Meinungen

Die Frankenaufwertung beginnt zu beissen

Die Wachstumsprognosen für die Schweizer Wirtschaft werden korrigiert. Die Politik muss die Rahmenbedingungen verbessern, doch vor den Wahlen ist wenig zu erwarten. Ein Kommentar von FuW-Redaktor Manfred Rösch.

«Für Anleger gilt: in der Halbjahresberichterstattung und danach auf die Auftragslage achten, auf die Angaben zu Auftragseingang und -bestand.»

Die ­Expertengruppe des Bundes rechnet für dieses Jahr neu mit 0,8% Wirtschaftswachstum; im März waren noch 0,9% ­erwartet worden. Für 2016 wird ein Wachstum des Bruttoinlandprodukts (BIP) zu konstanten Preisen von 1,6% vorhergesagt, nach bislang 1,8%. Das klingt zwar eher nach statistischer Spitzfindigkeit denn nach einem Drama, doch Verharmlosung ist fehl am Platz. Tatsache ist: Die Wechselkursfreigabe von Mitte Januar beginnt zu schmerzen.

Nachdem sich die erste Aufregung um das Ende von 1.20 Fr./€ gelegt hatte und für eine Weile eine Drôle-de-guerre-Stimmung eingekehrt war, mehren sich nun doch die handfesten Signale, dass die Wirtschaft mächtig zu kämpfen hat. Die Schweizer Unternehmen passen sich derzeit den neuen Gegebenheiten an; dieser Prozess wird weiter andauern. ­Erschwerend kommt die gedämpftere Dynamik in Schwellenländern hinzu.

Für Beobachter der hiesigen Wirtschaft im Allgemeinen und für Anleger im Besonderen gilt: in der Halbjahresberichterstattung und danach auf die Auftragslage achten, auf die Angaben zu Auftragseingang und -bestand. Ein wichtiger Indikator ist die Book to Bill Ratio: Liegt das Verhältnis von Auftragseingang zu Umsatz (in einer bestimmten Periode) über 1, wächst die Nachfrage, liegt die Ratio unter 1, schrumpft sie.

Viele Industriebetriebe kennen lange Durchlaufzeiten und arbeiten nach wie vor Aufträge ab, die sie vor dem legendären 15. Januar in die Bücher genommen hatten. Die Stunde der Wahrheit kommt also manchenorts erst noch, im Herbst, gegen Ende des Jahres oder dann 2016. Grad und Tempo der Betroffenheit sind von Unternehmen zu Unternehmen naturgemäss stark unterschiedlich. Wirtschaftsminister Johann Schneider-Ammann, ein intimer Kenner des Werkplatzes Schweiz, sagte unlängst, in manchen Branchen sei die Auftragslage noch auf sechs Monate hinaus gesichert.

Dass sich die Schwierigkeiten erst schleichend und punktuell manifestieren, ist trügerisch, weil so das Bewusstsein für den Ernst der Lage in der Politik noch ein eher theoretisches bleibt. Arbeit­geberpräsident Valentin Vogt fordert gemäss der neusten «NZZ am Sonntag» nicht von ungefähr «klare Signale für die Wirtschaft»; er mahnt «Bern», jetzt nicht einfach in die Sommerferien zu gehen und danach dem Wahlkampf zu frönen.

Freilich ist genau das zu befürchten. Und der wirtschafts- und finanzpolitische Schulterschluss der bürgerlichen Bundesratsparteien ist kaum mehr als ein Lippenbekenntnis, ebenso wie das wohlfeile Sonntagsgelübde, die Rahmenbedingungen verbessern  zu wollen.

Immerhin darf nach der Abfuhr für Volksinitiativen wie Erbschaftssteuer, 1:12, Mindestlohn usw. mit gewisser Erleichterung festgestellt werden, dass es im Land eine sehr solide Mehrheit gegen abenteuerliche Vorlagen von Links gibt. Die lässt sich jedoch keinesfalls tel quel übersetzen in Mehrheiten für Vorlagen, die Einschränkungen mit sich bringen, etwa in der Altersvorsorge.