Zum Thema: Der Schuldenabbau geht zu Ende

Die EZB öffnet die Geldschleusen

Unklar bleibt, wie stark die TLTRO-Liquiditätsspritze zum Kreditwachstum beiträgt.

Gerade in der Peripherie Europas spielt das lokale Gewerbe eine zentrale Rolle. So werden in Italien und Spanien rund 50% aller Arbeitnehmer von kleinen und mittelgrossen Unternehmen beschäftigt. Dass die KMU kaum aus der Krise herausgefunden haben, lastet noch immer bleischwer auf der Wirtschaftserholung.

Zu den Hindernissen, mit denen sich diese Betriebe konfrontiert sehen, zählt primär der erschwerte Kreditzugang. Hier plant die Europäische Zentralbank (EZB) nun den Hebel anzusetzen: Im September beginnen die neuen, zielgerichteten Refinanzierungsgeschäfte (TLTRO), um mehr Liquidität in den Kapitalmarkt der Währungsunion zu pumpen.

Hohe Beteiligung erwartet

In den ersten beiden TLTRO-Runden von September und Dezember erhalten die europäischen Banken die Gelegenheit, bis zu 7% ihres per Ende April ausstehenden Kreditvolumens aufzunehmen – was einem Betrag von rund 400 Mrd. € entspricht. Spezifische Vorgaben sollen dabei sicherstellen, dass die Mittel tatsächlich nur für KMU-Kredite gebraucht werden.

Wie die Beteiligung an der ersten TLTRO-Vergabe ausfällt, legt die EZB am 18. September offen. Dass sie jüngst den TLTRO-Zins von 0,25 auf 0,15% reduziert hat, dürfte die Partizipation weiter begünstigen – gerade vonseiten der schwächer kapitalisierten Peripheriebanken. Ihre Bezugsrate schätzen Analysten von Danske Bank (DANSKE 129.00 +0.47%) auf 80% des Maximalbetrags.

Doch auch die solideren Finanzinstitute der Kernstaaten dürften die attraktiven Konditionen honorieren. Ihre Beteiligung wird auf rund 50% prognostiziert.

Unklar bleibt, ob die Liquiditätsinfusion tatsächlich zum gewünschten Kreditwachstum führt. Im ersten Finanzierungsprogramm LTRO hatten Banken die Darlehen primär in höher verzinsliche Staatsanleihen der Europeripherie investiert. Um dieses Mal solche Carry Trades zu verhindern, hat die EZB Spielregeln festgesetzt: Stellt sich heraus, dass die bezogenen TLTRO-Gelder und die gewährten Kredite im Missverhältnis stehen, müssen die Mittel bereits im September 2016 vorzeitig zurückgezahlt werden.

Zinskosten dürften sinken

Weitere Strafen sind nicht vorgesehen. Zahlreiche Analysten erwarten deshalb, dass dennoch ein Teil der Mittel zweckentfremdet wird. Auch dürften einige Banken mit neuen TLTRO offene LTRO begleichen, was den Nettoeffekt der Kapitalinfusion schwächt.

Trotzdem ist davon auszugehen, dass das Programm die starke Fragmentierung der Eurozone reduziert: Morgan Stanley (MS 95.73 +1.83%) schätzt, dass sich in Spanien die KMU-Zinsen um 30 bis 80 Basispunkte, in Italien um 20 bis 40 Basispunkte verringern.

Damit wird eine Entwicklung unterstützt, die in anderen Bereichen bereits weiter vorangeschritten ist. Darauf deutet unter anderem der von Moody’s erhobene Fragmentierungs-Index hin: Er misst das Gefälle in der Eurozone anhand diverser Indikatoren – wie etwa der Zinsdifferenz von Staatsanleihen und Veränderungen in der Target2-Bilanz (Guthaben und Verbindlichkeiten gegenüber der EZB).

Doch selbst wenn die Liquidität zur Realwirtschaft durchdringt, ist sie kein Allheilmittel. Eine expansive Kreditpolitik ist zwar oft wichtiger Treiber des Wirtschaftswachstums. Laut einer EZB-Studie stufen die befragten KMU den schwachen Absatzmarkt aber als grösstes Problem ein – noch vor der Kreditklemme. Zudem habe es gemäss Internationalem Währungsfonds das lokale Gewerbe vielerorts versäumt, die nötigen Umstrukturierungen vorzunehmen. KMU seien finanziell deshalb meist gar nicht in der Lage, neue Darlehen aufzunehmen.