Meinungen

Die Grenzen müssen offen bleiben

Die Entwicklungsländer leiden unter den wirtschaftlichen Folgen der Pandemie. Die wirksamste Hilfe besteht darin, die ­armen Länder in den internationalen Handel zu integrieren. Ein Kommentar von Pinelopi Goldberg.

Pinelopi Goldberg
«Aber die entwickelte Welt, überwältigt von ihren eigenen Problemen, blickt nach innen.»

Bis vor kurzem wurden wir regelmässig mit Bildern von Migranten konfrontiert, die in Gewässern ertranken, die ärmere von reicheren Ländern trennen, vom Rio Grande bis zum Mittelmeer. Und obwohl Covid-19 die Nachrichten dominiert, werden die wirtschaftlichen Auswirkungen der Pandemie die globalen Ungleichheiten, die die Ursache der Migration sind, wohl noch verschärfen.

Viele Entwicklungsländer haben die Pandemie im Hinblick auf die öffentliche Gesundheit relativ gut überstanden, aber sie können sich ihren wirtschaftlichen Auswirkungen nicht entziehen. Ärmere Länder brauchen mehr denn je die Unterstützung und die Zusammenarbeit der fortgeschrittenen Volkswirtschaften. Aber die entwickelte Welt, überwältigt von ihren eigenen Problemen, blickt nach innen.

Schädlicher Protektionismus

Beispiele für das neue politische Umfeld gibt es genug. In den USA hat die Regierung kürzlich neue Visa (V 198.74 0.49%) für ausländische Fachkräfte bis Ende 2020 ausgesetzt. Die politischen Entscheidungsträger der Europäischen Union prahlten damit, dass das ehrgeizige Konjunkturpaket Covid-19 im Einklang mit einer fortschrittlichen europäischen Wirtschaftsvision finanziert werden würde. Aber es umfasst Kohlenstoff-Grenzsteuern, die alles andere als progressiv sein werden und unverhält­nismässig stark Entwicklungsländer mit niedrigeren Umweltstandards treffen werden. Eine selbstgerechtere Rechtfertigung des Protektionismus ist kaum vorstellbar.

Natürlich sollen weder der Klimaschutz noch der Schutz der Arbeitnehmer zu kurz kommen. Aber protektio­nistische Massnahmen bringen diese Themen nicht wirklich voran. Sie schaden vielmehr den Entwicklungsländern in ihrer gegenwärtigen Not.

Eine der besten Möglichkeiten für fortgeschrittene Volkswirtschaften, ärmeren Ländern zu helfen, besteht darin, ihre Grenzen offen zu halten. Kurzfristig können Risiken für die öffentliche Gesundheit drakonische Massnahmen erforderlich machen, um zu verhindern, dass sich das Coronavirus aus dem Ausland in einem Land ausbreitet. Langfristig jedoch sollten die Industrieländer Handels- und Einwanderungsbeschränkungen verhindern und Kapitalströme in die Volkswirtschaften fördern, die sie am meisten benötigen.

Warum sollten die reichen Länder helfen? Warum sollten sie nicht ihre eigenen Interessen in den Vordergrund stellen? Auf den ersten Blick scheint die Lehrbuch­ökonomie die Antwort zu liefern: Es geht beim Handel nicht darum, dem Handelspartner zu helfen, sondern sich selbst. Wenn sich Länder auf das spezialisieren, was sie am besten können, dann produzieren sie effizienter, was zu einer erhöhten Produktion, mehr Vielfalt, besserer Qualität und niedrigeren Preisen führt.

Handel und Frieden verstärken sich

So einleuchtend dieses Argument sein mag, es hat in den letzten Jahren an Kraft verloren. Die Globalisierung hat die fortgeschrittenen Volkswirtschaften hoch effizient gemacht, aber das hat auch zu Störungen geführt. Man kann nun argumentieren, die kleinen Effizienzgewinne, die fortgeschrittene Volkswirtschaften durch eine weitere Integration mit Entwicklungsländern erzielen können, seien die damit verbundenen Störungen nicht wert.

In den Entwicklungsländern hingegen bleiben Wachstum und Effizienz wichtige Voraussetzungen für Armutsbekämpfung und Entwicklung. Ein von mir mitverfasstes Papier zeigt, dass nichts mehr zur nachhaltigen Armutsbekämpfung beiträgt als der Handel, insbesondere wenn er mit reicheren Ländern betrieben wird.

Es gibt mehrere andere Gründe, warum fortgeschrittene Volkswirtschaften ein Interesse daran haben, den Entwicklungsländern zu helfen. Zunächst scheinen die demografischen und die wohlstandsbedingten Ungleichgewichte zwischen reichen und armen Regionen auf lange Sicht nicht tragbar. Das Durchschnittsalter in Afrika liegt bei 18 Jahren, in Europa bei 42 und in Nordamerika bei 35 Jahren. Die Bevölkerung Afrikas wächst jährlich um 2,5%, was bedeutet, dass sie sich bis 2050 verdoppeln wird. In Europa und Nordamerika beträgt das jährliche Bevölkerungswachstum 0,06 bzw. 0,6%. Das durchschnittliche nominale Brutto­inlandprodukt pro Kopf in Afrika betrug 2019 etwa 1900 $, verglichen mit 29 000 in Europa und 49 000 in Nordamerika.

Grosse Ungleichheit ist nichts Neues. Aber in der heutigen vernetzten Welt haben die Armen Zugang zu Informationen wie nie zuvor. Ganz gleich, wie hoch die reiche Welt ihre Mauern baut und wie viele ertrunkene Migranten sie bereit ist hinzunehmen, verzweifelte Menschen werden weiter nach einem besseren Leben suchen. Ärmeren Ländern zu helfen, sich aus der Armut zu befreien, ist der beste Weg, diesen Druck zu mindern.

Zweitens, wie Montesquieu und Adam Smith im 18. Jahrhundert betont haben, verstärken sich Handel und Frieden gegenseitig. Im 20. Jahrhundert hat die Gründung der Europäischen Gemeinschaft für Kohle (Kohle 54.3 0%) und Stahl und später der EU Demokratie und Frieden in Europa ebenso gestärkt wie den Wohlstand. Die Förderung des Handels mit Entwicklungsländern macht die fortgeschrittenen Volkswirtschaften möglicherweise nicht viel effizienter. Aber sie trägt dazu bei, Frieden und Stabilität zu erhalten.

Drittens profitieren fortgeschrittene Volkswirtschaften von der Offenheit nicht nur via Effizienzgewinne. Deutschlands exportorientierte Wirtschaft hängt von der Kaufkraft in der übrigen Welt ab. Da Afrika bis 2050 mehr als ein Viertel der Weltbevölkerung ausmachen wird, ist die Steigerung der Kaufkraft auch für Deutschland und andere Volkswirtschaften von Vorteil.

Wichtige Einwanderung

Ebenso ist nicht klar, ob Amerikas Dynamik und Innovation ohne Einwanderung möglich gewesen wäre. Etwa ein Viertel ­aller zwischen 2006 und 2012 in den USA gegründeten Technologie- und Ingenieurunternehmen hatte mindestens einen Mitbegründer mit Migrationshintergrund, während Einwanderer in die USA verglichen mit einheimischen Staatsbürgern mit fast doppelt so hoher Wahrscheinlichkeit Unternehmer werden.

Schliesslich wünschen sich viele Menschen in fortgeschrittenen Volkswirtschaften eine gerechtere Welt, in der das Schicksal eines Menschen nicht von seinem ­Geburtsort bestimmt wird. So wie es auch nicht von Geschlecht, Rasse, Religion, ­ethnischer Zugehörigkeit oder sexueller Orientierung bestimmt werden sollte. Diejenigen, die sich um den Aufbau einer besseren Welt bemühen, sollten es daher zu einer Priorität machen, die Armen der Welt zu unterstützen. Und es gibt keinen wirksameren Weg, ihnen zu helfen, als die Grenzen offen zu halten.

Copyright: Project Syndicate.

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