Meinungen

Die grosse Ernüchterung in Indien

Noch ist unklar, wie die Covid-19-Pandemie in Asien ausgehen wird. Sicher ist aber bereits, dass geopolitische Folgen zu erwarten sind, die vor allem China nützen werden. Ein Kommentar von Urs Schoettli.

Urs Schoettli
«Die schlimmste Folge der Pandemie wäre, wenn die überfälligen Reformen einmal mehr vertagt würden.»

Das Verhalten Indiens in der Covid-19-Krise ist ein klassisches Beispiel für das Diktum «Hochmut kommt vor dem Fall». Die indischen Behörden hatten die erste Welle der Pandemie ziemlich erfolgreich unter Kontrolle gebracht. Stolz verkündete der indische Ministerpräsident Narendra Modi der Öffentlichkeit, Indien werde die Welt retten. Dass Indien bei anderen Impfaktionen erfolgreich gewesen war, dass es eine gut entwickelte Pharmaindustrie hat und dass es im Fall von Covid-19 im Vergleich auch zu manchen Industrienationen geringere Todesfallzahlen hatte, schien das stolze indische Selbstbewusstsein zu rechtfertigen.

Dann kam die zweite Covid-19-Welle und demaskierte Indien als ein von der Pandemie völlig überfordertes Drittweltland. Dramatische Bilder von überfüllten Spitälern, an Sauerstoffmangel erstickenden Patienten und Massenkremationen machten die Runde durch die Medien der Welt. Das Land, das zuvor stolz verkündet hatte, die «Impffabrik der Welt» zu sein, kämpfte an allen Ecken und Enden mit gravierenden Versorgungsmängeln. Binnen kurzer Zeit wies es die zweithöchsten Fallzahlen weltweit auf.

Dieser Tage feierte China stolz den hundertsten Jahrestag der Gründung der Kommunistischen Partei. Auch wer den chinesischen Autoritarismus mit seinen endemischen Menschenrechtsverletzungen scharf kritisiert, wird nicht darum herumkommen, die bemerkenswerten Erfolge Chinas in der Armutsbekämpfung und der Modernisierung des Landes anzuerkennen. Es kann keinen Zweifel geben, dass es der überwältigenden Mehrheit der Chinesen materiell erheblich besser geht als dem Gros der Inder.

Geopolitische Folgen

Chinakritiker und Protagonisten der indischen Demokratie pflegen auf den grossen Preis zu verweisen, den die Chinesen für ihren hohen Lebensstandard zu bezahlen haben. Seit China sich mit stark gewachsenem Selbstbewusstsein als neue Weltmacht aufspielt, gewinnt die Debatte über den Wert von autoritären Regimen weltweit an Bedeutung. Viele Bewunderer Chinas erklären mit Blick auf die offenkundigen Defizite von Indiens sozioökonomischer Entwicklung Demokratie für arme Länder schlicht zum Luxus.

Seit dem Wiederaufstieg Chinas und einem unter Staats- und Parteichef Xi Jinping aggressiveren Auftreten von Peking hat die Debatte über das chinesische Entwicklungsmodell grössere geopolitische Bedeutung. Die amerikanische Politik des Containment der Volksrepublik China bedient sich auch des Arguments, dass sich die Demokratien im Angesicht des chinesischen Autoritarismus zusammentun müssen. Der quadrilaterale Sicherheitsdialog (Quad) mit den USA, Japan, Australien und Indien als Mitgliedern ist aus diesem Denken entstanden.

Delhi, das über Chinas Aufstieg im Indischen Ozean und seinen Aufmarsch an den umstrittenen Grenzen höchst besorgt ist, setzt grosse Stücke auf Quad. Während des Kalten Krieges und als führender Vertreter der «blockfreien Bewegung» verfolgte Indien in seiner Sicherheits- und Aussenpolitik einen ausgesprochen prosowjetischen Kurs.

Nun sieht sich Delhi angesichts aggressiver chinesischer Vorstösse in Asien wie darüber hinaus unter wachsendem Druck, neue Partner zu finden. Dies erklärte die unter Shinzo Abe und Narendra Modi ausgezeichneten indisch-japanischen Beziehungen. Dies erklärt vor allem aber auch die historische Annäherung zwischen Indien und den USA, die unter Donald Trumps Präsidentschaft vorangetrieben wurde und die auch auf positives Echo in der Administration Biden stösst.

Schwierige Aufholjagd

Angesichts dieser Entwicklungen kommt die Covid-19-Pandemie höchst ungelegen. Sie bedingt, dass etliche Ambitionen, die Delhi und seine Partner in den letzten Jahren geweckt haben, höchstwahrscheinlich zurückgestuft werden müssen. Bereits vor Ausbruch der Pandemie war klar, dass das «asiatische Jahrhundert» vom Duopol USA-China geprägt werden würde. Indien hat zwar wie China eine Milliardenbevölkerung, ist aber bloss eine Regionalmacht, derweil Peking richtigerweise für sich reklamieren kann, eine Weltmacht zu sein. Auch Japan mit all seiner wirtschaftlichen und technologischen Macht gehört nicht in diesen Rang.

Indien hat seit der 2014 in Gang gekommenen Regierungsführung von Ministerpräsident Narendra Modi nicht stillgestanden. Es hat sich auch mit dem ambitiösen Programm «Make in India» gegenüber China erklärtermassen auf eine Aufholjagd begeben. Sie war zwar anspruchsvoll, aber nicht von vornherein vergeblich. Insbesondere konnte Indien davon profitieren, dass zahlreiche westliche Firmen ihre Lieferketten weniger chinafokussiert machen wollen und manche dafür den Standort Indien gewählt haben.

Die Pandemie wird möglicherweise nicht alle bereits realisierten Anstrengungen der Zusammenarbeit innerhalb von Quad und darüber hinaus zunichtemachen. Es ist ein positives Zeichen, dass Biden in Bälde einen Quad-Gipfel nach Washington einberufen will. Doch nichts führt daran vorbei, dass Indien in den vergangenen Monaten einen erheblichen Verlust an internationalem Ansehen und damit an Soft Power erlitten hat.

In Indien selbst und auch von internationalen Organisationen gibt es mahnende Stimmen, die kritisieren, dass Indien viel zu wenig in das Gesundheitswesen investiere. Die Pandemie hat die Mängel brutal ans Licht gebracht. Man bedenke, welche Katastrophen sich auf dem Land, wo nach wie vor zwei Drittel der Gesamtbevölkerung leben, abgespielt haben müssen, wenn selbst die grossen Metropolen wie Delhi, Mumbai und Bangalore bei der medizinischen Versorgung mit drastischen Engpässen zu kämpfen hatten.

Wichtige weiche Faktoren

Natürlich spielen bei der Beurteilung der Bedeutung eines Landes die militärische Stärke und die Wirtschaftsleistung eine Schlüsselrolle. Doch ebenso wichtig sind die «weichen Faktoren» wie Gesundheit, Sozialstaat und Erziehung. Hinzu kommen der nationale Zusammenhalt, die soziale und die politische Stabilität sowie das internationale Prestige der Kultur.

Indien hat in den vergangenen Jahren an militärischer Stärke zugelegt, liegt aber dennoch weit hinter China zurück. Kaufkraftbereinigt ist Chinas Bruttoinlandprodukt zweieinhalbmal grösser als das indische. Mit diesem erheblichen Gefälle in der Wirtschaftsleistung geht einher, dass China mehr finanzielle Mittel für die militärische Aufrüstung aufbringen kann als Indien. Dies bedeutet, dass in den kommenden Jahren das Gefälle weiter zu Chinas Gunsten zunehmen wird. Daraus folgt wiederum, dass Indien seine Wirtschaftsleistung massiv ausbauen muss.

Bei aller gebotenen Skepsis gegenüber offiziellen Daten in beiden Ländern kann davon ausgegangen werden, dass sich Indien wie auch China mit soliden Wachstumsraten vom Covid-19-Einbruch erholen werden. Fraglich ist allerdings, ob Indien angesichts des gewaltigen Mittelbedarfs bei der medizinischen Grundversorgung und bei der vordringlichen Armutsbekämpfung die Mittel für überfällige Infrastrukturprojekte haben wird.

Es wurde erwartet, dass Ministerpräsident Modi in seiner zweiten Amtszeit, ab 2019, weitreichende Wirtschaftsreformen realisieren werde. Die schlimmste Folge der Pandemie wäre, wenn die überfälligen Reformen einmal mehr vertagt würden. Indien würde sich dann wohl endgültig vom Wettbewerb mit dem übermächtigen Nachbarn verabschieden müssen.