Zum Thema: Privatbanken stehen vor einer Trendwende

Die Herausforderungen und Chancen der Privatbanken

Die Bruttomarge erreicht einen Tiefpunkt. Zusätzliche regulatorische Auflagen verursachen weitere Kosten. Grösse wird in diesem Umfeld immer wichtiger und treibt die Konsolidierung an.

Monica Hegglin und Ruedi Keller

Bruttomarge wird sich stabilisieren

Ein Blick auf die Entwicklung der Bruttomarge zeigt Bedenkliches. Die Einnahmen gemessen an den verwalteten Vermögen und ausgedrückt in Basispunkten (100 Bp = 1%) sind überall rückläufig. Mit 40 Basispunkten ist der Rückgang bei der Credit Suisse (CSGN 11.44 0.66%) am markantesten. Dennoch scheint sie brutto auf den verwalteten Vermögen nach wie vor am meisten zu verdienen. Aufgrund unterschiedlicher Methoden, z. B. in der Zurechnung von Treasury-Erträgen, sind die Zahlen der einzelnen Institute nur bedingt vergleichbar.

Die Margenerosion ist hauptsächlich zurückzuführen auf die Tatsache, dass das hochmargige grenzüberschreitende Geschäft mit europäischen Kunden im Zuge der Steuerdiskussion teilweise weggebrochen ist. Auf den Vermögen dieser Kunden verdienten die Banken 120 bis 130 Basispunkte. Wie die CS bekanntgab, bringen die neuen Ultrareichen 45 Basispunkte ein, weil sie ganz andere Konditionen geniessen. Das hat enorme Folgen für die Rentabilitätsrechnung.

Die UBS-Studie argumentiert, dass der sinkende Trend bei den Bruttomargen sich stabilisiert. Dies, weil die Erosion margenstarker Kundensegmente langsam aufhört. Optimistisch sind die Autoren insbesondere für die grösseren Anbieter. Sie seien besser in der Lage, die Kunden dazu zu bringen, für Beratung zu bezahlen. Ein Beispiel dafür ist das «UBS (UBSG 11.505 -0.13%) Advice», das die Bank erfolgreich eingeführt hat. Die CS will offenbar ebenfalls mit einem vertragsbasierten Beratungsmandat kommen. Gleichzeitig werden die Effekte des Niedrigzinsumfelds auslaufen. Eine zyklische Trendwende würde den Banken zudem unmittelbar 20 Basispunkte mehr Marge verschaffen.

Gewinner sind die Grossen

Die Kosten für Banken sind nicht gestiegen – zumindest für die grossen Institute und in Relation zu den verwalteten Vermögen. Dies ist eine der Kernaussagen der UBS-Analysten. Der Blick auf die Grafik unterstützt diese Sicht. Ersichtlich ist aber auch, dass kleinere Institute – siehe etwa St. Galler Kantonalbank (SGKN 444 0%) – eine andere Entwicklung erfahren: Die Anpassung an die neue Realität im Private Banking schlägt bei ihnen stärker auf die Kosten-Vermögens-Relation durch. Der Weg in die Verwaltung versteuerter Vermögen, zusätzlicher administrativer Aufwand zur Sicherstellung der Konformität der Geschäftstätigkeit und diesbezügliche Bereinigungen belasten. Die Fixkosten steigen, und Analysten schliessen daraus, dass damit auch die kritische Grösse zunimmt, die eine Bank im Minimum erreichen muss, um erfolgreich wirtschaften zu können.

Die Auslandbanken verzeichneten mit zuletzt 77 Basispunkten die absolut höchsten Kosten bei der Verwaltung der Vermögen. Die tiefsten operativen Kosten in der Auswahl hat die St. Galler Kantonalbank. Die Kosten von Credit Suisse und Julius Bär (BAER 41.16 0.71%) sind zwar hoch. Doch der Trend zeigt klar in die richtige Richtung: Die verwalteten Vermögen steigen, die relativen Kosten sinken entsprechend.

Die Mehrheit der Neugelder fliesst den grossen Instituten zu, und zwar 16 der 18,6 Mrd. Fr., die Schweizer Banken letztes Jahr netto angezogen haben, hat KPMG in einer Studie ermittelt. Die Hälfte der kleinen und mittleren Banken erlitt dagegen einen Geldabfluss. Der Anteil der von grossen Banken verwalteten Vermögen stieg in den letzten sechs Jahren ein Drittel auf fast 80% der in der Schweiz verwalteten Gelder.

Zinsen sind der grösste Hebel

Die gute Nachricht ist: Der Effekt der tiefen Zinsen dürfte langsam auslaufen. Ausser bei Negativzinsen. Auch das noch? Vertreter der Nationalbank erklärten diese Woche: Negativzinsen können verhängt werden, um dem Aufwertungsdruck des Frankens zu begegnen. Dies könnte Devisenmarktinterventionen teilweise ersetzen.
«Es gibt im deutschen Anleihenbereich keinen Zinsvorteil mehr gegenüber dem schweizerischen», erklärt Sarasin-Chefökonom Karsten Junius. Dies spräche für eine Zinsintervention. Die SNB (SNBN 5490 1.67%) könnte auf den bisher unverzinslichen Giroguthaben der Banken eine Gebühr erheben, um die Renditedifferenz am kurzen Ende der Zinskurve umzukehren. Die Giroguthaben betragen 300 Mr.  Fr., wovon rund 15 gesetzlich erforderlich sind. 10 Basispunkte auf den Überschussreserven würden die inländischen Banken jährlich 285 Mio. Fr. kosten. Das wäre eine erhebliche Belastung für die Banken.

Das Tiefzinsumfeld macht den Vermögensverwaltungsinstituten sowieso zu schaffen, da die Kunden Vermögen auch als Bankanlagen halten. CS-Finanzchef David Mathers sagte diese Woche an einer Präsentation, seit 2011 habe der Zinseffekt 12 Basispunkte der Bruttomarge aufgefressen. Das sind bei der CS über den Daumen gepeilt jährlich über 500 Mio. Fr., wenn man das Kreditwachstum berücksichtigt. Das entspricht einem Viertel des Vorsteuerergebnis des Bereichs Wealth Management Clients der Bank. Zinsen sind enorm wichtig. An der Barclays-Global-Financial-Services-Konferenz diese Woche erklärten 49% der Investoren, das Zinsumfeld müsse sich verbessern, bevor sie «bullish» für Bankaktien würden.

Weitere Welle der Steuertransparenz

Die Banken sind noch nicht fertig mit der Bereinigung der Kundenvermögen. Gemäss einer Schätzung der UBS sind von den total 5300 Mrd. Fr. an bei den Banken in der Schweiz deponierten Vermögen 2400 Mrd. Fr. offshore gebucht, stammen also von Kunden ausserhalb der Schweiz.

Vertreter von CS und UBS sagen, dass (mit Ausnahme von Italien und Griechenland) in Europa domizilierte Kunden mit Bankbeziehung in der Schweiz bis Ende dieses Jahres (spätestens aber bis Ende 2015) ihre Steuersituation offengelegt haben werden. Gemäss Jürg Zeltner, CEO Wealth Management der UBS, werde das Steuerthema nicht auf die europäischen Märkte begrenzt bleiben, wie er vergangene Woche ausführte. Die nächste Welle werde Asien und die Schwellenländer betreffen. Die UBS schätzt, dass auf Schweizer Bankkonten 50% der Offshore-Vermögen, also insgesamt 1200 Mrd. Fr., unversteuert sind. Im Rahmen von verschiedenen  Massnahmen zur Steuertransparenz  (in Europa, den USA und der restlichen Welt) werde der Finanzplatz die Hälfte davon verlieren. Das käme einem Aderlass  von 600 Mrd. Fr., also von gegen 10% der Gesamtvermögen, gleich.

Die Studie geht davon aus, dass die grossen Mitspieler diesen Verlust wettmachen können. Grosse Institute haben eher die Kraft, ihr Angebot neu zu positionieren. Sie können vom Wachstum einzelner Märkte (ultrareiche und asiatische Kunden) profitieren. Wie gross der Leidensdruck wird, hängt auch von der Geschwindigkeit ab, mit der die Gelder abfliessen, und von der Marktentwicklung, die manches (über-)kompensieren könnte.

Ab nach Hause – hinaus in die Welt

Die Konsolidierung der Schweizer Privatbankenlandschaft läuft an: Die israelisch beherrschte Leumi Privatbank wurde jüngst von Julius Bär übernommen. BSI, die Tessiner Privatbanktochter des italienischen Versicherers Generali (G 16.235 0.62%), ging vor Monatsfrist an die brasilianische BTG Pactual. 10 Mrd. Fr. in der Schweiz gebuchte Kundenvermögen der englischen HSBC (HSBA 650.9 1.01%) wechselten im Juni zu LGT. Im April verkaufte Morgan Stanley (MS 42.51 -0.72%) hierzulande betreute Vermögen von 10 Mrd. Fr. an J. Safra Sarasin.

Die Prämie, die in M&A-Transaktionen im Schnitt für verwaltete Vermögen bezahlt wird, hat sich von 2,8% vor der Finanzkrise auf noch 1,4% halbiert.

Es sind in erster Linie die Auslandbanken, die dem Schweizer Privatbankenplatz den Rücken kehren. Ihre Eigenkapitalrenditen betragen nur rund die Hälfte derjenigen, die Schweizer Institute erwirtschaften, hat KPMG ermittelt. Die Anzahl Auslandbanken ist seit 2000 von 148 auf 129 gesunken. Und mit Coutts wird bereits das nächste ausländisch beherrschte Traditionshaus feilgeboten.

Doch auch Schweizer Banken wie die St. Galler Kantonalbank besinnen sich auf ihr Kerngeschäft. Sie fokussiert auf den Heimmarkt und Deutschland. Das grenzüberschreitende Geschäft mit Osteuropa und Lateinamerika hat sie abgestossen.

Die UBS-Analysten sehen eine klare Ausdifferenzierung: Die Banken schärfen ihr Profil und fokussieren entweder auf den Heimmarkt oder schlagen eine wirklich globale Strategie ein. Beispiele für die zweite Gruppe sind die Grossbanken Credit Suisse und UBS sowie Julius Bär. Vontobel-CEO Zeno Staub hat am Donnerstag Interesse an Coutts angemeldet.

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