Märkte / Makro

«Die EZB muss normalisieren – nicht bremsen»

Jens Eisenschmidt, Chefökonom Europa bei Morgan Stanley, rechnet mit einem schwachen Wachstum und moderaten Zinserhöhungen im Euroraum.

Herr Eisenschmidt, hat die EZB den idealen Zeitpunkt für die Zinswende verschlafen?
Gegenwärtig hagelt es ja Kritik. Aber ich möchte für die EZB eine Lanze brechen. Sie hat bereits im Dezember angekündigt, dass sie die extrem expansive Geldpolitik zurückführen werde, und sie hat sich entschieden, behutsam vorzugehen, auch in Anbetracht der grossen Risiken im Euroraum. Manches Mitglied im EZB-Rat hätte zwar eine raschere Reaktion bevorzugt. Aber der EZB kann man keinen grossen Politikfehler vorwerfen.

Die EZB zögert allerdings, während das Fed in den USA bereits die Zügel strafft.
Die Ausgangslage in Europa ist auch viel unklarer, sowohl was die Inflation als auch was die wirtschaftlichen Folgen des Ukrainekrieges betrifft. Zentralbanken sollten auf die mittelfristige Inflationsentwicklung achten. Das gilt besonders für Preissteigerungen als Folge externer Schocks, die die Nachfrage nicht wesentlich verändern, wie es in der Eurozone zu beobachten ist. Niemand rechnet damit, dass eine Lohn-Preis-Spirale in Gang kommt und die Inflation in drei Jahren 4 oder 5% betragen und damit weit über dem Inflationsziel von 2% liegen wird. Daher ist es gerechtfertigt, die Zinsen nicht massiv und abrupt zu erhöhen. Selbst wenn aktuell die Teuerung auf 8,1% geschnellt ist.

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