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Die Grenzen des Modells Raiffeisen

Das Finma-Urteil erweckt den Eindruck einer Raffkultur, die den Unsitten in den Zürcher Bankpalästen erschreckend ähnlich sieht. Ein Kommentar von FuW-Redaktorin Monica Hegglin.

«Die Umsetzung der Finma-Vorgabe ist eine Herkulesaufgabe, da praktisch der ganze Verwaltungsrat ausgewechselt werden muss.»

Raiffeisen ist ein Erfolgsmodell. Sie gilt als vertrauenswürdigste Bank der Schweiz. 3,7 Mio. Kunden setzen auf Raiffeisen. 1,9 Mio. von ihnen sind Genossenschafter und damit Mitbesitzer ihrer Bank. Kein grosses Schweizer Finanzinstitut ist in den letzten Jahren so stark gewachsen wie Raiffeisen. Der Bankkonzern gehört zu den systemrelevanten Instituten der Schweiz und muss als solches erhöhte Anforderungen erfüllen, beispielsweise bezüglich der Reporting-Qualität und der Fähigkeit, sich im Notfall zu rekapitalisieren.

Dass das Erfolgsmodell Raiffeisen nun deutliche Risse aufweist, ist auch die Schuld von Pierin Vincenz. Selbst wenn sich alle strafrechtlich relevanten Anschuldigungen in Luft auflösen sollten, bleibt der Eindruck einer Raffkultur bei Raiffeisen, die den Unsitten in den Bankpalästen der Zürcher Bahnhofstrasse erschreckend ähnlich sieht.

Das Problem Raiffeisen äusserte sich in Fehlern des CEO und Versäumnissen des Verwaltungsrats, der Interessenkonflikte ungenügend gehandhabt und die Aufsicht vernachlässigt hat. Deshalb würde es nicht erstaunen, wenn die «Raiffiseler» an der ausserordentlichen Delegiertenversammlung am kommenden Samstag in Lugano den Führungsgremien die Décharge verweigern, da die Aufarbeitung aller Transaktionen der Ära Vincenz noch nicht abgeschlossen ist.

Doch es geht um mehr als Vergangenheitsbewältigung. Zukunftsweisend ist die Anordnung der Finma, dass sich der Raiffeisen-Verwaltungsrat fachlich verstärken muss. Jedoch ist die Umsetzung dieser Vorgabe eine Herkulesaufgabe, da praktisch der ganze elfköpfige Verwaltungsrat ausgewechselt werden muss. Und das in einem Augenblick, in dem die Diversifikationsstrategie der letzten fünfzehn Jahre in Trümmern liegt.

Damit nicht genug. Brisant ist vor allem die Forderung der Aufsicht in Bezug auf die Rechtsstruktur der Raiffeisen Schweiz. Diese ist für die 255 rechtlich selbständigen, vertraglich zusammengeschlossenen Raiffeisen-Banken unter anderem für zentrale Dienstleistungen, die Kapitalbeschaffung und die Risikosteuerung zuständig. Sie ist praktisch die operative Führungseinheit, aber rechtlich bloss eine Genossenschaft. Nun verpflichtet die Finma die Bank, die Umwandlung von Raiffeisen Schweiz in eine Aktiengesellschaft zu prüfen. Es ist nicht das erste Mal, dass die Struktur des Raiffeisen-Konzerns mit den Notwendigkeiten der modernen Bankführung und -aufsicht schlecht vereinbar ist. Gänzlich ergebnisoffen dürfte diese Prüfung nicht ausfallen. Das Erfolgsrezept der Raiffeisen-Gruppe gegenüber den Kunden zu bewahren und den Bankkonzern von innen heraus zu modernisieren, wird die Bankleitung in den nächsten Jahren herausfordern.

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