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«Die Geldpolitik wird unkonventioneller»

Danielle DiMartino Booth, CEO von Quill Intelligence und ehemalige Beraterin der Distriktnotenbank in Dallas, über die Herausforderungen des Fed.

Danielle DiMartino Booth kritisiert die amerikanische Zentralbank scharf. Die ehemalige Beraterin der Distriktnotenbank des Federal Reserve in Dallas wirft den Währungshütern Modellbesessenheit vor und warnt vor der nächsten Krise. Das Fed habe mit der Normalisierung der Geldpolitik zu lange gewartet.

Frau DiMartino Booth, was ist das Hauptproblem des Federal Reserve?
Die intellektuelle Unehrlichkeit. Die amerikanische Zentralbank weiss seit 2009, dass sie mit einem zuverlässigeren und realistischeren Indikator für die Inflationsrate die Finanzkrise hätte früher sehen können. Obwohl die Währungshüter das realisierten, entschieden sie, am bisherigen Inflationsindikator festzuhalten.

Welche Inflationsindikatoren sind besser?
Diverse Distriktnotenbanken haben Alternativen. Der Underlying Inflation Gauge der Fed New York enthält auch die Entwicklung der Wertpapierpreise. Der Indikator weist auf eine Preissteigerung hin, die etwa 1 Prozentpunkt höher ist als der präferierte Indikator des Fed, die Kernrate der Preise von Konsumausgaben.

Wie sähe die Geldpolitik aus, hätte das Fed einen realistischeren Indikator benutzt?
Das Fed hätte nicht so lange eine lockere Geldpolitik verfolgen können. Die Währungshüter verstecken sich hinter der Kernrate der Preise für Konsumausgaben von 1,6%, um die Geldpolitik nicht zu normalisieren. Denn selbst die Kernrate des Konsumentenpreisindex beträgt seit vierzehn Monaten mehr als 2%.

Was bedeutet das für die aktuelle Politik?
Die ehemalige Fed-Chefin Janet Yellen vollbrachte den langsamsten Zinserhöhungszyklus in der Geschichte der Zentralbank. Als Jerome Powell im Februar 2018 von Yellen übernahm, hatte er kaum mehr Zeit, die Geldpolitik zu normalisieren, da die Wirtschaft bereits schwächelte. Wegen des ungenauen Inflationsmasses und des Ziels einer Inflationsrate von 2% hinkt Powell hinterher.

Warum beträgt das Inflationsziel 2%?
Stanley Fisher stellte als Vizepräsident während seiner ersten Sitzung im Federal Reserve dieselbe Frage. Ein Mitarbeiter des Fed antwortete: «Weil sonst die Modelle nicht mehr funktionieren würden.» Alain Greenspan und Paul Volcker sagten, dass die beste Inflationsrate für Haushalte und Unternehmen 0% ist.

Weshalb ist das Fed jüngst vorsichtiger geworden in der Geldpolitik?
Im vergangenen Jahr stieg die Volatilität an den Anleihenmärkten deutlich, nachdem das Volumen der globalen quantitativen Lockerung von 2,1 Bio. $ im Jahr 2017 auf null reduziert worden war. Dies entzog dem System Liquidität. Im Dezember wurde in den USA während 41 Tagen keine einzige Unternehmensanleihe von geringer Qualität emittiert – ein Rekord. Zudem gab es Abflüsse aus Anleihenfonds, und die Risikoaufschläge nahmen zu.

Powell reagierte also nicht auf den Einbruch an den Aktienmärkten?
Er reagierte auf die Herausforderung, einen Liquiditätsengpass am Bondmarkt mit Geldpolitik zu lösen, in Anbetracht einer globalen Verschuldung von 250 Mrd. $. Seine Kehrtwende bedeutet, dass das Fed nicht viel machen kann, wenn die Liquidität versiegt.

Wie steht es heute um die Liquidität?
Ende Mai gab es während einer Woche erneut keine Emissionen von Hochzinsanleihen. Danach hatte Powell seinen Draghi-Moment. An der Fed-Konferenz sagte er, dass er alles tun werde, um die Expansion am Leben zu halten.

Benötigt die US-Wirtschaft Unterstützung?
Gemäss Morgan Stanley (MS 45.16 1.9%) ist die US-Zinsstrukturkurve, bereinigt um die Transaktionen des Fed, seit Dezember invers. Entweder sind wir bereits in einer Rezession, oder sie steht kurz bevor.

Wie kann das Fed darauf reagieren?
Reden von Powell lassen darauf schliessen, dass er einen negativen Zins sowie quantitative Lockerung in Betracht zieht.

Werden wir in einigen Jahren auf der ganzen Welt Negativzinsen haben?
Die Geldpolitik wird unkonventioneller,  und die Folgen für die Realwirtschaft werden haarsträubender. In Dänemark gibt es beispielsweise negative Hypotheken.

Gibt es einen Weg zurück zur Normalität?
Ich weiss es nicht. Aber die Währungshüter haben das Problem selbst verschlimmert. Sie haben mit Schulden versucht, ein Problem von zu hoher Verschuldung zu lösen. Und sie haben es verpasst, die Geldpolitik zu normalisieren. Zudem hätten sie den Zins nie so stark senken müssen. Denn während einer Liquiditätskrise ist der Preis von Geld irrelevant.

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