Meinungen

Die Geschichte gegen Europa

Die Länder im Zentrum Europas versuchen, die Historie der vergangenen Jahrhunderte zu überwinden. Am Rand des Kontinents dagegen hat das Zelebrieren alter Zöpfe Konjunktur. Ein Kommentar von Harold James.

Harold James
«Heute könnten trotz der angeblich zivilisierenden Effekte globaler Lieferketten Pulverfässer wie Syrien oder das Südchinesische Meer die Welt zum Explodieren bringen – ganz so, wie der bosnische Konflikt es 1914 tat.»

Geschichte ist wichtig, aber auf unterschiedliche Weisen. Mancherorts und für manche Menschen bedeutet sie endlose Konflikte, die von enormen geopolitischen Kräften bestimmt werden: Vor 400 Jahren ist dort dasselbe wie gestern. Andernorts und für andere Menschen legt die Geschichte eine Notwendigkeit nahe, Wege zu finden, uralten Zwängen und überholten Vorurteilen zu entkommen. Es ist dieser Zwiespalt, der den derzeit ablaufenden geistigen Kampf in und um Europa bestimmt.

Angesichts des 100. Jahrestags des Ausbruchs des Ersten Weltkriegs sind Dutzende neuer Analysen über den «Krieg zur Beendigung aller Kriege» herausgekommen. Und es ist verführerisch, moderne Parallelen zur Selbstzufriedenheit des imperialen Europa zu sehen, besonders zu seinem festen Glauben, die Welt sei so vernetzt und wohlhabend, dass ein Krieg undenkbar wäre. Heute könnten trotz der angeblich zivilisierenden Effekte globaler Lieferketten Pulverfässer wie Syrien oder das Südchinesische Meer die Welt zum Explodieren bringen – ganz so, wie der bosnische Konflikt es 1914 tat.

Zugleich waren die Reflexionen über das Erbe des Ersten Weltkriegs ein Anlass, die Mentalitäten jener Ära zu neuem Leben zu erwecken. In Grossbritannien hat Bildungsminister Michael Gove jüngst eine Polemik gegen die Historiker herausgegeben, die die Sinnlosigkeit des Krieges betonen, und ihn als «gerechten Krieg» bezeichnet, der sich gegen den «rücksichtslosen Sozialdarwinismus der deutschen Eliten» gerichtet habe. Dies nimmt sich wie eine kaum verschleierte Anspielung auf die Machtkämpfe im heutigen Europa aus.

Gezänk zwischen Grossbritannien und Frankreich

Doch das Jahr 1914 ist nicht der einzig mögliche oder attraktive Vergleichspunkt bei der Interpretation der britischen Vergangenheit. Im kommenden Jahr jährt sich die Schlacht von Waterloo, wo Napoleon seine endgültige Niederlage erlitt, zum 200. Mal. Der dem rechten Rand des politischen Spektrums zuzurechnende britische Politiker Enoch Powell behauptete früher, der gemeinsame europäische Markt sei die Rache der Deutschen und der Franzosen für die ihnen von den Briten zugefügten Niederlagen.

Die Feierlichkeiten und Jubiläen werden voller Symbolik in Bezug auf aktuelle Streitigkeiten sein. Schon jetzt musste der britische Premierminister David Cameron ein Gipfeltreffen mit dem französischen Präsidenten François Hollande vom vorgesehenen Standort Blenheim Palace verlegen, als französischen Diplomaten bewusst wurde, dass der Palast zu Ehren von John Churchill, Herzog von Marlborough, erbaut wurde. Dieser hatte den Truppen Ludwigs XIV. 1704 nahe der kleinen bayrischen Stadt Blindheim, die dem Palast seinen Namen gab, eine vernichtende Niederlage zugefügt.

1704 ist ein bedeutungsschweres Jahr. Der Sieg über Frankreich legte die Grundlage für das Vereinigungsgesetz (Act of Union) von 1707 zwischen England und Schottland. Diese Union ist Gegenstand eines wichtigen Referendums, das in diesem Jahr in Schottland abgehalten werden wird.

Russlands Rückfall in alte Obsessionen

Am anderen Ende des Kontinents werden suggestive historische Daten in ähnlicher Weise ge- bzw. missbraucht, um Feindbilder heraufzubeschwören, die ihren Widerhall in zeitgenössischen politischen Debatten finden. Vor ein paar Jahren beschwor ein russischer Film mit dem schlichten Titel «1612» die sogenannte Zeit der Wirren, als die Schwäche der russischen Führung zur Invasion durch tückische polnische Aristokraten und Kapitalisten und zur Zerrüttung des Landes führte. Der Regisseur des Films, Wladimir Chotinenko, erklärte, es sei wichtig, dass sein Publikum dies «nicht als etwas ansieht, das in der entfernten Vergangenheit passiert ist, sondern als aktuelles Ereignis, dass es die Verbindung zwischen den Geschehnissen vor 400 Jahren und heute fühlt».

Angesichts der Mühen Russlands, die Ukraine zurück in seinen Dunstkreis zu bringen, hat noch ein weiteres lange vergangenes Datum eine grosse Bedeutung: das Jahr 1709, als Zar Peter der Grosse die Armeen der Schweden und der Kosaken in der Schlacht bei Poltawa vernichtend schlug. Diese Schlacht war Gegenstand eines aktuellen russischen Films, «Pakt der Bestien». Russische Fernsehkommentatoren beschreiben die Länder, die sich besonders für die Unterstützung einer europaorientierten Ukraine engagieren – Schweden sowie Polen und Litauen, die damals zum schwedischen Einflusskreis gehörten –, als um Rache für Poltawa bemüht.

Die west- und die osteuropäischen Ränder sind von Daten besessen, die an ihre Kämpfe mit dem europäischen Kern erinnern: 1914, 1815, 1709, 1707, 1704, 1612 usw. Im Gegenzug dazu ist der europäische Kern davon besessen, die Geschichte zu überwinden, indem er institutionelle Mechanismen zur Bewältigung der Konflikte ausarbeitet, die Europa in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts entstellten. Das europäische Integrationsprojekt ist eine Art Befreiung vom Druck und den Zwängen  der Vergangenheit.

De Gaulle und Churchill zogen Lehren aus der Geschichte

Nach dem Zweiten Weltkrieg entwickelte Charles de Gaulle eine komplizierte Metaphysik, um die Beziehung seines Landes mit seiner problematischen Vergangenheit zu erklären. Jedes europäische Land sei verraten worden. «Frankreich litt mehr als andere, weil es mehr als andere verraten wurde. Darum muss Frankreich die Geste des Vergebens machen … Ich bin der Einzige, der Frankreich und Deutschland aussöhnen kann, weil nur ich Deutschland aus seiner Dekadenz heben kann.»

Winston Churchill (ein direkter Nachkomme des Herzogs von Marlborough) vertrat eine ähnliche Nachkriegsvision zur Überwindung vergangener Trennlinien und nationalistischer Streitigkeiten. «Dieser noble Kontinent … ist der Quell christlichen Glaubens und christlicher Ethik», erklärte er. «Würde Europa sein gemeinsames Erbe irgendwann geeint miteinander teilen, wären die Freude, der Wohlstand und der Ruhm, die seine drei- oder vierhundert Millionen Menschen geniessen würden, grenzenlos.»

Ist das europäische Zentrum gegenwärtig zu naiv – oder zu idealistisch? Ist es wirklich möglich, der Geschichte zu entkommen? Oder ist da im Gegenteil etwas Merkwürdiges an der Art und Weise, in der die Ränder Europas obsessiv in historischen Meilensteinen Zuflucht nehmen? In Grossbritannien und Russland scheint diese Besessenheit nicht nur eine Methode zu sein, eigene nationale Interessen geltend zu machen, sondern auch ein Mechanismus, um eine Bevölkerung anzusprechen, die desillusioniert ist von den modernen Realitäten des Niedergangs gegenüber der imperialen Vergangenheit.

De Gaulle und Churchill wussten eine Menge über den Krieg, und sie wollten das blutgetränkte Erbe von Poltawa, Blindheim und Waterloo überwinden. Sie betrachteten Geschichte als etwas, das konkrete Lehren über die Notwendigkeit enthält, der Vergangenheit zu entkommen. Der europäische Rand dagegen scheint heute entschlossen, sich in die Geschichte zu flüchten.

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