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Die Gefahr einer neuen wirtschaftlichen Nicht-Ordnung

Führende Politiker versäumen es bei den Jahrestagungen von Währungsfonds und Weltbank, sich der Probleme anzunehmen. Ein Kommentar von Mohamed A. El-Erian.

Mohamed A. El-Erian, London
«Amerikas schon seit mehreren Jahren zu beobachtende Hinwendung nach innen ist besonders folgenschwer, weil man dadurch eine Weltordnung ohne Dirigenten schafft. »

Wenn sich die Finanzminister und die Zentralbankgouverneure aus über 180 Ländern Mitte Oktober in Washington, D.C., zur Jahrestagung des Internationalen Währungsfonds und der Weltbank einfinden, werden sie es mit einer zunehmend belasteten Weltwirtschaftsordnung zu tun haben. Da es nicht gelungen ist, den inklusiven Wohlstand herzustellen, der möglich wäre, wachsen die Zweifel an dieser Ordnung – und auch die Herausforderungen. Ohne entsprechende Kurskorrektur wird sich das Risiko, dass aus der heutigen Ordnung eine weltwirtschaftliche Nicht-Ordnung wird, nur noch intensivieren.

Die gegenwärtige, im Gefolge des Zweiten Weltkriegs von den Vereinigten Staaten und ihren Verbündeten angeführte internationale Wirtschaftsordnung wird durch multilaterale Institutionen wie den IWF und die Weltbank untermauert. Diese Institutionen wurden konzipiert, um die Verpflichtungen der Mitgliedländer herauszuarbeiten, und sie verkörperten ein Gesamtpaket der besten wirtschaftspolitischen Massnahmen, aus denen sich im Anschluss ein Programm bildete, das als Washington-Konsens bekannt wurde.

Dieser Konsens wurzelte in einem wirtschaftspolitischen Paradigma, das darauf abzielte, für alle Seiten gedeihliche Interaktionen zwischen Ländern zu fördern, wobei man den Schwerpunkt auf Handelsliberalisierung, relativ unbeschränkte grenzüberschreitende Kapitalflüsse, die Preisbildung auf freien Märkten und nationale Deregulierung legte. All das bildete einen scharfen Kontrast zu den Entwicklungen, die in der ersten Hälfte der Nachkriegszeit hinter dem Eisernen Vorhang und in China stattfanden.

Strukturelle wirtschaftliche Veränderungen

Über mehrere Jahrzehnte funktionierte die vom Westen angeführte internationale Ordnung gut und half dabei, Wohlstand und relative Finanzstabilität herzustellen. Dann wurde diese Ordnung von einer Reihe finanzieller Schocks erschüttert, die in der weltweiten Finanzkrise des Jahres 2008 ihren Höhepunkt erreichten und eine Kaskade an Wirtschaftsversagen in Gang setzten, die die Welt an den Rand einer verheerenden mehrjährigen Depression brachten. Es handelte sich um den schwersten wirtschaftlichen Zusammenbruch seit der Grossen Depression der Dreissigerjahre.

Doch die Krise kam nicht aus heiterem Himmel, um eine gesunde Wirtschaftsordnung in Frage zu stellen. Im Gegenteil: Die Entwicklung der weltweiten Ordnung war wegen struktureller wirtschaftlicher Veränderungen längst ins Hintertreffen geraten, und multilaterale Governance-Institutionen brauchten zu lange, um die Bedeutung der Entwicklungen auf dem Finanzsektor und ihrer Auswirkungen auf die Realwirtschaft zu erkennen oder den Schwellenökonomien entsprechend Geltung zu verschaffen.

So passen beispielsweise die Governance-Strukturen, einschliesslich der Stimmrechte, besser zur wirtschaftlichen Realität von gestern als zu der von heute und morgen. Und statt Leistung steht immer noch Nationalität im Vordergrund, wenn es um die Ernennung der Chefs dieser Institutionen geht, wobei die Spitzenpositionen nach wie vor Europäern und US-Bürgern vorbehalten sind.

Verweigerung von Reformen

Die destabilisierenden Folgen dieser hartnäckigen Verweigerung ausreichender Reformen im Bereich multilateraler Governance wurden durch Chinas eigenes Ringen um einen Ausgleich zwischen seinen nationalen Prioritäten und seiner weltweiten wirtschaftlichen Verantwortung als zweitgrösste Volkswirtschaf verschärft. Mehrere andere Staaten, besonders unter den Industrieländern, haben ebenfalls dabei versagt, ihre nationalen Strategien so umzugestalten, dass sie den Veränderungen der wirtschaftlichen Beziehungen aufgrund der Globalisierung, der Liberalisierung und der Deregulierung Rechnung tragen.

Infolge dieser Entwicklungen wurde das Gleichgewicht zwischen Gewinnern und Verlierern immer extremer und auch schwieriger zu steuern, nicht nur in wirtschaftlicher, sondern auch in politischer und sozialer Hinsicht. Da sich zu viele Menschen ausgegrenzt, vergessen und enteignet fühlen – und auch zornig auf die Chefs der Institutionen sind, die Derartiges zugelassen haben –, hat sich der Druck auf nationale politische Führungen intensiviert und dazu geführt, dass sich die Länder nach innen wenden.

Dieser Trend zeigt sich in jüngsten Kampfansagen an mehrere Fixpunkte der Wirtschaftsordnung wie etwa an das nordamerikanische Freihandelsabkommen. Zu diesen Kampfansagen zählen auch der Rückzug Amerikas aus der transpazifischen Partnerschaft sowie Grossbritanniens Verzicht auf die Mitgliedschaft in der Europäischen Union. Diese Entwicklungen werfen einen Schatten auf die Zukunft des Weltwirtschaftssystems.

China beschleunigt seine eigenen Bemühungen

Amerikas schon seit mehreren Jahren zu beobachtende Hinwendung nach innen ist besonders folgenschwer, weil man dadurch eine Weltordnung ohne einen Dirigenten schafft. Da kein Land oder keine Gruppe von Ländern annähernd in der Lage ist, den Taktstock zu übernehmen, wird die Entstehung der vom Politikwissenschaftler Ian Bremmer als «G-Null-Zeitalter» bezeichneten Ära um vieles wahrscheinlicher.

China reagiert auf die Schwächung des Zentrums des globalen Systems mit einer Beschleunigung seiner Bemühungen zum Aufbau kleiner Netzwerke, auch rund um die traditionell vom Westen dominierten Machtstrukturen. Dazu gehören die Gründung der Asiatischen Infrastruktur-Investitionsbank, die Ausweitung bilateraler Zahlungsabkommen und die sogenannte Belt-and-Road-Initiative zum Aufbau einer Infrastruktur, die China mit Westasien, Europa und Afrika verbinden soll.

Diese Dynamik schürt Spannungen im Bereich des Handels und lässt auch die Gefahr der wirtschaftlichen Fragmentierung steigen. Setzt sich dieser Trend fort, wird die weltweite Wirtschafts- und Finanzkonfiguration zunehmend instabil werden und geopolitische Gefahren sowie auch Sicherheitsbedrohungen zu einer Zeit verschärfen, da eine bessere grenzüberschreitende Koordination von entscheidender Bedeutung ist, um diesen Bedrohungen durch nichtstaatliche Akteure und zerstörerische Regime wie das nordkoreanische entgegenzutreten. Im Laufe der Zeit könnten die mit dieser Verlagerung in Richtung einer weltweiten wirtschaftlichen Nicht-Ordnung verbundenen Risiken schwerwiegende nachteilige Auswirkungen auf die Geopolitik und die nationale Sicherheit haben.

Zu wenig, zu spät

All das ist nicht neu. Doch Jahr für Jahr versäumen es höchste staatliche Vertreter bei den Jahrestagungen des IWF und der Weltbank, sich dieser Probleme anzunehmen. Das wird wahrscheinlich auch heuer nicht anders sein. Statt konkrete Schritte zu diskutieren, wie dieser Marsch in Richtung einer weltwirtschaftlichen Nicht-Ordnung zu verlangsamen und umzukehren ist, werden die offiziellen Vertreter wohl den konjunkturbedingten Anstieg des weltweiten Wachstums begrüssen und die Mitgliedstaaten dazu anhalten, mehr zur Beseitigung struktureller Hindernisse auf dem Weg in Richtung eines schnelleren, dauerhafteren und inklusiveren Wachstums zu tun.

Obwohl verständlich, ist das nicht ausreichend. Die bevorstehende Tagung bietet eine entscheidende Chance, eine ernsthafte Debatte darüber zu beginnen, wie dieser für alle Seiten nachteiligen Dynamik Einhalt geboten werden kann, die in der Weltwirtschaft bereits Fuss gefasst hat. Je länger es dauert, bis die Saat der Reformen ausgebracht ist, desto geringer die Wahrscheinlichkeit, dass sie auch Wurzeln bildet – und desto höher die Wahrscheinlichkeit, dass sich eine weltwirtschaftliche Nicht-Ordnung herausbildet, in der alle verlieren.

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