China ist ein ökonomisches Phänomen. Binnen kürzester Zeit hat es das Reich der Mitte geschafft, von einer rückständigen Planwirtschaft zur globalen Konjunkturlokomotive aufzusteigen. Berücksichtigt man die unterschiedliche Kaufkraft, hat die chinesische Wirtschaftsleistung die amerikanische inzwischen überholt und den Spitzenplatz eingenommen. Doch auch gemessen am nicht-adjustierten Bruttoinlandprodukt (BIP) dürfte es nur eine Frage der Zeit sein, bis sich China auf den ersten Rang vorschiebt – selbst wenn im zweiten Quartal wegen der rigorosen Bekämpfung der Coronapandemie das BIP-Wachstum gegenüber dem Vorjahr auf enttäuschende 0,4% zurückgefallen ist. Die chinesische Volkswirtschaft auf dem Spitzenplatz mag auf den ersten Blick wie ein Novum erscheinen. In einer längerfristigen Betrachtung ist diese Rolle allerdings nicht aussergewöhnlich. Denn das Reich der Mitte kehrt damit bloss zur alten globalen Führungsposition zurück: Wie der verstorbene britische Ökonom Angus Maddison berechnete, trug China noch Anfang des 19. Jahrhunderts rund ein Drittel zur globalen Wirtschaftsleistung bei, bevor der Abstieg begann. Die Wachablösung durch die USA erfolgte Ende des 19. Jahrhunderts, wobei die weltweite Sonderstellung der Vereinigten Staaten und ihrer Volkswirtschaft mit dem Zweiten Weltkrieg zwischenzeitlich weiter gefestigt wurde.