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Die grössten Fintech-Umwälzungen kommen erst

Start-ups befeuern die Digitalisierung der Finanzindustrie. Die wirkliche Gefahr für Banken und Versicherungen geht aber von anderen Grosskonzernen aus.

Valentin Ade

Wie oft haben Sie schon ihr Bankkonto gewechselt? Sehr selten, glaubt man einer UBS-Studie. Rund 40% der Bankkunden haben ihr Konto zwanzig Jahre und länger. «Wenn es um ihr Geld geht, vertrauen die Schweizer Kunden den etablierten Banken», sagt Andreas Dietrich, Leiter des Instituts für Finanzdienstleistungen Zug. Eine Bankbeziehung zu wechseln ist aber auch oft aufwendig, papierreich und gebührenschwer. Das kann sich bald ändern.

Das Phänomen heisst Open Banking. Dank der Einrichtung offener IT-Schnittstellen können Banken und Versicherungen einfacher und schneller Kundendaten austauschen. Auch können sie innovative Angebote von Fintech-Start-ups rasch in ihre Produktwelt integrieren. In der EU ist diese Öffnung Pflicht. Das Regelwerk PSD2 zwingt Banken, sogar auf Kundenwunsch deren Daten den erwähnten innovativen Dritten zugänglich zu machen.

Hohe Regulierungshürden

«Der Kunde wird gewinnen», urteilen die  UBS-Experten. Die leichtere Übertragbarkeit von Daten mache den Wechsel zu anderen Anbietern zu einer Sache von wenigen Klicks. Banken müssen sich auf intensivere Kundenfluktuation und härteren Preiskampf einstellen. Drittanbieter, die die gesamte Finanzwelt des Kunden über mehrere Bankbeziehungen abbilden können, werden dem Kunden ein transparenteres, einfacheres Bankerlebnis ermöglichen. Die Finanzinstitute könnten dabei die direkte Kundenbeziehung verlieren.

Kann der Siegeszug der Fintech-Start-ups also endlich beginnen? Abwarten. PSD2 läuft erst in diesem Jahr an – und die Schweiz ist aussen vor. Die Banken hierzulande werden die kostbaren Daten ihrer Kunden auf absehbare Zeit nicht herausgeben, auch wenn sich das die innovativen Newcomer noch so sehr wünschen.

Schweizer Fintech-Start-ups haben sich in den vergangenen fünf Jahren dennoch prächtig entwickelt. Laut der neusten Studie des IFZ gibt es rund 220 Fintech-Start-ups hierzulande, gleichmässig verteilt auf verschiedene Geschäftsbereiche. Das «Crypto Valley» in Zug «ist ein Beispiel, wie ein Samen auf frucht­baren Boden gefallen ist», beschreibt es Fintech-Forscher Thomas Ankenbrand im Interview mit «Finanz und Wirtschaft».

Doch die Banken sind deswegen nicht verschwunden. Laute Ankündigen einiger Start-up-Vertreter, man werde durch ein besseres Angebot die Banken aufbrechen und ihnen die Kunden abspenstig machen, haben sich bis heute nicht bewahrheitet. Die Bequemlichkeit der Kunden, aber auch die hohe Regulierungsmauer schützen das Kundengärtchen der Banken und haben schon manches Start-up zur Aufgabe gezwungen.

Der Abbau der Einstiegshürden für Start-ups geht in der Schweiz nur schleppend voran. Ein durch den Bund geschaffener regulierungsfreier Sandkasten oder Erleichterungen für Crowdfunding-Unternehmen gelten nicht als grosser Wurf. Die angekündigte Banklizenz «light» wird vielleicht erst 2020 kommen, und die Gefahr ist gross, dass diese «nur einen sehr kleinen Anwendungsbereich hat und damit faktisch toter Buchstabe bleibt», schreibt Cornelia Stengel, Rechtsanwältin und Partnerin der Kanzlei Kellerhals Carrard, in einem Blog-Beitrag.

Nur wenige Start-ups nehmen den beschwerlichen Weg zur traditionellen Schweizer Banklizenz auf sich. Die meisten haben Abstand davon genommen, sich direkt an den Endkunden zu wenden. Stattdessen bieten sie ihre Technologie direkt den Banken an.

Diener an alten Höfen

Es ist eine Tragödie griechischen Ausmasses. Die jungen Finanz-Wilden, die auszogen, den alten Banken-Herrschern das Fürchten zu lehren, sind als Diener an deren Höfen geendet. Sie sind Zulieferer der eingesessenen Banken und Versicherungen, befinden sich teilweise gar in deren Besitz. «Fintechs sind an den meisten Punkten der Wertschöpfungskette Partner der Etablierten, nicht Wettbewerber», schreibt das Beratungsunternehmen McKinsey.

True Wealth, das erste Robo-Advisor-Start-up der Schweiz, gehört heute zu einem guten Teil der Kantonalbank Baselland. Contovista, Schmiede eines Konto-Management-Tools, befindet sich zu 70% in der Hand der Kartenbezahl-Gruppe Aduno. Der Versicherer Swiss Life (SLHN 359 0.36%) hat sich am Unternehmenssoftware-Start-up Bexio beteiligt, PostFinance hat den KMU-Kreditvermittler Lendico (Schweiz) übernommen. Die Liste lässt sich fortsetzen.

Die Digitalisierung der Finanzindustrie in der Schweiz läuft nach ihrem Gusto. Durch die Integration der innovativen Start-up-Technologien sind einige Banken weit vorangekommen. Zu nennen sind die beiden Grossen Credit Suisse (CSGN 14.72 1.17%) und UBS (UBSG 15.26 1.06%), aber auch Kleine wie die Hypothekarbank Lenzburg (HBLN 4560 1.33%) oder die Kantonalbanken aus Baselland und Glarus. Und sie giessen ihre Pflänzchen. Die Credit Suisse will beispielsweise neu 30 Mio. Fr. Risikokapital in Fintech-Start-ups investieren.

GAFA als Schreckgespenst

Die wirkliche Gefahr für das Geschäft der Banken hat einen anderen Namen: GAFA (Google (GOOGL 1167.11 0.63%), Apple (AAPL 218.24 0.17%), Facebook (FB 160.3 -0.17%), Amazon (AMZN 1941.05 1.73%)). «Grosse Technologieunternehmen werden in den kommenden fünf Jahren zu wichtigen potenziellen Störfaktoren», sagt eine Mehrheit der von McKinsey befragten Anbietern von Finanzmarktinfrastruktur.

Am weitesten ist Amazon. Heute bietet der Onlinehandelsriese den Händlern, die über die Plattform Waren verkaufen, Kredite über 500 Mio. $ pro Jahr an – massgeschneidert, genau dann, wenn der Händler beispielsweise eine Überbrückungsfinanzierung braucht. Wie schafft Amazon das? Der Gigant hat Informationen über Nutzer und Nutzung der Plattform: Angebot, Nachfrage, Umsatz, Produkte, Reklamationen, Pipelines und vieles mehr.

Jetzt zielt Amazon auf die Einzelkunden und will ihnen Bankkonten anbieten, mit denen sie einfach, mobil und direkt Waren online bezahlen können. Den Einstieg ins Banking nennt das Beratungsunternehmen Bain einen «Game Changer für die Industrie», ein Ereignis, das den Markt verändern wird. Bain schätzt, der Online-Riese könnte in fünf Jahren so viele Finanzkunden haben wie Wells Fargo, die drittgrösste Bank der USA.

Sobald Amazon ein Basis-Banking-Angebot etabliert hat, «erwarten wir, dass das Unternehmen stetig, aber sicher andere Finanzprodukte anbieten wird», schreiben die Experten und nennen Kredite, Hypotheken, Schaden- und Unfallversicherungen, Vermögensverwaltungsangebote und Lebensversicherungen.

Während die Banken noch an der Digitalisierung arbeiten, haben GAFA Millionen von Kunden, deren Daten und die technologischen Mittel, diese optimal auszuwerten. Eines steht ihnen noch im Wege: «Die Bereitschaft der Kunden, Finanzdaten an Drittanbieter herauszugeben, ist heute noch tief», sagt Fintech-Experte Andreas Dietrich. Doch wer weiss, ob sich das in Zukunft mit dem Trend des Open-Banking nicht ändern wird.

Leser-Kommentare

Paul-Peter Preiswerk 17.03.2018 - 08:13

Die leichtere Übertragbarkeit von Daten mache den Wechsel zu anderen Anbietern zu einer Sache von wenigen Klicks. Dies ist leider noch nicht der Fall, obwohl das SECO dies schon lange verlangt Ein Depot bei einer Bank ist heute noch eine goldene Fessel.