Meinungen

Die hohe Zeit der hohlen Phrasen

Wenn in Wahlkämpfen ermüdend viel geredet, doch wenig gesagt wird, dann zersetzt dies das Vertrauen in die Repräsentanten und die Institutionen der Demokratie. Ein Kommentar von FuW-Redaktor Manfred Rösch.

Manfred Rösch
«Ist das Zeitalter der totalen Kommunikation dasjenige totaler Beliebigkeit?»

Es ist gewiss eine Frage des Lebensalters, wenn Nostalgie aufkommt: aktuell nach den Debatten zwischen Helmut Schmidt und Franz Josef Strauss anno 1980. Dennoch, es ist beileibe nicht nur die «Recherche du temps perdu» – der Niveauverlust des Spitzenpersonals in der deutschen Politik lässt sich schwer bestreiten, gemessen an Format, Profil und Charisma. Damit steht die Bundesrepublik Deutschland nicht allein, doch derzeit lässt sich das gerade aus dem ähnlichsprachigen Ausland mit Verdruss beobachten.

Ein besonderes Ärgernis ist die Sprache, vielmehr die sprachgewordene Sprachlosigkeit. Täuscht der Eindruck, oder reden Berufspolitiker im Allgemeinen und die gerade aktuellen Protagonisten immer mehr, in immer teureren Wahlkämpfen, doch sagen sie dabei immer weniger? Um zu diesem Eindruck zu gelangen, braucht man sich als nur distanziert interessierter Eidgenosse die Palaver-Ménage-à-trois im Fernsehen («Triell» heisst der schauderliche Terminus) gar nicht erst anzutun. Ausser, man benötige etwas gegen Schlafstörungen.

Wahlkämpfe in westlichen Demokratien sind seit jeher die hohe Zeit der hohlen Phrasen, der Brechreiz auslösenden Plattitüden, heute vielleicht noch mehr als früher. Das übrigens auch südlich des Hochrheins, wohlverstanden. Nur schleicht sich der zugegebenermassen subjektive Verdacht einer indirekten Korrelation ein: Reden Berufspolitiker deshalb immer mehr (Blech), weil sie immer weniger (Substanzielles) zu sagen haben? Ist «Kommunizieren», wie heute das Sprechen im Beraterjargon geadelt wird, bloss dieses: gedrechseltes Nichts, Wortwaben weitgehend ohne Gehalt, bloss keine klare Aussage, die jemanden verprellen oder Applaus von unerwünschter Seite bewirken könnte, keine unmissverständlichen Ankündigungen, auf die der betreffende Kandidat nach der Wahl sogar behaftet werden könnte? Ist das Zeitalter der totalen Kommunikation dasjenige totaler Beliebigkeit?

Die Qual vor der Wahl

Es ist bezeichnend, dass die interessantesten Interviews häufig mit solchen Exponenten geführt werden, die ungeniert von ihrer jeweiligen Fraktionsdisziplin abweichen, also mit Einzelgängern, «Umstrittenen». Mithin ist es die Fussnote, die andeutet, was im Haupttext stehen sollte. Den verliest in Deutschland seit sechzehn Jahren Kanzlerin Angela Merkel – ihr zu lauschen, ist eine Qual, ihre Sätze wirken ungelenk und vage, manchmal wie semantische Labyrinthe; im Gedächtnis haften bleibt am ehesten die eigenwillige Parole «Wir schaffen das». Die Post-Merkel-Ära verheisst in dieser Hinsicht keine Besserung.

Die unerträglichste Verdichtung findet das Politblabla zu Wahlsaisons in den Parteiparolen. Gewiss, «es ist alles sehr kompliziert», wie der frühere österreichische Bundeskanzler Fred Sinowatz überaus tiefsinnig seufzte; ein Parteiprogramm, ein ideologisches Konzept lässt sich tatsächlich nicht in wenigen Worten zusammenfassen. Doch was soll ein Verbalflatus wie «Lust auf Zukunft» besagen? Diese Lust verspürt gegenwärtig offiziell die CDU, doch die Formel ist derart leer, dass sie von jeder Partei plakatiert werden könnte. Wer solche Sprüche nicht mit Sarkasmus quittiert oder in schützende Apathie verfällt, der hat eine fürwahr dicke Haut.

Nochmals zu früher. Es war nicht alles gut, beileibe nicht, doch manches besser. Der erste deutsche Bundeskanzler, Konrad Adenauer, war wohl rheinisch-eloquent genug, doch auch entwaffnend selbstironisch: «Was interessiert mich mein Geschwätz von gestern», bekannte er freimütig. Von Franz Josef Strauss, dem Beinahe-Bundeskanzler und ungekrönten Bayern-König, ist verbürgt, dass er ab und zu auf Fragen, zu denen er fachlich überhaupt nicht im Bilde war, derart gewandt und überzeugend extemporierte, dass er schon fast wieder die Wahrheit sprach. Doch diese zwei Gestalten waren von heute rarem Kaliber.

Politiker fürs Schweigen bezahlen

Ein anderer, weniger bekannter Kanzler, um auf dieser Stufe zu bleiben, blieb seinem bärbeissigen Charakter unbekümmert treu. Julius Raab, der Österreich von 1953 bis 1961 kundig regierte, war als «der grosse Schweiger» bekannt und beliebt. Von ihm kursiert die beseligende Anekdote, wonach er einst, zum wiederholten Mal, sein Kabinett mit einem einsamen Entscheid vor vollendete Tatsachen stellte. Als darauf ein Raunen durch die Ministerrunde ging, knurrte Raab: «Wer noch etwas zu sagen hat, der stehe auf und schweige.»

In den USA, seit jeher eine lärmige Massendemokratie, regierte von 1923 bis 1929 Präsident Calvin Coolidge. Unter «Silent Cal», dem stillen Mann aus Neuengland, blühte die Wirtschaft, der Bundeshaushalt schloss mit Überschüssen, und die Steuern sanken. 1928 verzichtete Coolidge trotz guter Chancen überraschend auf eine erneute Kandidatur – Chapeau.

Vielleicht sollte man Politiker fürs Schweigen bezahlen, das wäre ein Anreiz zur Entrümpelung der auditiven und visuellen Wortberieselung der «Menschen draussen im Lande» (diese Floskel soll Helmut Kohl eingeführt haben). Für Abhilfe könnte eine Anlehnung an Max Frischs berühmten Fragebogen aus den Sechzigerjahren sorgen, bloss bestückt mit präzisen politischen Fragen statt mit existenziellen. Etwa so, Schweizer Variante: Sind Sie für oder gegen Steuerhöhungen? Sind Sie für oder gegen ein höheres Renteneintrittsalter? Sind Sie für oder gegen ein Verbot des Einsatzes fossiler Treibstoffe? Sind Sie für oder gegen den Bau neuer Atomkraftwerke? Sind Sie für oder gegen mehr Zuwanderung? Und so weiter; es liesse sich jeweils nur ein Ja oder ein Nein ankreuzen, basta. Ganz im Geist der Bergpredigt – «Eure Rede aber sei: Ja, ja; nein, nein. Was darüber ist, das ist vom Übel.»

Antiaufklärung

Der Ärger über die empfundene Zunahme von Politikergeschwafel ist zunächst ein ästhetischer. Wolkige Sprache ist wie geschmacklose Architektur: Ein solche Ambiance verroht die Leute. Zudem ist es ein politischer Ärger. Wenn im Wahlkampf, angesichts der für manche Profis schlicht materiell unerlässlichen Bestätigung im Amt, fast nur noch Unklartext gesprochen, heikle Themen gemieden und aseptische Pseudodebatten geführt werden, dann zersetzt dies das Vertrauen in die Repräsentanten und die Institutionen der Demokratie. Am Ende ist solche infantilisierende Antipolitik die schiere Antiaufklärung.

Hat am Ende der alte Plato recht? «Wer in der Demokratie die Wahrheit sagt, wird von der Masse getötet», wusste er. Das lässt sich immerhin unblutig als Anweisung deuten, unerschütterlich heiter, wahrhaftig und ungeschminkt für Stimmen zu werben und in Ehren zu verlieren. Vielleicht klappt’s ja irgendwann doch – gerade deswegen.

Leser-Kommentare

Philipp Ulrich 17.09.2021 - 15:11

Tiefschürfender Artikel, danke. Doch, wenn wir immer weiter nach links “rutschen” hilft dies der Sozietät wenig. Und der Sozialisierungsrutsch wird weiter gehen….

Martin Mäder 18.09.2021 - 00:54

Sowas von zutreffend! Nach je drei Worten eines Politplauderis ist man jedesmal stark versucht, laut schreiend zu intervenieren: “Halt, stopp, was heisst das eigentlich? Was meinen Sie damit?” Nur ruft heute leider keiner mehr dazwischen. Wir haben uns mittlerweile, erschöpft und lethargisch, mit deren Inhaltsleere abgefunden: blablablablablablablablabla ………

Christoph Saetteli 18.09.2021 - 12:33
Der Antipode war Donald Trump mit seinen ungeschminkten Auesserungen. Die heutigen Politiker/Innen sind Kinder der “political correctness”. Ursprünglich aus dem hehren Ziel der Ueberwindung von Hetze und Vorurteilen geboren, wird jetzt das Kind sozusagen mit dem Bad ausgeschüttet. Das Ziel sollte doch klar sein, Diffamierung des politischen Gegners Nein, fake news Nein, cancel culture Nein, rassische oder geschlechterdiskrminierende Aussagen, dass… Weiterlesen »