Dossier-Bild Ein Artikel aus dem Dossier US-Wahlen 2016
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Die Folgen eines Trump-Schocks

Eine grosse negative Überraschung – wie die Wahl von Donald Trump – könnte den Aktienmarkt zum Zusammenbrechen bringen und die Welt in eine Rezession stürzen. Ein Kommentar von Simon Johnson.

Simon Johnson, Washington
«Trump verspricht, das US-Wachstum sofort auf 4 bis 5% zu bringen, aber dies ist reine Fantasie. Viel wahrscheinlicher ist, dass seine handelsfeindliche Politik zu einem scharfen Einbruch führen würde.»

Angesichts dessen, dass am 8. November in den Vereinigten Staaten Präsidentschaftswahlen stattfinden und auch in Europa einige Wahlen und andere politische Entscheidungen anstehen, ist jetzt eine gute Zeit zu fragen, ob die Weltwirtschaft stabil genug ist, um einen weiteren grossen Negativschock zu verkraften. Leider ist die Antwort, dass das Wachstum und die Arbeitsmärkte weltweit in schwacher Verfassung sind. Eine grosse negative Überraschung – wie die Wahl von Donald Trump in den USA – könnte den Aktienmarkt zum Zusammenbrechen bringen und die Welt in eine Rezession stürzen.

Viele Einsichten lassen sich immer aus dem halbjährlichen wirtschaftlichen Ausblick des Internationalen Währungsfonds gewinnen, der auf detaillierten Daten aus aller Welt beruht. Und da die letzte Version Anfang Oktober veröffentlicht wurde, ist sie besonders relevant. (Früher war ich selbst der führende Ökonom des IWF und zuständig für den Prognoseprozess, aber im August 2008 habe ich diesen Posten verlassen.)

In Tabelle 1.1 des IWF-Weltwirtschaftsausblicks werden die Hauptpunkte abgehandelt: eine Basisprognose von 3,1% weltweitem BIP-Wachstum in diesem Jahr und von 3,4% im Jahr 2017. Dies ist weniger, als noch im April vorhergesagt wurde, da in den USA, in Europa und natürlich in Grossbritannien Zeichen der Schwäche erwartet werden (die Briten müssen die Folgen des bevorstehenden Brexit tragen – des grossen und potenziell traumatischen Schrittes, die Europäische Union zu verlassen).

Die Banken der Eurozone

Die offensichtlichste dunkle Wolke am Horizont ist Europa. Die Probleme der Briten tragen natürlich dazu bei, aber die grösseren Probleme hat immer noch die Eurozone (Grossbritannien hat den Euro nie eingeführt). Die Wachstumsaussichten für Spanien sind einigermassen ermutigend und lassen auf eine Erholung hoffen. Aber die anhaltenden Sorgen über Italien – die drittgrösste Volkswirtschaft der Eurozone mit weniger als 1% Wachstum im Jahr – sind ernst.

Diese makroökonomischen Probleme werden durch ständigen Druck gespiegelt, der auf den Banken der Eurozone lastet. Diese haben sich von vergangenen Verlusten nie völlig erholt, und ihre Eigenkapitalquote ist verglichen mit internationalen Wettbewerbern (beispielsweise aus den USA) und in Bezug auf die Erwartungen der Investoren weiterhin niedrig.

Das grössere Problem bleibt die Unsicherheit, wer dafür geradestehen muss, wenn die Verluste einer Bank zu einer möglichen Insolvenz führen. Diese Banken sind eindeutig zu gross zum Scheitern – keine vernünftige europäische Regierung würde ein solches Institut aufgrund von Schulden pleitegehen lassen. Aber es gibt keine länderübergreifenden Vereinbarungen, wie die Verluste von Banken verteilt werden. Insgesamt betrachtet hat die Eurozone genug Haushaltskapazitäten, um sich hinter ihre Banken stellen zu können. Aber leider ist dies immer noch eine Entscheidung, die von den einzelnen Ländern selbst getroffen werden muss – die kollektiven Mechanismen zur Rekapitalisierung europäischer Banken sind weiterhin Stückwerk und viel zu schwach.

Schwaches Wachstum

Zu diesen Schwierigkeiten kommt noch dazu, dass das Wachstum der Schwellenländer mit mittlerem Einkommen nicht sehr stark ist. Langsameres Wachstum in diesen Ländern wird durch niedrigere Importprognosen und geringere Preiserwartungen für Rohstoffe gespiegelt, was einen negativen Einfluss auf Rohmaterial- und Energieexporteure hat. Beispielsweise wird erwartet, dass die nigerianische Volkswirtschaft in diesem Jahr 1,7% schrumpft.

2015 lag das Wachstum in den USA laut IWF bei 2,6%, und es wird erwartet, dass es dieses Jahr auf 1,6% fällt, bevor es 2017 wieder auf 2,2% steigt. Seit der Finanzkrise von 2008 fand eine lange und stetige Erholung statt, aber die Folgen des Zusammenbruchs sind immer noch spürbar.

Trump verspricht, das US-Wachstum sofort auf 4 bis 5% zu bringen, aber dies ist reine Fantasie. Viel wahrscheinlicher ist, dass seine handelsfeindliche Politik zu einem scharfen Einbruch führen würde, etwa so, wie ihn die Briten momentan erleben.

Drohender Protektionismus

Tatsächlich könnten die Folgen eines Trump-Sieges für die USA sogar noch schlimmer sein. Die Regierung von Premierministerin Theresa May will zwar die britischen Grenzen für Einwanderer schliessen, aber weiterhin mit der Welt Handel treiben. Trump hingegen ist entschlossen, die Importe durch eine Reihe von Massnahmen einzuschränken, die alle innerhalb der Macht des Präsidenten liegen. Um der US-Wirtschaft Fesseln anzulegen, braucht er noch nicht einmal die Zustimmung des Kongresses.

Sogar in den besten Zeiten denken US-Politiker oft nicht genug daran, welche Folgen ihre Handlungen für den Rest der Welt haben. Ein Abschwung aufgrund von Trumps Handelshemmnissen würde Europa in eine handfeste Rezession stürzen, die wahrscheinlich von einer ernsthaften Bankenkrise begleitet wäre. Werden diese Risiken nicht gemildert – und die Wahrscheinlichkeit eines europäischen Bankendebakels ist bereits jetzt beunruhigend hoch –, würde daraus eine weitere Negativspirale entstehen. Wie auch immer, die Folgen für die Entwicklungsländer und alle Staaten mit niedrigerem Einkommen wären dramatisch.

Die Aktieninvestoren halten eine Trump-Präsidentschaft momentan für eine Entwicklung mit einer relativ geringen Wahrscheinlichkeit. Die genauen Folgen schlechter Politik sind immer schwer vorherzusagen, aber wenn sich die Investoren irren und Trump gewinnt, können wir erwarten, dass die Gewinnprognosen vieler börsennotierter Unternehmen deutlich nach unten korrigiert werden müssen – was wahrscheinlich zu einem Crash des Gesamtmarktes führen würde.

Copyright: Project Syndicate.