Meinungen

Die «Festung», die keine ist

Russland bemüht sich seit 2008 darum, eine Festungsökonomie zu errichten, die auch harten westlichen Sanktionen standhalten kann. Nun zeigt es sich, dass das nicht klappt. Ein Kommentar von Manuel Oechslin.

Manuel Oechslin
«Das Problem an Putins Kriegskasse ist, dass sie teilweise ausserhalb der Festung lagert.»

Als Reaktion auf die Verhängung zusätzlicher westlicher Sanktionen hat Russlands Präsident Putin jüngst seine Atomstreitmacht in erhöhte Alarmbereitschaft versetzt. Es scheint, als betrachte er die neuen Gegenmassnahmen des Westens als existenzielle Bedrohung für sein Land. Dies mag erstaunen, war doch in den vergangenen Monaten oft die Rede davon, dass Russland seine Wirtschaft mit Blick auf zukünftige Konflikte in eine Art «Festung» verwandelt habe, die auch weitgehenden westlichen Sanktionen standhalten würde.

Beschreibungen dieser Festung verweisen oft auf gleich zwei Schutzwälle, einen realwirtschaftlichen und einen finanziellen. Laut vieler Kommentatoren besteht der realwirtschaftliche Wall aus einer zunehmenden Abkoppelung der russischen Wirtschaft vom weltweiten Güterhandel, insbesondere vom Austausch mit dem Westen. In diesem Zusammenhang sind auch Begriffe wie Importsubstitution oder gar Autarkie zu hören. Zum zweiten Schutzwall gehören die grossen Währungsreserven der russischen Zentralbank und eine geringe staatliche und privatwirtschaftliche Verschuldung gegenüber dem Ausland.

Die harsche Reaktion Putins lässt allerdings vermuten, dass es um die Stabilität dieser beiden Schutzwälle nicht allzu gut bestellt ist. Eine genauere Betrachtung bestätigt diese Vermutung. Tatsächlich kann von einer ernstzunehmenden Abkoppelung mit Bezug auf den internationalen Handel kaum die Rede sein. Es stimmt zwar, dass der russische Aussenhandel mit einem Volumen von ungefähr 50% des BIP relativ klein ist. Wir sollten aber nicht vergessen, dass die russische Wirtschaft im internationalen Vergleich zu den grossen gehört. Und für grosse Volkswirtschaften ist ein solcher Wert nichts Aussergewöhnliches, da Grösse in der Regel eine stärkere Binnenorientierung bedeutet. Tatsächlich entsprechen die rund 50% etwa jener Zahl, die man aufgrund der Grösse und des Entwicklungsstands der russischen Wirtschaft erwarten würde.

Entkopplung sieht anders aus

Interessant ist auch ein Blick zurück bis 2008. Dieses Jahr markiert mit der Invasion Georgiens den Beginn der stärkeren Konfrontation mit dem Westen. Die Daten zeigen, dass Russlands Aussenhandel im Verhältnis zum BIP seit 2008 nur leicht zurückgegangen ist; das Land ist heute etwa gleich stark mit dem Rest der Welt verwoben wie damals. Etwas stärker rückläufig ist der Anteil des Westens am gesamten russischen Güterhandel. Während 2008 wertmässig 56% der russischen Güterimporte aus der EU und den nicht-europäischen G7-Ländern stammten, sind es heute noch 45%.

Im Vergleich dazu nimmt sich aber der chinesische Anteil von 24% immer noch klein aus. Das Bild bei den Exporten präsentiert sich ähnlich. Fazit: Russlands Handel mit dem Westen hat sich seit Konfrontationsbeginn etwas abgeschwächt, aber Entkopplung sieht anders aus; die russische Wirtschaft ist in kritischen Bereichen nach wie vor stark vom Austausch mit dem Westen abhängig.

Auch der zweite Schutzwall scheint sich für Russland gerade als wenig stabil zu erweisen. Grosse Währungsreserven erlauben zwar in einer «normalen» Krise die Verteidigung des Rubels und die Weiterfinanzierung kritischer Importe, auch wenn der Zugang zu ausländischen Krediten durch Vertrauensverlust oder begrenzte Finanzsanktionen versperrt ist. Das Problem an Putins Kriegskasse ist aber, dass sie teilweise ausserhalb der Festung lagert. Der Westen ist daher in der Lage, einen bedeutenden Teil der russischen Devisen einzufrieren und damit für den Moment nutzlos zu machen.

Inflation, Mangelwirtschaft und Konkurse

Darüber hinaus sorgt der Ausschluss wichtiger russischer Geschäftsbanken von Swift dafür, dass sich die Abwicklung grenzüberschreitender Zahlungen deutlich verkompliziert. Neben dem Kollaps des Aussenwerts des Rubels ist dies ein zweiter Faktor, der die Verfügbarkeit vieler kritischer Importgüter aus dem Westen empfindlich reduziert. Die kurzfristigen Folgen werden galoppierende Inflation, Mangelwirtschaft und Konkurse sein — und dies, obwohl die schärfste Waffe, ein Energieembargo, bislang noch nicht breit zur Anwendung gekommen ist.

Die aktuellen Geschehnisse zeigen, dass die Etablierung einer Festungsökonomie, die auch weitgehenden westlichen Sanktionen standhalten könnte, kaum im Bereich des Möglichen liegt. Russland, ein Land mit grossem Binnenmarkt und noch grösserem Ressourcenreichtum, hat seit 2008 viel Energie darauf verwendet, eine solche zu errichten: mehr Handel mit China, gesunde Staatsfinanzen, sektorale Diversifikation und die Anhäufung von Währungsreserven, mit denen die gesamtwirtschaftlichen Importe für volle zwei Jahre finanziert werden könnten. Wie es scheint, hat all dies nicht gereicht. Potenzielle Nachahmer der russischen Strategie werden daraus ihre Lehren ziehen.

Leser-Kommentare

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Marco Ronneberger Ronneberger 24.03.2022 - 13:27

Zum Kollaps des Aussenwerts des Rubels: Herr Oechslin, wann haben Sie denn zum letzten Mal einen Blick auf die Wechselkurse RUB/USD und RUB/EUR geworfen?

Und wäre denn ein Energieembargo wirklich so eine starke Waffe? Wer würde denn im Falle eines Embargos im Dunkeln in der Kälte sitzen, wir oder die Russen?