Meinungen

Die Feuerprobe des neuen, alten Fed-Chefs

In seiner zweiten Amtszeit als Vorsitzender der US-Notenbank muss Jerome Powell gegen Inflation und um die eigene Glaubwürdigkeit kämpfen. Ein Kommentar von US-Korrespondent Valentin Ade.

«Biden erspart den Märkten eine unnötige parlamentarische Hängepartie während die US-Geldpolitik sich in einer entscheidenden Phase befindet.»

US-Präsident Joe Biden setzt auf Kontinuität. In einer der schwierigsten Phasen für die US-Geldpolitik der vergangenen zehn Jahre schlägt er wie erwartet den amtierenden Vorsitzenden der US-Zentralbank Fed, Jerome Powell, für eine zweite Amtszeit vor. Er folgt damit dem Vorbild seines demokratischen Amtsvorgängers Barack Obama, der damals dem von George Bush berufenen Ben Bernanke im Nachgang der Finanzkrise abermals das Vertrauen schenkte. Der Republikaner Powell wurde vor vier Jahren von Ex-Präsident Donald Trump portiert und dürfte nun im Senat – diejenige US-Parlamentskammer, die die Kandidaten des Präsidenten für hohe Staatsämter absegnen muss – auf überparteiliche Zustimmung stossen.

Dem Vernehmen nach zog Biden auch die Demokratin Lael Brainard in Betracht, wogegen republikanische Senatoren bereits ihre Ablehnung signalisiert hatten. Einige Demokraten hätten sich von einem Fed unter der 59-Jährigen eine strengere Bankenaufsicht und eine aktivere Rolle im Kampf gegen den Klimawandel gewünscht. Doch dem politischen Washington bereiten dieser Tage vor allem die hohe Inflation Sorgen, die viele Wähler, insbesondere mit geringen Einkommen, quält.

Brainard sitzt bereits im höchsten Fed-Gremium, dem Offenmarktausschuss, und bestimmt die US-Geldpolitik heute schon massgeblich mit. Und hierbei liegen sie und Powell kaum auseinander. Grundsätzlich ist zu bezweifeln, ob Geldpolitik an sich wirklich politisch sein kann und nicht schlicht immer finanzwirtschaftlichen Zwängen folgen muss. Jetzt macht Biden Brainard zu Powells Vize.

Mit seiner Entscheidung erspart sich Biden jedenfalls einen weiteren unnötigen Kampf im Senat, der zurzeit nicht arm an politischen Auseinandersetzungen ist. Und er erspart den Märkten damit eine unnötige parlamentarische Hängepartie, während die US-Geldpolitik sich in einer entscheidenden Phase befindet. Das Fed will sein Wertpapierkaufprogramm schrittweise beenden, mit dem es während der Coronakrise das Finanzsystem mit Geld geflutet hat, um dessen Funktionsfähigkeit zu gewährleisten. Angesichts der höchsten Inflation seit 30 Jahren (6,2% im Oktober) werden die Rufe nach einer rascheren Straffung der Geldpolitik immer lauter.

Powell taxiert diese Teuerung als «vorübergehend». Eine durch Hilfsgelder und Aktienhausse erhöhte Nachfrage nach dem Coronashutdown treffe hier auf ein eingeschränktes Angebot aufgrund globaler Lieferkettenengpässe und Personalmangel am Arbeitsmarkt – ebenfalls coronabedingt. Diese Situation würde sich gemäss Powell im zweiten Halbjahr 2022 wieder entspannen und die Inflation auf ein gesünderes Niveau zurückgleiten.

Auf der einen Seite muss Powell also seine Glaubwürdigkeit und die des Fed wahren und darf nicht in geldpolitischen Aktionismus verfallen, der am Ende die Erholung des Arbeitsmarkts oder die Hausse des Aktienmarkts abwürgt. Dafür nimmt das Fed auch Phasen kurzfristig höherer Preissteigerung in Kauf, hatte das Fed im August 2020 doch auch das Inflationsziel auf «durchschnittliche» 2% erhöht. Auf der anderen Seite darf der 68-Jährige aber auch nicht die langfristigen Inflationserwartungen entgleiten lassen.

So wird bereits damit gerechnet, dass Powell das Kaufprogramm schneller beenden wird als ursprünglich erwartet, wofür er sich zuletzt bereits die Hintertür offengelassen hat. Dann hätte er auch früher Spielraum für die erste Zinserhöhung, die manche Beobachter nun bereits im kommenden Juni erwarten. Für diesen Kampf gegen die hohe Inflation und um die eigene Glaubwürdigkeit hat Powell nun vier weitere Jahre Zeit erhalten.

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