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«Die grosse Liquidität hat Stimmungswandel gebracht»

Magnus Renfrew, Gründer des Kunstdienstleisters ARTHQ, freut sich über die steigende Zahl asiatischer Sammler, die zum Preisauftrieb am Kunstmarkt beitragen.

Herr Renfrew, der Kunstmarkt hat sich 2017 nach zwei Jahren stagnierender Preise deutlich erholt. Was hat die Wende herbeigeführt?
Es gibt eine steigende Zahl von Käufern, und das insbesondere in Asien. Sammler aus dieser Region sind zwar auf globaler Ebene noch nicht tonangebend, doch spielen sie eine zunehmend wichtige Rolle – und das nicht nur in Asien selbst, sondern auch im Westen. Davon zeugen die von den grossen Auktionshäusern in London und New York veranstalteten Abendverkäufe.

Ist diese Entwicklung nachhaltig?!
Ja, der Trend ruht auf einem soliden Fundament. Der an einer Auktion von Christie’s für Leonardo (LDO 10.45 -0.81%) da Vincis Gemälde «Salvator Mundi» erzielte Preis von 450 Mio. $ war zwar ein neuer Rekord. Doch ein Werk dieser Klasse kommt nur selten auf den Markt – man kann also durchaus von einer einmaligen Gelegenheit reden. Dennoch zeigt das Ergebnis einen breiteren Trend an, denn auch Werke von Gauguin, Picasso oder Modigliani erzielten Preise, die mit über 300 Mio. $ im Bereich des «Salvator Mundi» liegen. Ins Gewicht fällt vor allem, dass der Käufer des da Vinci aus Asien kam.

Inwieweit spiegeln die Rekordpreise die Hausse an den Finanzmärkten?
Der Kunstmarkt und die dort erzielten Preise sind sicherlich immer auch ein Zechen des Reichtums einer Gesellschaft.  Steigende Aktienpreise tragen zu einem grösseren Selbstvertrauen der Investoren bei, was das Publikum wiederum kauffreudiger macht.  Die Erfahrung zeigt, dass die Performance des Finanzmarktes mit einer Verzögerung von sechs Monaten auf den Kunstmarkt übergreift. Doch ich gehe angesichts des allgemein wachsenden Interesses an Kunst davon aus, dass eine gewisse Entkoppelung vom Finanzmarkt stattgefunden hat.

Wie wirkt der Boom auf das Angebot?
Während der jahrelang wirtschaftlich  eher schwierigen Lage gab es für die Besitzer von hochwertigen Kunstwerken in Erwartung einer nur lauen Nachfrage keinen Anreiz, sie auf den Markt zu bringen. Die jetzt vorherrschende grosse Liquidität hat jedoch einen Stimmungswandel mit sich gebracht.

Sind Kunstwerke in Zeiten boomender Finanzmärkte in erster Linie ästhetisch hochstehende Liebhaberobjekte oder vielmehr einfach eine weitere Anlageklasse?
Kunstwerke bedeuten für unterschiedliche Menschen unterschiedliche Sachen. Aber Kunst hat primär etwas mit Ideen zu tun. Sie erschliesst eine neue Sicht der Dinge und zeigt oft auch, wohin sich die Gesellschaft bewegt. Solche Impulse sind insbesondere dann wichtig, wenn vielen Leuten die Zeit fehlt, über die grossen Fragen nachzudenken. Viele Sammler waren zunächst Spekulanten, die erst später ein leidenschaftliches Interesse für die Objekte zu entwickeln begannen.

Es ist eine Annäherung zwischen Kunst und Kommerz zu beobachten, und das nicht nur im Produktdesign oder in der Werbung. Auch in Einkaufszentren werden oft Bilder oder Skulpturen ausgestellt. Was halten Sie davon?
Kunstwerke mitten in industriell produzierte Konsumgüter zu stellen, ist ein interessantes Modell. Menschen, die kaum in Museen gehen, kommen so in den Kontakt mit Kunst. Das erschliesst dem Kunsthandel eine neue Kundenschicht.

In Hongkong, dem teuersten Immobilienmarkt der Welt, lassen sich Galerien an bester Lage nieder. Was sagt das über den Kunstmarkt aus?
Es muss sich erst zeigen, ob die Gewinnmargen selbst der erfolgreichsten Galerien gross genug sind, dass sie mit den Anbietern von Luxusgütern mithalten können. Offensichtlich hilft die Lage aber, eine betuchte Kundschaft anzuziehen, womit die einem scharfen Wettbewerb ausgesetzten Galerien die erfolgreichsten Künstler an sich binden können.