Märkte / Derivate

«Die Finma sollte sich äussern»

Der CEO der Derivatbörse Scoach, Christian Reuss, ist mit Blick auf die sinkenden Handelsumsätze gefordert. Der ausserbörsliche Handel entziehe dem Markt Informationen, meint er im FuW-Interview.

Andreas Stocker, Philippe Béguelin und Tobias Bischoff

Christian Reuss, CEO der Derivatbörse Scoach in Zürich und Frankfurt, ist gefordert. Anleger handeln weniger strukturierte Produkte (Zertifikate) und Hebelinstrumente, der Umsatz sank von Januar bis Juli im Vergleich zum Vorjahr deutlich um 41% auf 19 Mrd. Fr.

Druck kommt auch von den Emittenten. Jüngst lancierte der Onlinebroker Swissquote in Zusammenarbeit mit UBS und Goldman Sachs die Plattform Swiss Dots, die den

ausserbörslichen Handel (Over the Counter, OTC) von Hebelprodukten anbietet. Dort können Call- und Put-Warrants (Optionsscheine) und ähnliche Papiere gehandelt werden. Solche Handelsplätze senken die Kosten der Emittenten, die Börse wird umgangen. Dadurch steigt der Druck auf die Scoach, denn ihr Kerngeschäft ist der Warrants-Handel.

Im Segment der Zertifikate (Anlageprodukte) forcieren Emittenten indes ihre Customized Product Tools (CPT), die dem Investor das Massschneidern von Zertifikaten ab Summen von 10’000 Fr. ermöglichen. Transaktionen über CPT finden mehrheitlich ebenfalls OTC statt und entgehen damit der Scoach. Sie reagiert nun darauf und wird im ersten Quartal 2013 voraussichtlich ein Handelssegment lancieren, dass das OTC-Geschäft mit strukturierten Produkten ermöglicht.

Herr Reuss, Anleger schneidern strukturierte Produkte vermehrt nach eigenem Wunsch zu. Werden sich die Customized Product Tools weiter etablieren?
Bestimmt. Emittenten haben in den vergangenen Jahren markant in ihre Customized Product Tools investiert, über die Zertifikate schneller und kostengünstiger lanciert werden können. CPT befriedigen die individuellen Anlegerbedürfnisse.

Der Trend geht noch weiter. Die CPT der Banken sollen auf Metaplattformen zusammengefasst werden, dadurch entsteht eine Art Marktplatz.
Das ist der nächste konsequente Schritt für die CPT. Über Metaplattformen können Investoren auf einem Handelsplatz von mehreren Banken Offerten für Zertifikate einholen und ihr Wunschprodukt ­direkt erwerben. Metaplattformen haben grosses Potenzial.

Die Transaktionen auf CPT und Metaplattformen finden aber mehrheitlich ausserbörslich statt. Der Handel verlagert sich weg von der Börse. Das schadet doch dem Geschäft der Scoach?
Massgeschneiderte Zertifikate konkurrenzieren die Börse nicht direkt. In erster Linie wird hier der Primärmarkt, auf dem Anleger neue Produkte zeichnen, neu strukturiert. Unser Geschäft ist der nachträgliche Sekundärmarkt, also der Handel. Wichtig ist aber: Der Sekundärmarkt hängt aber stark vom Primärmarkt ab. Wir müssen uns deshalb überlegen, wie wir auf diese Entwicklung reagieren.

Wie unterscheiden sich die Bedürfnisse von Anlegern, die im Primär- oder im ­Sekundärmarkt Produkte erwerben?
Der klassische Sekundärmarkthandel ist ein Kernelement für Produkte, die öffentlich vertrieben werden. Hier kennt der Emittent häufig den Käufer nicht. Umgekehrt hat der Kunde vielleicht auch keine sonstige Beziehung zum Anbieter. Die Börse liefert dabei für beide Seiten einen überwachten Handel, eine stete Stammdaten- und Kursverteilung und eine sichere Weiterleitung der Abschlüsse zur Abwicklung. Im Primärmarkt wird ein Produkt hingegen erst erschaffen, bilateral im Rahmen der Massschneiderung oder durch Einschätzung des Anbieters, was für Anleger interessant sein könnte. Diese Produkte können auch reine Buy-and-Hold-Strukturen sein, die nie einen Trade im Sekundärmarkt erwarten lassen.

Deshalb plant die Scoach ein neues Handelssegment, das für solche massgeschneiderte OTC-Produkte geeignet ist?
Das trifft zu. Die neue Plattform dient aber noch weiteren Zwecken: Die Idee ist, dass Emittenten über eine Schnittstelle zur Börse künftig auf beide Handelssegmente, Börse und OTC-Markt, Zugriff haben. Die Zuordnung der Stammdaten der Produkte und auch die Abwicklung der Transaktionen laufen bei beiden Segmenten identisch ab. Nur Handelsmodell und Kursverteilung variieren. Künftig hat jeder Marktteilnehmer, der an die Börse angeschlossen ist, Zugriff auf das neue Segment. Die Scoach passt sich an die sich ändernden Bedürfnisse des Primärmarkts an, wo vermehrt massgeschneiderte Zertifikate erworben werden. Auch da können Investoren und Emittenten künftig von der Infrastruktur der Börse profitieren.

Für Privatanleger wird das neue Segment aber nicht geeignet sein?
Das Segment soll in erster Linie für Privatplatzierungen zur Verfügung stehen. Darunter fallen massgeschneiderte Produkte, aber auch Transaktionen im Interbankenmarkt. Sie betreffen zum Beispiel Privatbanken, die eine «open architecture» haben, also nicht nur Produkte der hauseigenen Investmentbank anbieten. Ebenso sind Backhedges zu nennen, d. h. Transaktionen, mittels derer ein Emittent Risiken aus dem Verkauf eines strukturierten Produkts über eine Drittpartei absichern kann. Die Möglichkeiten sind also vielfältig und je nach Bedürfnis für private wie auch für professionelle Anleger nützlich.

Existieren Umsatzstatistiken zu diesen ausserbörslichen Transaktionen?
Nein – willkommen in der OTC-Welt. Aus eigener Erfahrung weiss ich jedoch, dass der Umsatz an der Scoach bloss die Spitze des Eisbergs ist.

Ist der Trend zu ausserbörslichem Handel nicht widersprüchlich? Die Aufsichtsbehörde Finma fordert mehr Transparenz in Finanzprodukten und der Abwicklung. Das ist keine Stärke des OTC-Handels.

Der Umsatz bei den hiesigen Derivat-Emittenten ist jüngst deutlich gesunken – ihre Einnahmen brechen weg. Deshalb besteht in der Branche ein enormer Kostendruck. Kostensenkung ist daher für viele die oberste Maxime. Ausserbörsliche Handelsplattformen sind ein Beispiel dafür, auch wenn es meinem Verständnis des aktuellen regulatorischen Zeitgeists und den Bemühungen der Branche um Transparenz widerspricht.

Sie meinen Swiss Dots, die im Mai lancierte Plattform des Onlinebrokers Swissquote für den ausserbörslichen Handel mit Hebelprodukten?
Ja. Anleger müssen sich bewusst sein, dass der börsliche Handel Vorteile gegenüber dem ausserbörslichen hat. So sind die Kurse von Derivaten an der Börse verbindlich, bei OTC-Handelsplattformen sind sie unverbindlich. An der Scoach besteht eine aktive Marktsteuerung: Die Transaktionen werden proaktiv überwacht, und Mistrades, also fehlerhafte Transaktionen, werden automatisch rückabgewickelt. Ausserbörsliche Plattformen handhaben Mistrades von Emittent zu Emittent unterschiedlich – und der Anleger muss mitunter selbst aktiv werden.

Swiss Dots argumentiert, auf ihrer Plattform, wo der Kunde bilateral und damit direkt mit dem Emittenten handelt, könne es kaum zu Mistrades kommen.
Diese Aussage kann ich schwer nachvollziehen. Geschätzte 99% der Transaktionen der Scoach finden ebenfalls direkt zwischen dem Emittenten und dem Kunden statt. Der Handel ist faktisch fast immer bilateral, egal über welche Plattform er stattfindet. OTC-Plattformen weisen aber Mistrades nicht aus, im Gegensatz zur Börse, wo Transparenz herrscht.

Nicht alle Anleger stören sich an mangelnder Transparenz.
Wenn man nicht hört, dass etwas schiefgeht, geht man häufig davon aus, dass alles funktioniert – aber das ist leider nicht immer so. Der von den Medien aufgenommene Fall eines ausserbörslichen Mistrades in Deutschland ist ein eindrückliches Beispiel dafür.

Was sagt die Aufsichtsbehörde Finma zu Plattformen wie Swiss Dots?
Die Finma sagt, sie habe keine rechtliche Handhabe gegenüber solchen ausserbörslichen Handelsplattformen. Ich wünschte mir jedoch, dass sich die Finma hierzu dennoch äussert und Stellung dahin­gehend bezieht, ob Plattformen wie Swiss Dots grundsätzlich erwünscht sind.

Zu erwarten ist aber wohl, dass die Finma weiterhin schweigt.
Das weiss ich nicht. Durch Nichtssagen heisst sie allerdings implizit Handelsplattformen gut, die intransparent sind und einen geringeren Anlegerschutz bieten als die Börse. Und der Wettbewerb müsste sich entsprechend ausrichten.

Sie stehen dem ausserbörslichen Handel kritisch gegenüber. Trotzdem arbeitet die Scoach an einer eigenen OTC-Plattform. Ist das nicht ein Widerspruch?
Swiss Dots verlagert mitunter Transaktionen von Privatanlegern mit Hebelprodukten von einem regulierten in einen unregulierten Markt. Das entzieht dem Markt Informationen und erhöht die Intransparenz. Beim geplanten OTC-Segment der Scoach findet keine solche Verlagerung statt. Transaktionen, die bisher OTC stattfinden, werden auch künftig weiterhin OTC abgewickelt – nur effizienter und kostengünstiger.

Emittenten lancieren solche Plattformen, um Kosten zu sparen. Will die Scoach den Anbietern nicht entgegenkommen?
Wir planen, den Handel der Scoach Anfang 2013 auf die neue Handelsplattform der SIX, X-stream INET, zu verlagern. Das sollte es uns ermöglichen, die Anbindungskosten für Emittenten zu senken.

Dennoch handeln Anleger weniger Derivate. 2012 ging das Volumen an der Scoach deutlich zurück. Haben die Investoren das Interesse an Zertifikaten und Hebelprodukten verloren?
In den vergangenen Jahren hatten wir fast im Monatsrhythmus immer wieder eine neue Krise. Ich vermute daher, dass die Anleger tendenziell müde und vielleicht auch etwas orientierungslos sind. Sie haben sich zurückgezogen und investieren nicht mehr. Das senkt die Nachfrage nach strukturierten Produkten genauso wie auch nach anderen Finanzinstrumenten.