Dossier-Bild Ein Artikel aus dem Dossier US-Wahlen 2020
Meinungen

Trumps Wiederwahl wird unwahrscheinlicher

Trump schockte 2016 mit seinem Wahlsieg die Demokraten. Seine Chancen sehen diesmal schlechter aus, auch weil er an Corona erkrankt ist. Ein Kommentar von USA-Korrespondent Martin Lüscher.

«Trump ist kein frischer Wind mehr, und Biden ist beliebter als Clinton.»

Donald Trump steht mit dem Rücken zur Wand. Nicht nur wird die Mehrheit der US-Stimmbürger mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit ihre Stimme Joe Biden geben. Der demokratische Herausforderer hat auch die besten Chancen, die 270 Elektorenstimmen zu erhalten, die er  für den Einzug ins Weisse Haus benötigt. Um seine Abwahl zu verhindern, braucht der amerikanische Präsident ein mittelgrosses Wunder. Im Jahr der schlimmsten Pandemie seit 1918, des dramatischsten Wirtschaftseinbruchs seit dem Zweiten Weltkrieg und der grössten sozialen Unruhen seit 1968 ist das zwar alles andere als ausgeschlossen. Doch dem Amtsinhaber läuft die Zeit davon.

Nicht nur ist schon in einem Monat Wahltag, in mehr als einem Dutzend Staaten können die Stimmzettel bereits heute vor Ort eingeworfen werden; in einer Woche wird es in jedem zweiten Staat möglich sein. Hinzu kommen die unzähligen Voten, die per Post unterwegs sind. Laut Michael McDonald, einem Politikwissenschaftler der Universität Florida, nähert sich in einigen Staaten die Zahl der abgegebenen Briefstimmen bereits 10% der gesamten Voten von 2016. Ein Grund dafür ist die Pandemie. Aus Furcht vor einer Ansteckung geben Stimmbürger ihr Votum lieber per Post als in Person im Wahllokal ab. Hinzu kommt aber auch, dass das überwältigende Mehr seine Meinung gebildet hat. Gemäss einer Umfrage der Monmouth University haben 87% der Wähler entschieden, für wen sie stimmen werden. 

Biden ist nicht Clinton

Biden führt laut RealClearPolitics seit Anfang Sommer mit einem Vorsprung von mindestens sechs Prozentpunkten. Das nationale Rennen dürfte damit entschieden sein. Biden deswegen aber bereits als nächsten Präsidenten zu bezeichnen, wäre verfrüht. Entscheidend sind die Elektorenstimmen, und da ist die Erinnerung an 2016 noch frisch. Damals rechneten fast alle Auguren mit der Wahl der demokratischen Kandidatin Hillary Clinton. Gewonnen hat aber Trump. Ein kollektives ­Irren der Wahlprognostiker ist diesmal dennoch unwahrscheinlich. Erstens ist Bidens Vorsprung aussergewöhnlich ­stabil. Derjenige von Clinton war es nicht. In den rund hundert Tagen vor der Wahl 2016 oszillierte die Demokratin gegenüber Trump von einem Rückstand von einem Prozentpunkt bis zu einem Vorsprung von acht Punkten. Bei Biden schwankt der Vorsprung im selben Zeitraum bisher gerade einmal zwischen sechs und neun Prozentpunkten. Das deckt sich mit der Zustimmungsrate von Trump, die seit Amtsantritt zwischen 37 und 47% schwankt und nie die Schwelle von 50% überschritten hat – ein Novum für einen US-Präsidenten.

Zweitens lag die letzte nationale Prognose vor der Wahl 2016 im Mittel mit einem Plus der Stimmen von 3,2 Prozentpunkten für Clinton gar nicht weit vom effektiven Vorsprung von 2,1 Punkten entfernt. Daneben lagen die Prognosen hingegen in den Swing States Pennsylvania, Michigan und Wisconsin, wenn auch nur knapp. In diesen drei Staaten gewann Trump von über 13 Mio. Stimmen nur gerade 77 744 mehr als Clinton – was etwa der Einwohnerzahl der Stadt St. Gallen entspricht. Der Grund für die Fehlprognose war die Untergewichtung von weissen Wählern ohne Hochschulabschluss, die mehrheitlich für Trump stimmten. Auf wichtigen Um­frageportalen wie dem der «New York Times» oder von FiveThirtyEight wurde dies korrigiert. Zudem dürften sich die Auguren davor hüten, die gleichen Fehler erneut zu begehen. In Pennsylvania, Wisconsin und Michigan verfügt Biden gegenwärtig im Mittel über einen Vorsprung von mehr als fünf Prozentpunkten.

Drittens ist Biden nicht Clinton. Vor vier Jahren spürte die demokratische Kandidatin selbst aus der eigenen Wählerbasis Antipathie. Demokraten stimmten teils nur widerwillig für sie oder blieben der Wahl fern. Clinton vs. Trump war das Rennen der unbeliebtesten Präsidentschaftskandidaten in der Geschichte der US-Wahlumfragen. Ein Grossteil der Wähler, die sich nicht zwischen Trump und Clinton entscheiden konnten, schwenkte in letzter Minute zu Trump. Unzufrieden mit dem politischen Establishment, suchten sie das Heil im Bulldozer, der in Washington aufräumen wollte. Heute ist das Bild anders. Trump ist nicht mehr der frische Wind von 2016, und Biden ist deutlich beliebter als Trump heute und Clinton vor vier Jahren.

Viertens fehlen Drittparteien, die dem Demokraten Stimmen wegnehmen könnten. 2016 konnte Jill Stein, die Kandidatin der Grünen, in Pennsylvania, Michigan und Wisconsin mehr Stimmen gewinnen, als die Differenz zwischen Trump und Clinton betrug. Die Dritt­parteien der Grünen und der Libertären haben zwar ­erneut Kandidaten aufgestellt, und selbst Kanye West hat in einigen Staaten die Deadline nicht verpasst und den Sprung auf die Wahlzettel geschafft. Entscheidenden Einfluss auf das Rennen haben sie aber kaum. 

Fünftens zeigt sich Amerika im Wahlfieber wie selten zuvor. Trump vermag zwar die eigenen Wähler deutlich stärker zu begeistern als sein demokratisches Gegenüber. Er treibt aber nicht nur die eigenen Wähler an die Urne, sondern auch die von Biden. Nochmals werden unentschlossene Demokraten nicht zu Hause bleiben, weil sie für den Präsidentschaftskandidaten keine Euphorie verspüren. Ebenso wenig werden sie aus Trotz für einen Drittkandidaten stimmen – was das zur Folge haben kann, haben sie vor vier Jahren und seit ­damals Tag für Tag erleben müssen. 

Trump ist auch nur ein Politiker

Sechstens ist Trump weder fähig noch mit Teflon beschichtet. Er ist kein guter Geschäftsmann, das zeigen Dutzende von Firmenpleiten. Erfolgreich war er hingegen darin, das Bild eines kompetenten Geschäftsmannes zu kreieren. Mit der gleichen Logik ist er nun in der Politik am Werk. Er versucht, das Bild eines ­fähigen Politikers zu erschaffen, überzeugt dabei aber kaum. Selbst bei der Wahl 2016 sagten nur vier von zehn Wählern, Trump sei fähig, im Weissen Haus zu amtieren. Wie recht die Wähler hatten, zeigt sich seit mehr als drei Jahren. An dieser Stelle darauf einzugehen, ist müssig.

Viel wichtiger ist der Hinweis, dass Trump keineswegs aus Teflon ist. Skandale haben Folgen. Das zeigt eine Studie von Politikwissenschaftlern der University of Massachusetts und der Brandeis University. Sie untersuchten die Konsequenzen der Publikation des «Access Hollywood»-Clips vier Wochen vor der Wahl 2016, als sich Trump damit brüstete, Frauen in den Schritt zu ­fassen. Die Politikwissenschaftler belegten, dass die ­Veröffentlichung des Clips die Unterstützung für Trump reduzierte. Die Auswirkung war bei Männern und Frauen ähnlich, bei Republikanern aber signifikant grösser als bei Demokraten.

Seither hat es aus dem Weissen Haus eine Fülle von Skandalen gegeben. Das jüngste Beispiel ist Trumps ­Ansteckung mit dem Coronavirus. Skandalös ist nicht die Ansteckung an sich, sondern die Handhabung. Nicht nur hat sich der Präsident seit dem Ausbruch der Pandemie unter anderem bei Wahlveranstaltungen wiederholt über die Schutzmassnahmen hinweggesetzt. Er hat auch, nachdem er über eine mögliche Ansteckung via seine Beraterin Hope Hicks informiert wurde, an einem Fundraiser-Anlass in New Jersey mit Supportern für Fotos posiert und Hände geschüttelt.

Die Skandale werden nachhallen und die Unterstützung der Wählerbasis reduzieren. Zwar nicht die der Stammwähler – der harte Kern wird zu Trump halten, egal, was passiert. Moderate Konservative dürften jedoch zögern, auf dem Stimmzettel Trump anzukreuzen. Denn obwohl Biden weder ihre konservativen Werte vertritt noch ein Heilsbringer ist, sieht die Alternative mit weiteren vier Jahren Chaos beängstigend aus.

Leser-Kommentare

Hans Zwyer 05.10.2020 - 18:38

Lügen haben kurze Beine. Demzufolge bin ich überzeugt, dass ein Wechsel
stattfinden wird. Falls ich mich täuschen sollte, werden sich über die ganze Welt düstere Wolken und Gewitter verbreiten.