfach von den Aktien- in die Warenbörsen. Wegen des Krimkriegs herrscht in Europa starke Nachfrage nach Getreide – die Hausse scheint gerettet. Bis der neue russische Zar, Alexander II., den Krieg verloren gibt. Nun exportieren neben den amerikanischen Farmern auch wieder ihre Kollegen in Europa. Im Frühherbst 1857 wird eine hervorragende Ernte eingefahren, die Getreidepreise brechen ein.

4. Wie ein Bombeneinschlag

Das Pulverfass ist zum Bersten gefüllt, jetzt fehlt nur noch das Streichholz. Am 24. August 1857 meldet die New Yorker Filiale der Ohio Life Insurance and Trust Company, das grösste Geldhaus am Platz, völlig überraschend Insolvenz an. Der Bankrott ist «wie ein Donnerschlag aus heiterem Himmel, (…) wie der Einschlag einer Bombe», schreibt die «Cincinnati Daily Gazette». Das Institut galt als besonders solide, sein Direktor als Anlagegenie, doch jetzt wird offenbar: Die Bank hat sich mit Krediten übernommen und ist hochspekulativ in Eisenbahnaktien investiert. Ein Weckruf für die gesamte Szene.

Jetzt gibt es kein Halten mehr. Die New Yorker Banken, die alle Ohio Geld geliehen haben, rufen Kredite zurück und heben die Zinsen auf bis zu 24% an. Alles, was noch einen Käufer findet, wird verkauft. Am stärksten fallen Eisenbahnaktien. Die meisten dahinter stehenden Unternehmen sind stark überbewertet – manche haben noch nicht einmal ein richtiges Geschäftsmodell. Von Ende 1856 bis Ende September 1857 fallen z. B. Cleveland – Pittsburgh von 57 auf 9 $, Erie von 61 auf 13 $, LaCrosse – Milwaukee von 74 auf 7 $ und Michigan – Southern von 87 auf 17 $.

Auf die Börsen- folgt die Bankenkrise, als am 25. September die Philadelphia’s Bank of Pennsylvania ihre Banknoten nicht mehr gegen Gold einlöst. Als im Oktober dann die New Yorker Banken die Auszahlungen verweigern, kommt es am 13. des Monats zum beschriebenen Schaltersturm. 1415 US-Geldhäuser machen binnen weniger Tage die Schotten dicht.

5. Ruinen des Wohlstands

Vertrauen und Geldfluss versiegen. Eine Zentralbank, die als Geldgeber der letzten Instanz fungieren könnte, existiert nicht. Bis zum Jahresende gehen 5000 US-Unternehmen pleite. Die Arbeitslosigkeit steigt, es kommt zu Demonstrationen und Hungerrevolten. Rasch schwappt die Krise über den Atlantik. «Von dem fernsten Westen der neuen Welt bis nach Stockholm und Moskau, bis nach Smyrna und Odessa», schreibt der Historiker Hans Rosenberg. Und die Frankfurter Zeitschrift «Der Aktionär» notiert am 18. Oktober: «Die Krisis ist mehr als eine europäische, sie ist eine Weltfrage geworden.»

Auch in London werden die Banken gestürmt. Die britische Zentralbank muss eingreifen. Wie in den USA kommt es in Europa und Südamerika zu zahlreichen Bankrotten. Die Handelsstadt Hamburg trifft es am schlimmsten, wie ein Zeitgenosse berichtet: «Alle Verhältnisse scheinen auf den Kopf gestellt: bei nie gekannten Warenvorräten, inmitten reicher Ernten überall Entbehrung; bei vortrefflichen Transportmitteln nirgends Austausch; gegenüber grossen Einfuhren edler Metalle aller Orten Geldmangel.»

So schnell die Krise über den Globus fegt, so schnell ist sie aber auch ausgestanden. Die «kolossalen Folgen», die Engels beschwört, bleiben aus, die Freude von Marx über den sich selbst vernichtenden Kapitalismus währt kurz. Ende Jahr nehmen die Banken ihre Arbeit wieder auf, Ende des Jahrzehntes läuft die Weltwirtschaft erneut unter Volldampf.

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