Meinungen

Die gute Seite der bösen Schulden

Staatsschulden gelten als problematisch. Sie haben jedoch auch ihre guten Seiten. Allerdings ist nicht klar, ab welchem Schuldenstand die Folgen negativ werden. Ein Kommentar von Joachim Voth.

Joachim Voth
«Hochliquide und sichere Anlagen sind ein Eckpfeiler für dynamisches Investieren.»

Fast täglich gibt es neue Hiobsbotschaften im endlosen Drama um die Schuldenkrise Griechenlands. Seit 2008 hängen Staatsschulden und Krisenmeldungen eng zusammen. Wo nicht gerade der Zahlungsverzug droht, da muss mit Steuererhöhungen und Ausgabenkürzungen um die Finanzierbarkeit der Schulden gerungen werden. Staaten rund um den Erdball stehen mit über 56 Bio. $  in der Kreide – eine schwindelerregende Summe, die jede Vorstellungskraft übersteigt.

In ihrem berühmten Buch – «This Time is Different» – argumentieren die Ökonomen Carmen Reinhart und Kenneth Rogoff von der renommierten Harvard University, dass jenseits der Grenze von 90% Schulden gemessen am Bruttoinlandprodukt der Wachstumsmotor zu stottern beginnt. Kein Wunder also, dass viele Beobachter Staatsschulden grundsätzlich für Teufelszeug halten, das besser heute als morgen verschwinden sollte – und sich einen Staat wünschen, der wie ein guter und fürsorglicher Familienvater Einnahmen und Ausgaben im Gleichgewicht hält.

Planbarkeit und Kontinuität

Ein näherer Blick auf das Phänomen der  Staatsschulden zeigt jedoch, dass es durchaus auch eine gute Seite der staatlichen Kreditaufnahme gibt. Mindestens drei Gründe sprechen dafür, dass die regelmässigen Emissionen von Staatsanleihen ökonomische Vorteile zur Folge haben. Erstens sind vorübergehende Erhöhungen der Schuldenaufnahme oft deutlich weniger schmerzhaft als brutale Ausgabenkürzungen oder übermässige Steuererhöhungen.

Planbarkeit und Kontinuität der Rahmenbedingungen sind wichtig für die Unternehmen. Wo temporäre Einnahmenausfälle des Staates sofort dafür sorgen, dass an der Steuerschraube gedreht wird, leidet oft die Wirtschaftsentwicklung. Dies gilt umso mehr, wenn plötzlich auf der Ausgabenseite gespart wird. Trotz aller Diskussionen über die angeblich wachstumsfördernden Effekte von Ausgabenkürzungen unter Ökonomen ist die empirische Evidenz relativ eindeutig – zumeist sind sie Gift für die Konjunktur.

Wenn eine Wachstumsdelle schnell zu Sparmassnahmen führt, entsteht die Gefahr einer Abwärtsspirale: Eine kollabierende Nachfrage hat einen noch grösseren Rückgang der Wirtschaftsleistung zur Folge und führt zu geringeren Steuereinnahmen, die dann wiederum zur Begründung für weitere Ausgabenkürzungen herangezogen werden. Ein guter Teil der Rezession nach 2008 in den verschiedenen südlichen Eurostaaten ist so erklärbar. Wo vorübergehend die Schuldenaufnahme gesteigert werden kann – wie etwa in Deutschland oder den USA –, bleiben solche Teufelskreise den Bürgern erspart. Anreize werden weniger verzerrt, und die Nachfrage leidet nicht.

Zweitens spielen staatliche Schuldpapiere eine wichtige Rolle für die Risikobereitschaft von Unternehmen und Investoren. Wer eine fast absolut sichere Anlage im Portfolio hat, kann in anderen Positionen mehr Risiken eingehen. Das wirkt nicht nur positiv, weil es zum Aktienkauf ermuntert. Unternehmer können zudem eher in illiquide Anlagen und Gebäude investieren, wenn Sie wissen, dass ein Teil ihres Vermögens jederzeit leicht zu verkaufen ist, um beispielsweise für unvorhergesehene Notfälle Mittel bereit zu haben. Hochliquide und im Regelfall sichere Anlagen wie Staatsanleihen sind deshalb ein Eckpfeiler für dynamisches Investieren.

Dritte Faktor paradox

Der dritte Faktor erscheint auf den ersten Blick eher paradox. Gibt der Staat viele Obligationen aus, führt er grundsätzlich Geld ab, das alternativ der Wirtschaft für Konsum oder Investitionen zur Verfügung gestanden hätte. Im Regelfall gilt es als problematisch, wenn der Aufbau von  Schulden die Investitionen in neues Produktionskapital behindert – der sogenannte Crowding-out-Effekt. Doch das muss nicht in jedem Fall so sein.

Wo das Finanzsystem nicht oder nur ungenügend dafür sorgt, dass Geld von Vermögenden ohne Investitionsideen zu den Habenichtsen mit vielen guten Ideen fliesst, da kann sich die Logik umkehren: In einer solchen Wirtschaft sind Unternehmer überwiegend auf die Eigenfinanzierung angewiesen. Und selbst in Ländern mit einem hochgradig entwickelten Finanzsystem stellen Eigenmittel die wichtigste Finanzierungsquelle für Investitionen dar. Wenn nun Staatsanleihen mit relativ niedriger Rendite Investitionen in Werkzeugmaschinen, Fabriken, IT und Ähnliches mehr verdrängen können, dann kann ihr erwarteter Mehrwert nicht sonderlich hoch gewesen sein.

Die gute Seite des Crowding-out

In diesem Fall hat das Crowding-out auch eine gute Seite: Es werden vergleichsweise schlechte Investitionen vermieden. Denn dadurch wird nicht nur Kapital umgelenkt, sondern auch weniger Arbeit und Land nachgefragt. Diese Produktionsfaktoren sind auch für die hochprofitablen Unternehmen wichtig, die trotz der Alternative vieler Staatsanleihen ihre Investitionen nicht kürzen wollen.

Durch ein derartiges Crowding-out steigen somit die Gewinne der besonders vielversprechenden, innovativen Unternehmen, und sie können damit mehr investieren. Mittel- und langfristig wächst dadurch auch die gesamte Wirtschaftsleistung. Was zunächst nach einer Fehlallokation von Mitteln aussehen mag, ist in Tat und Wahrheit, ähnlich dem Zurückschneiden von Bäumen im Herbst – so hässlich die gestutzten Zweige zunächst auch aussehen mögen –, eine wichtige Voraussetzung zugunsten des weiteren Wachstums in der nächsten Periode.

Klare Aussage der Schuldenuhr

Es gibt nicht nur gute theoretische Gründe, warum Staatsschulden nicht unbedingt Teufelszeug sind. Auch empirisch ist an der so oft und gern wiederholten Mär, dass hohe Schulden automatisch in den Abgrund führen müssen, nicht viel dran. Der «Economist» zeigt auf seiner Website eine weltweite Schuldenuhr und stellt zudem dar, wie hoch der Schuldenstand in verschiedenen Ländern ist. Das Bild ist klar: Je höher die Wirtschaftsleistung eines Landes ausfällt, desto höher ist auch sein Schuldenstand.

Weltweit gibt es keine Länder, die viel pro Kopf produzieren, ohne gleichzeitig hohe Schulden angehäuft zu haben. Nicht die gesamte Korrelation läuft natürlich von Schulden zur Wirtschaftsleistung – der positive Zusammenhang dürfte zum Teil auch damit zu tun haben, dass nur funktionierende Staaten mit einer guten Steuerinfrastruktur überhaupt Schulden aufnehmen können.

Dem wohlstandserhöhenden Aufbau von Staatsschulden sind natürlich auch Grenzen gesetzt. Irgendwann übersteigen die Nachteile auch da die Vorteile: Hohe Steuern zum Bedienen des Schuldenbergs erdrücken auf Dauer den Staatshaushalt und verzerren die Anreize, zu viele auch der sinnvollen Investitionen werden dadurch verhindert, und das Vertrauen in das Land und seine Behörden schwindet.

Allerdings ist es sehr schwierig, klar zu eruieren, wo die Grenze genau liegt, ab wann also aus den guten Schulden böse Schulden werden, die das Wachstum bremsen. Reinhart und Rogoff behaupten, sie liege bei ca. 90% relativ zum Bruttoinlandprodukt. Die empirische Evidenz dafür ist jedoch eher schwach. Selbst die industrielle Revolution in Grossbritannien fand trotz eines Schuldenstandes von sogar über 200% statt. Wo ein Steuersystem funktioniert, effizient Mittel erhebt und dies ohne grosse Verzerrungen der Anreize tut, sollte auch ein dauerhafter Schuldenstand von über 100% nicht für Panik sorgen.

Leser-Kommentare

Jean Ackermann 08.07.2015 - 14:59

Wieder Jemand, bei dem das Perpetuum mobile scheinbar doch funktioniert! Viel Schulden gleich viel Wachstum, dzas dann irgendwie die Riesenschulden wieder wegzaubert. Man muss nur wissen wie, das ist hier die Frage.