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Die heimliche Revolution auf dem Acker

Bisher wenig bemerkt, spielt sich in der amerikanischen Agrarindustrie ein enormer Technologieschub ab. Wie kräftig er ist, lässt die Rekordernte von diesem Herbst erahnen.

Christoph Gisiger, Indianapolis

Endlich geht es los. Den ganzen Vormittag über haben Aaron Richards und sein Team ungeduldig darauf gewartet, das grosse Sojabohnen-Feld in Mooresville in Angriff zu nehmen. Am frühen Nachmittag zeigt sich schliesslich die Sonne, so dass die Ernte beginnen kann. Mit jeweils vierhundert Pferdestärken rasieren drei massive Mähdrescher der Marke Challenger den Acker Streifen um Streifen ab.

Gut getrocknet springen die Bohnen praktisch von selbst aus den Hülsen. «Es ist fast so schön wie Fliegen», scherzt Aaron in der Führerkabine zu seinen Kollegen übers Funkgerät. Der Stauraum seiner Maschine ist bald voll, worauf aussen ein oranges Blinklicht angeht. Ein Traktor mit Anhänger fährt heran und positioniert sich an der Seite. Ohne die Ernte zu unterbrechen, wird die Ladung abgetankt. «Mein Mähdrescher steht niemals still, denn bei uns kommt es auf jede Minute an», sagt Aaron.

Pausen gibt es dieser Tage auf der Indy Family Farm deshalb selten. Der Grossbetrieb in der fünften Generation der Familie Richards läuft wie jedes Jahr zur Erntesaison auf Hochtouren. Zwanzig Autominuten von Indianapolis entfernt, befindet er sich im Herzen des Corn Belt, des grössten Maisanbaugebiets der Welt. Es erstreckt sich von Ohio über Indiana sowie Illinois bis nach Iowa und weist während der Fruchtbildung im Sommer sogar mehr biologische Aktivität auf als der mächtige Regenwald des Amazonas. Zum Einzugsgebiet des Mississippi zählend, ist der Boden vor allem in den Bundesstaaten Illinois und Indiana äusserst fruchtbar. Das merkten schon die Indianer vom Stamm der Miami, die in der Gegend lange vor Ankunft der ersten Siedler mit dem Anbau von Getreide begonnen hatten.

Anstatt wie üblich Mais (Mais 362.008 0.28%) anzusäen, haben sich die Richards dieses Jahr für eine andere Strategie entschieden. Auf rund zwei Dritteln ihres insgesamt 6400 Hektaren grossen Anbaulandes haben sie gentechnikfreie Sojabohnen (Sojabohnen 974.757 0.08%) angepflanzt. «Wir benötigen dafür zwar mehr Spritzmittel als bei herkömmlichen Sorten. Dafür erhalten wir aber 1.50 $ Prämie pro Scheffel», erklärt Aarons Vater Rob, der die Administration des Farmbetriebs mit acht festen Mitarbeitenden leitet.

Der Preisaufschlag ist mehr als willkommen. Das Landwirtschaftsdepartement USDA prognostiziert, dass diesen Herbst ein Rekordvolumen von 14,5 Mrd. Scheffel Mais geerntet wird. Ähnlich sieht es im Markt für Sojabohnen aus, wo mit knapp 4 Mrd. Scheffel der drittbeste Ertrag seit Beginn der  Aufzeichnungen erwartet wird. Entsprechend drückt das massive Überangebot auf die Getreidepreise.

Agrar-Supermacht USA

«Eine solche Extremsituation hat es noch nie gegeben. Viele Händler wissen gar nicht, wie sie damit umgehen sollen», sagt Kurt Koester vom Getreide-Broker AgriSource in Iowa. Die Megaernte ist das Resultat aus nahezu perfekten Wetterbedingungen und technologischem Fortschritt. Einen ersten grossen Produktivitätsschub erlebte die US-Agrarindustrie Ende der Dreissigerjahre, als der Einsatz von Stickstoffdünger, Sprühmitteln und gezielten Saatgutkreuzungen im grossen Stil aufkam. Seither ist das Land zur Agrarsupermacht avanciert. Gemäss Daten der USDA kommt es für 37% der weltweiten Maisproduktion auf. Im Fall von Sojabohnen, Baumwolle (Baumwolle 0.6748 1.09%) und Weizen (Weizen 151.15 0%) sind es 34, 14 bzw. 8%. Der Nahrungsmittelsektor ist der einzige Bereich der US-Wirtschaft, der eine positive Handelsbilanz aufweist.

Unter dem Sammelbegriff «Precision Agriculture» findet nun die nächste Revolution in der Landwirtschaft statt. Spritzmitteltolerante Hightech-Samen, autonome Landmaschinen und Computertechnologie ermöglichen es den Farmern, Ressourcen optimal einzusetzen und das Maximum aus den Feldern herauszuholen. Wie stark sich die Effizienz bereits verbessert hat, machen Zahlen des Statistikamts NASS deutlich: Belief sich die Ausbeute pro Hektar angebauten Mais zu Beginn der Neunzigerjahre noch auf 48 Scheffel, wird diesen Herbst mit einem neuen Bestwert von über 70 gerechnet. Ähnliche Steigerungsraten zeigen sich im Anbau von Soja und Weizen.

Das weckt Hoffnungen, dass Technik die Antwort auf den weltweit rasch wachsenden Nahrungsmittelbedarf ist. «Bis 2050 wird die Weltbevölkerung auf über 9 Milliarden wachsen, womit sich die Nahrungsmittelproduktion verdoppeln muss. Agrarland ist aber begrenzt und Wasser knapp. Das Problem können wir daher nur lösen, indem wir noch mehr auf Gentechnik setzen und so die Ertragsraten steigern», sagt Barry Flinchbaugh, Agronomieprofessor an der Kansas State University. Wenn es um die Welternährung gehe, müsse Amerika deshalb die technologische Führungsrolle übernehmen.

Diese Ansicht teilen allerdings nicht alle. «Die USA sind auf dem falschen Kurs. Eine Landwirtschaft, die auf riesigen Monokulturen basiert, hat keine Zukunft», sagt Hans Herren, Präsident des Millenium Institute in Washington. Er verweist darauf, dass Insekten und Unkräuter zusehends resistent gegen Vertilgungsmittel werden und Pflanzenkrankheiten zunehmen. «Mit einer vielfältigeren Landschaftsgestaltung müsste man wesentlich weniger Chemie und Gentechnik anwenden», meint Herren, der für seine Pionierleistung in der biologischen Schädlingsbekämpfung 1995 den Welternährungspreis erhalten hat.

Der Zyklus dreht

Bei den Farmern in Indiana stehen derzeit andere Sorgen im Vordergrund. «In diesem Erntejahr und auch im nächsten werden die Getreidepreise tief bleiben. Nicht alle Betriebe werden das überleben», meint Rob Richards. Die global wachsende Nachfrage und eine extreme Dürre während des Sommers 2012 haben Agrarrohstoffe in den letzten Jahren erheblich verteuert. Amerikas Bauern haben daran gut verdient und ihr Equipment aufgerüstet. Nun hat der Zyklus gedreht. Viele Betriebe halten sich mit Investitionen zurück und die Auftragsbücher der Ausrüster werden dünner. Das spiegelt sich auch an der Börse: Der Global Agriculture Index mit den wichtigsten Titeln aus dem Agrarsektor hat seit Ende 2012 fast 5% eingebüsst. Der S&P  500 dagegen ist knapp 40% vorgeprescht.

Umso mehr bemüht man sich in der Zentrale der Indy Family Farm, diesen Herbst das beste aus der Situation zu machen. 70 bis 85% der Ernte sind zwar in der Regel versichert. «Am Rest entscheidet sich jedoch, ob wir Gewinn oder Verlust schreiben», sagt Finanzchef Rich Westlake. Er erstellt für jedes der 280 Anbaufelder eine Kosten-Nutzen-Rechnung, die laufend aktualisiert wird. Robs zweiter Sohn Eric, der das operative Geschäft leitet, hält zudem ständig Ausschau nach Zusatzverdiensten. So hat er vor Tagesanbruch zwei volle Laster nach Cincinnati losgeschickt, wo ein Händler in einem Engpass steckt und für kurzfristige Lieferungen eine Prämie zahlt.

Eine Farm, die nicht auf dem neusten Stand ist, überlebt in diesem Umfeld nicht lange. Die Konzentration in der Branche wird weiter zunehmen. Gab es 1940 rund 6,5 Mio. Bauernhöfe in den USA, so sind es heute nur gut 2 Mio. Der Betrieb der Familie Richards hat von dieser Konsolidierung profitiert und will weiter wachsen. Das ist aber nicht leicht, denn Agrarland wird immer teurer. Mitverantwortlich dafür ist das wachsende Interesse von Finanzinvestoren wie John Hancock oder Prudential (PRU 17.905 -3.84%) Financial, die zur Absicherung und Diversifikation ihrer Portfolios Farmland aufkaufen. Auch sehen ausländische Agrarriesen wie Los  Grobo aus Argentinien lukrative Aussichten für den Getreideanbau in Amerika und drängen in den Markt.

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