Meinungen

Die Gefahren von Big Data

Wissen ist Macht – aber weder technologische Macht oder Informationsmacht, sondern deren Verknüpfung mit der Staatsmacht ist das Hauptproblem und kann die Freiheit gefährden. Ein Kommentar von Robert Nef.

Robert Nef
«Wissen ist Macht, und Macht öffnet stets auch den Weg zu ihrem Missbrauch.»

Die andauernde Wissensvermehrung und die im elektronischen Zeitalter zunehmende Möglichkeit, dieses Wissen zu kommunizieren und vielfältig zu vernetzen, sind gleichzeitig eine Chance und eine Gefahr. Elektronisch ermittelt und kommuniziert werden nämlich nicht nur allgemein zugängliche Fakten und Daten, sondern auch sehr persönliche.

Was elektronisch ausgetauscht wird, sind – wie bei jeder menschlichen Kommunikation – Meinungen, also eine Mischung von Wahrheiten, Überzeugungen, Mutmassungen, Irrtümern, Unterstellungen und Lügen.

Im persönlichen Kontakt ist es möglich, Informationen gezielt bekanntzugeben oder zu verheimlichen, die Privatsphäre abzuschirmen und sich persönlich zu wehren. Wenn die Meinungsäusserungsfreiheit garantiert ist, steht allen die Möglichkeit offen, gegen Fehlinformationen, Verleumdungen und sonstige Angriffe auf die persönliche Integrität auch persönlich vorzugehen.

Ändert sich dies in einer elektronisch weltweit vernetzten Gesellschaft? Was im Internet publiziert ist, kann nur durch komplizierte und erst noch verletzliche Verfahren abgeschirmt werden. Eigentlich wissen informierte Internetbenutzer das, aber viele möchten das Problem nicht selbstverantwortlich durch Selbstkontrolle lösen, sondern rufen nach staatlichen Verboten und Lenkungsmassnahmen. Sicher gibt es zahlreiche Opfer der Bereitschaft, sich, ohne Rücksicht auf die Folgen, möglichst öffentlich zu präsentieren. Aber ist der Schutz mündiger Menschen vor der freiwilligen Preisgabe von allzu vielen allzu persönlichen Daten wirklich eine Staatsaufgabe oder nicht vielmehr eine pädagogische Herausforderung?

Weg zum Missbrauch

Wissen ist Macht, und Macht öffnet stets auch den Weg zu ihrem Missbrauch. Dies ist aber kein Grund, eine zwangsweise Beschränkung des Zugangs zu diesem Wissen über unsere Mitmenschen zu postulieren.

Die Diskussion über Big Data, das heisst über die weltweit immer intensivere elektronische Erfassung und Vernetzung von personenbezogenen Daten, wird eigentlich erst durch die Tatsache, dass dadurch vor allem auch Big Government, der Staat, mehr Macht durch mehr Wissen erhält, zur Bedrohung der persönlichen Freiheit. Mehr Wissen durch mehr vernetzte Daten ist ökonomisch attraktiv, und es vermittelt interessante und verwertbare Informationen über Individuen und Organisationen.

In einer arbeitsteiligen Welt ist das detaillierte Wissen um die Bedürfnisse und die Befindlichkeit der Mitmenschen grundsätzlich nichts Nachteiliges. Es erleichtert zunächst die ökonomische, kulturelle und soziale Kommunikation unter vielfältig verschiedenen Menschen, die sich nicht von Angesicht zu Angesicht begegnen und nicht persönlich kennen.

Frank Schirrmacher, der kürzlich verstorbene Chefredaktor der «Frankfurter Allgemeinen», wurde nicht müde, vor den Bedrohungen der Freiheit durch einen neuen Informationskapitalismus zu warnen. Die gefährlichste Macht liege nicht mehr beim Staat, sondern bei marktbeherrschenden Informationsunternehmen wie Google, Amazon (AMZN 3'331.48 +0.12%) und Facebook (FB 351.95 -1.22%) & Co. Sie versuchten, an die privatesten Daten ihrer Kunden zu gelangen, und gewännen dadurch einen Einfluss, der sich jeder staatlichen Kontrolle entziehe. Aus dieser Sicht ist der liberale Abwehrkampf für die Freiheit nicht mehr gegen einen stets mächtigeren Staat zu richten, sondern gegen die zunehmende Macht der Informationsgiganten.

Wenn es stimmt, dass Wissen Macht vermittelt (Francis Bacon), und wenn es gleichzeitig stimmt, dass Macht an sich böse ist (Jacob Burckhardt, Lord Acton), läge es nahe, das «Immer-mehr-übereinander-Wissen» als solches einzuschränken, damit es aufgrund dieses Wissens nicht immer mehr Macht gibt, die «in falsche Hände» geraten kann. Soll man das verhindern, und lässt sich das überhaupt verhindern? Macht ist darum «an sich böse», weil sie die Gier nach mehr Macht nährt. Kann man wenigstens diese Gier limitieren? Und: Lässt sich zwischen «richtigen privaten» und «falschen politischen Akteuren» unterscheiden, die Macht aufgrund von Informationen und Daten in den Händen haben und handhaben? Wer wacht darüber? Und, vor allem: Wer bewacht die Bewacher?

Das elektronisch gespeicherte und freiwillig andern zugänglich gemachte Wissen kann auch als Macht über andere gegen sie verwertet werden. Es kann aber auch durchaus wohlwollend in Tauschprozesse eingebracht werden. Wenn mir Amazon im Zusammenhang mit einer Bestellung mitteilt, welche anderen Bücher andere Kunden, die sich für dasselbe Buch interessierten, auch noch bestellt haben, betrachte ich dies als Kundenservice und nicht als Verletzung meiner Privatsphäre.

Auch wenn mein behandelnder Arzt durch elektronisch gespeicherte Daten binnen kurzer Zeit detaillierte Informationen über meine bisherige Gesundheitsbiographie erhält, verbessert dies unser Auftragsverhältnis, sofern er sich an seine berufliche Geheimhaltungspflicht gegenüber Dritten hält und wenn er sich bewusst bleibt, dass Daten auch fehlerhaft sein können. Wenn aber Banken automatisch Kundendaten an die Behörden ausliefern, ist dies ein Vertrauens- und Vertragsbruch, bei dem die entscheidende Grenze zwischen Privatbereich und Staat verletzt wird.

Die Freiheit steht zur Debatte

Das Risiko der Weitervermittlung von Daten muss jeder Mensch, der Informationen über seine Person freiwillig preisgibt, kennen und individuell abwägen. Vor den Informationen, die ohne Einwilligung allgemein zugänglich und verwertbar gemacht werden, ist jedoch aus freiheitlicher Sicht zu warnen. Die Frage, ob und inwiefern sich solche Gefährdungen der Privatsphäre durch Private über Rechtsnormen und Verbote wirksam reduzieren lassen, darf keinen Freund der Freiheit kaltlassen. Diese bestehende und zunehmende Herausforderung sollte aber nicht davon ablenken, dass die Hauptgefahr von Big Data die Verknüpfung mit Big Government ist, das heisst die Verknüpfung mit der Macht des Staates als Inhaber des Zwangsmonopols.

Viele sehen im aktuellen Prozess der Vernetzung von Staat, Wirtschaft und Kultur, in dem die Steuergelder eine wichtigere Rolle spielen als die Kommunikationstechnologie, einen unabänderlichen zivilisatorischen Prozess, bei dem Staatsmacht angeblich auch als Schranke gegen andere Mächte gebraucht wird. Wer vor dieser Entwicklung beharrlich warnt, ist nicht einfach ein unverbesserlicher liberaler Staatsskeptiker. Es geht um das Überleben der Freiheit, die nicht primär durch die Fortschritte der technischen Zivilisation gefährdet wird, sondern durch diejenigen, die behaupten, sie durch Staatsmacht lenken und kontrollieren zu können.

Das Motto der deutschen Aufklärung «Wage es, zu wissen» muss angesichts der Tatsache, dass Wissen stets auch Macht vermittelt, wie folgt ergänzt werden: «Wage es, zu wissen, aber wage es auch, zuzugeben, dass Wissen stets vorläufig, bruchstückhaft und beschränkt bleibt und dass es darum gute Gründe gibt, die Macht, die mit dem Zwangsmonopol verknüpft ist, zu beschränken.» Wissen als solches kann und soll nicht beschränkt werden, auch wenn es aus der Auswertung persönlicher Daten gewonnen wird. Auch der offene Austausch von solchem Wissen durch Kommunikation bedarf keiner Zwangsregulierung. Aber die Ermittlung, Sammlung und Verwertung von persönlichen Daten durch Organisationen, die dazu legitimiert sind, Zwang auszuüben, ist tendenziell freiheitsgefährdend und bedarf der scharfen politischen Kontrolle durch wachsame Bürger und durch staatsunabhängige Medien.