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Die gute Seite des Bevölkerungsrückgangs

In allen entwickelten Ländern sinkt die durchschnittliche Geburtenrate unter das Reproduktionsniveau, die Bevölkerung schrumpft. Je rascher, desto besser für alle. Ein Kommentar von Adair Turner.

Adair Turner, London
«Argumente, dass eine stabile oder schrumpfende Bevölkerung das Wachstum pro Kopf bedroht, sind enorm überzogen und in einigen Fällen schlicht falsch.»

Chinas jüngst veröffentlichte Volkszählung, die zeigt, dass die Bevölkerung des Landes kaum noch wächst, hat zu Warnungen über schwere Probleme für das Land geführt. «Diese Zahlen sind für die Partei eine düstere Lektüre», schrieb «The Economist». Dies «könnte katastrophale Folgen für das Land haben», sagte Huang Wenzheng, Fellow des Center for China and Globalization in Peking, in der «Financial Times».

Doch ein auf der Plattform Sina Weibo veröffentlichter Kommentar war erkenntnisreicher. «Die sinkende Geburtenrate spiegelt in Wahrheit den Fortschritt im Denken der chinesischen Bevölkerung – Frauen sind nicht mehr länger Gebärmaschinen.»

Chinas Geburtenrate von 1,3 Kindern pro Frau 2020 liegt deutlich unter dem Reproduktionsniveau. Das Gleiche gilt für die Geburtenraten in allen reichen Ländern. Australiens Geburtenrate beträgt 1,66, die der USA 1,64, und in Kanada sind es 1,47. In allen entwickelten Volkswirtschaften ist die Geburtenrate in den Siebziger- oder den Achtzigerjahren unter das Reproduktionsniveau gesunken, und daran hat sich seitdem nichts geändert.

Geburtenrate steigt nur in armen Gegenden

Als die US-Geburtenrate zwischen 1990 und 2005 wieder auf knapp über 2 stieg, begründeten einige Kommentatoren dies mit Amerikas grösserer Dynamik und «gesellschaftlicher Zuversicht» gegenüber dem «alten Europa». In Wahrheit war die Zunahme fast komplett durch die Einwanderung bedingt: Die hispanischen Einwanderer behielten zunächst die höheren Geburtenraten ihrer weniger erfolgreichen Ursprungsländer bei. Seit 2000 ist die hispanische Geburtenrate in den USA von 2,73 auf 1,9 gesunken. Die Geburtenrate der Weissen liegt seit den Siebzigerjahren deutlich unter 2 und die der schwarzen Bevölkerung seit etwa 2000.

Nur in ärmeren Ländern, die sich in Afrika und dem Nahen Osten konzentrieren, sind noch immer deutlich höhere Geburtenraten zu beobachten. In Indien haben alle wohlhabenderen Bundesstaaten – wie etwa Maharashtra und Karnataka – eine Geburtenrate unter dem Reproduktionsniveau, und nur die ärmeren Staaten Bihar und Uttar Pradesh liegen nach wie vor klar darüber. Während die landesweite Geburtenrate 2018 noch immer bei 2,2 lag, hätten indische Frauen laut dem Indian National Family Health Survey im Durchschnitt gern 1,8 Kinder.

Belege aus einem halben Jahrhundert legen nahe, dass in allen wohlhabenden Ländern, in denen die Frauen gebildet sind und frei entscheiden können, ob und wann sie Kinder bekommen, die Geburtenrate deutlich unter das Reproduktionsniveau sinkt. Falls sich diese Bedingungen weltweit ausbreiten, wird die Weltbevölkerung letztlich schrumpfen.

Das Pro-Kopf-Einkommen ist entscheidend

Eine weit verbreitete gängige Meinung besagt, dass ein Bevölkerungsrückgang zwangsläufig etwas Schlechtes ist. «Chinas sinkende Geburtenrate bedroht das Wirtschaftswachstum», so die Auffassung der «Financial Times», während mehrere Kommentare in der indischen Presse zufrieden anmerkten, dass die Bevölkerung Indiens die Chinas bald überholen würde. Doch während das absolute Wirtschaftswachstum zwangsläufig fällt, wenn sich die Bevölkerungszahl stabilisiert und dann sinkt, ist in Bezug auf Wohlstand und wirtschaftliche Chancen das Pro-Kopf-Einkommen entscheidend. Wenn gebildete Frauen nicht bereit sind, Kinder in die Welt zu setzen, damit sich Wirtschaftsnationalisten gut fühlen, dann ist das eine höchst begrüssenswerte Entwicklung.

Zugleich sind Argumente, dass eine stabile oder schrumpfende Bevölkerung das Wachstum pro Kopf bedroht, enorm überzogen und in einigen Fällen schlicht falsch.

Zwar stimmt es, dass es, wenn die Bevölkerung nicht länger wächst, weniger Erwerbstätige pro Ruheständler gibt und dass die Kosten für die Krankenversorgung als Anteil des BIP steigen. Doch dies wird durch die verringerte Notwendigkeit von Investitionen in Infrastruktur und Wohnraum zur Unterstützung einer wachsenden Bevölkerung ausgeglichen. China investiert derzeit jährlich 25% des BIP in den Bau von Wohnungen, Strassen und sonstiger städtischer Infrastruktur, die bei einem Bevölkerungsrückgang teilweise wertlos werden. Durch Reduzierung dieser Verschwendung und höhere Ausgaben für Gesundheit und Spitzentechnologien kann das Land auch bei einem Bevölkerungsrückgang wirtschaftlich weiter florieren.

Besser zu wenige potenzielle Arbeitnehmer als zu viele

Zugleich würde eine stabile und letztlich schrumpfende Weltbevölkerung es einfacher machen, die Treibhausgasemissionen zu senken, um den Klimawandel zu vermeiden und den Druck, den eine wachsende Bevölkerung zwangsläufig auf die Artenvielfalt und fragile Ökosysteme ausübt, zu verringern. Eine schrumpfende Erwerbsbevölkerung schafft stärkere Anreize für die Unternehmen, zu automatisieren, und treibt zugleich die Reallöhne in die Höhe, die – anders als das absolute Wirtschaftswachstum – für den Normalbürger wirklich zählen.

In einer Welt, in der uns die Technologie in die Lage versetzt, immer mehr Arbeitsplätze zu automatisieren, sind zu viele potenzielle Arbeitnehmer ein deutlich grösseres Problem als zu wenige. Chinas Bevölkerung zwischen 20 und 64 Jahren dürfte in den nächsten dreissig Jahren rund 20% sinken, doch wird das Produktivitätswachstum weiter für wachsenden Wohlstand sorgen. Indiens Bevölkerung in dieser Altersgruppe wächst gegenwärtig rund 10 Mio. pro Jahr und wird sich nicht vor 2050 stabilisieren.

Doch selbst wenn Indiens Wirtschaft weiter stark wächst, wie sie es vor der Covid-19-Krise tat, schafft ihr hoch produktiver organisierter Sektor von ca. 80 Mio. Arbeitnehmern – die mit formalen Arbeitsverträgen für eingetragene Unternehmen und für Behörden arbeiten – keine zusätzlichen Arbeitsplätze. Ein Wachstum der potenziellen Erwerbsbevölkerung lässt lediglich das Heer der Arbeitslosen und der Unterbeschäftigten im riesigen informellen Sektor anschwellen.

Herausforderungen für China

Zwar schafft eine Geburtenrate deutlich unter dem Reproduktionsniveau beträchtliche Herausforderungen, und China könnte sich durchaus in diese Richtung entwickeln. Viele haben erwartet, dass sich Chinas Geburtenrate nach Abschaffung der Einkindpolitik 2015 – die damals bei ca. 1,65 lag – erhöhen würde. Doch ein Blick auf die frei gewählten Geburtenraten der ethnischen Chinesen in erfolgreichen Volkswirtschaften wie Taiwan (1,07) und Singapur (1,1) liess das immer zweifelhaft erscheinen. Andere ostasiatische Länder wie Japan (1,38) und Korea (1,09) haben eine ähnlich niedrige Geburtenrate.

Bei derartigen Geburtenraten wird der Bevölkerungsrückgang ruckartig und nicht allmählich verlaufen. Wenn Koreas Geburtenrate nicht steigt, könnte seine Bevölkerung von heute 51 Mio. bis 2100 auf 27 Mio. sinken, und das Verhältnis von Ruheständlern zu Erwerbstätigen würde dann ein Niveau erreichen, das sich auch durch noch so viel Automatisierung nicht ausgleichen lässt.

Jedoch legen einige Umfragen nahe, dass viele Familien in Ländern mit niedriger Geburtenrate gern mehr Kinder hätten, aber durch hohe Immobilienpreise, einen Mangel an Kindergartenplätzen und andere Hindernisse dabei, Arbeits- und Familienleben unter einen Hut zu bringen, davon abgeschreckt werden. Die Politik sollte sich daher bemühen, es Paaren so weit wie möglich zu erleichtern, die Anzahl Kinder zu haben, die sie im Idealfall gern hätten. Das voraussichtliche Ergebnis jedoch dürften in allen entwickelten Ländern eine durchschnittliche Geburtenrate deutlich unter dem Reproduktionsniveau sein, und, im Laufe der Zeit, allmählich sinkende Bevölkerungszahlen. Je rascher das weltweit der Fall ist, desto besser für alle.

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Leser-Kommentare

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Oliver Schmid 29.06.2021 - 22:29

Absolut richtige Einschätzung. Das müssten sich auch alle Klimaaktivsten auf die Fahne schreiben. Ein Paar sollte max. 2 Kinder haben, damit die Weltbevölkerung nicht mehr ansteigt. Das wäre der grösste Dienst der Menschen an die Natur bzw. das Klima. Die ganzen Abfallberge, Co2 Ausstosse und andere Verunreinigung unserer Erde würde massiv zurück gehen.