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Märkte / Makro

Die Immobilienblase in Florida 1920–1926

Ein angenehmes Klima, günstiges Land und der Glaube an stetig steigende Immobilienpreise locken Massen nach Florida. Es endet, wie es enden muss.

Anno 1513 legt der spanische Seefahrer Juan Ponce de León an der Küste im Südosten der USA an. Im Auftrag des Königs von Spanien mit

200 Mann und drei Schiffen in See gestochen, entdeckt Ponce, so will es die Legende, auf der Suche nach Gold, Silber und der Quelle des ewigen Lebens ein Gebiet, das er Florida nennt. Im Glauben, eine Insel gefunden zu haben, kehrt er 1521 zurück, um sie zu kolonisieren. Doch kurz nach der Ankunft werden die Siedler von Indianern attackiert, und Ponce de León wird tödlich verwundet. Florida fällt zurück in einen Schlummer und bleibt ein malariaverseuchter Sumpf.

400 Jahre später strömt eine neue Welle von Glücksrittern aus dem Norden nach Florida, ebenfalls auf der Suche nach Reichtum und Glück. Es kostet sie zwar nicht das Leben, doch auch sie bezahlen einen hohen Preis.

1. Die «Roaring Twenties»

Die «Roaring Twenties» sind eine Zeit der Prosperität: Zwar folgt kurz nach dem  Ende des Ersten Weltkriegs in den Vereinigten Staaten im Jahr 1920 eine Rezession, danach aber setzt ein langer Aufschwung ein. Von 1921 bis 1929 wächst das reale Bruttoinlandprodukt pro Kopf um jährlich 4,5%, der Wohlstand nimmt zu. Die USA steigen zur weltweit dominierenden Wirtschaftsmacht auf. Anders als die kriegsversehrten Länder Europas verfügt das Land Anfang der Zwanzigerjahre über eine voll funktionsfähige Industrie.

Während der kriegerischen Auseinandersetzungen vermögen viele Amerikaner – dank Überstunden, die für die Produktion von Kriegsmaterial nötig sind – Vermögen anzusparen. Konsumiert wird wenig. Das ändert sich mit dem Kriegsende, als die Amerikaner beginnen, vom Auto über Radios bis zu Zigaretten alles zu kaufen.

Der Wirtschaftsmotor brummt. Luxusgüter wie Winterferien und Zweithäuser kommen in Mode, Konsumkredite verbreiten sich. Der Erste Weltkrieg führt dazu, dass wohlhabende Amerikaner ihre Ferien nicht mehr in Italien oder Frankreich, sondern in Florida verbringen. Bald sprechen sich die Vorzüge der Region herum, was weitere Touristen aus dem Norden anlockt. Florida entwickelt sich zum begehrten Ferienort.

2. Es ist Sommer in Miami!

Angezogen vom milden Klima und von günstigen Landpreisen, lässt sich eine wachsende Zahl der Feriengäste permanent in Florida nieder. Mit der Zuwanderung und der steigenden Bautätigkeit erlebt die Eisenbahn in den Zwanzigerjahren eine Renaissance. Gleichzeitig kommt das Auto auf. Erst seit 1908, als Henry Ford sein Model T zu produzieren beginnt, werden Autos für eine breitere Masse erschwinglich. Findige Unternehmer erkennen bald das Potenzial des neuen Transportmittels. 1914 wird der Dixie Highway geplant, der Miami mit Chicago verbinden soll. Mit den verbesserten Verkehrswegen nimmt die Zuwanderung weiter zu, die Immobilienpreise an den Verkehrsachsen steigen.

1923 beschliesst Florida, Einkommens- und Erbschaftssteuern abzuschaffen, um reiche Amerikaner aus anderen Bundesstaaten in den «Sunshine State» zu locken. Und sie kommen in Scharen.

Bald fehlt es an Arbeitern. So begehrt sind die Häuserbauer, dass sie bei der geringsten Unzufriedenheit den Arbeitgeber wechseln. Die Bauherren sehen jedem Wochenbeginn mit Schrecken entgegen: Nicht selten erscheinen die besten Handwerker nicht mehr zur Arbeit, da sie von der Konkurrenz abgeworben werden. Die Anzeichen einer Überhitzung mehren sich. Statt stabilisierend einzugreifen, giesst die noch junge Zentralbank Fed Öl ins Feuer. Getrieben von aussenpolitischen Überlegungen – das Fed will Grossbritannien die Rückkehr zum Goldstandard ermöglichen – senkt die Notenbank 1924 die Leitzinsen von 4,5 auf 3%. Damit wird der Bauboom erst recht befeuert.

3. Mühelos zum Millionär

Wegen der vielen Immobilienmakler, die an der Flagler Street, Miamis wichtigster Einkaufsmeile, der Kundschaft auflauern, müssen die Passanten auf die Strasse ausweichen, da auf dem Gehsteig kein Durchkommen mehr ist. Im Oktober 1924 stehen Kaufwillige vierzig Stunden Schlange, um Parzellen in der noch unerschlossenen Hyde Park Section zu kaufen.

Die Euphorie ist derart gross, dass in Florida in den Zwanzigerjahren Land für die gesamte US-Bevölkerung parzelliert wird. Betrüger wie Charles Ponzi treiben vermehrt ihr Unwesen.

Nachschubprobleme verschärfen die Situation: Die Florida East Coast Railway kommt nicht mehr nach, das nötige Baumaterial nach Miami zu transportieren. Im Höhepunkt 1925 steht der Bahnhof vor dem Kollaps: Durch 2200 Frachtzüge verstellt, lässt sich nichts mehr bewegen. Unternehmer weichen auf Schiffe aus, doch bald ist auch der Hafen versperrt.

Die Liegenschaftenpreise klettern unvermindert in die Höhe. Für eine Bauparzelle im Zentrum Miamis, die 1920 noch rund 2500 $ kostet, müssen 1925 bereits 25 000 $ aufgewendet werden. Allein in diesem letzten Jahr vervierfachen sich die Immobilienpreise.

Die Zeitungen helfen kräftig mit, die Euphorie zu nähren. In der ganzen Nation erscheinen wohlwollende Reportagen über Florida, das Inserat wird als effektives Marketinginstrument entdeckt. Geschichten, dass man in Florida praktisch über Nacht und ohne Mühe reich werden kann, machen im Norden die Runde, was weitere Spekulanten anzieht. Zum Bersten voll mit Immobilienanzeigen, produziert die «Miami Daily News» im Sommer 1925 eine Zeitungsausgabe mit 504 Seiten.

Wie in jedem Boom sprudeln die Kredite: Unter dem sogenannten Binder-System müssen Interessenten zum gültigen Kauf lediglich eine Anzahlung («Binder») von 5 bis 10% des Preises leisten. Die erste grössere Teilzahlung – üblicherweise 25% – wird erst nach dem Grundbucheintrag fällig. Wegen der aussergewöhnlich hohen Anzahl an Immobilientransaktionen dauert dieser Prozess vier bis sechs Wochen. In dieser Zeit, und bevor die erste Teilzahlung fällig wird, wechseln die Grundstücke mehrmals den Besitzer. Im Höhepunkt des Spekulationsfiebers werden einzelne Landparzellen in Miami bis zu zehnmal täglich gehandelt.

4. Halbinsel im Hurrikan

Nichts scheint den Aufschwung stoppen zu können, bis ein erster Warnschuss fällt: Am 1. Dezember 1925 fegt ein tropischer Zyklon über Florida und verwüstet grosse Strandabschnitte im Nordosten. Jacksonville trifft es besonders heftig. Der kommende Winter ist ungewöhnlich kalt, gefolgt von einem  heissen Sommer, was einige Zugewanderte zweifeln lässt, ob das Klima tatsächlich so angenehm ist wie gepriesen. Banken aus dem Bundesstaat Ohio platzieren Zeitungsinserate, in denen sie die Bevölkerung davor warnen, in Florida Immobilien zu erwerben. Die Motive sind nicht ganz uneigennützig, leiden die Geldhäuser doch unter einem massiven Kapitalabfluss in Richtung Süden.

Auch die Börse an der Wall Street beginnt, nervöse Signale auszusenden: Zwischen Februar und Mai 1926 verliert der S&P Composite 11% an Wert.

Dann bricht das Unheil mit aller Wucht über Florida herein: Am 18. September 1926 fegt ein gewaltiger Hurrikan über die Halbinsel, den die meteorologische Anstalt in Miami als «den wahrscheinlich zerstörerischsten, der die USA jemals heimgesucht hat», bezeichnet. Der Sturm hinterlässt Tod und Verwüstung, macht aus Palm Beach wieder Sumpfland. 415 Menschen sterben, 25 000 werden obdachlos, 13 000 Häuser werden zerstört. In den folgenden vier Jahren bricht der Wert der neu erbauten Häuser um 70% ein.

5. Panik im Paradies

Die finanziellen Auswirkungen sind zum Glück lokal beschränkt. Trotzdem geht die Bautätigkeit landesweit innerhalb weniger Jahre um 40% zurück: Werden im Jahr 1926 850 000 Häuser errichtet, sind es 1929 gerade noch 500 000. Und dies, obwohl die US-Wirtschaft in dieser Zeit weiterhin kräftig wächst.

In Florida und im angrenzenden Georgia melden über 150 Banken Konkurs an. Sparer erleiden Verluste von rund 30 Mio. $ (heute 600 Mio. $), die Bankaktiva fallen allein 1926 um über 30%. Viele Gemeinden, die Anleihen ausgegeben haben, um ihre Infrastruktur auszubauen, geraten wegen der sinkenden Einnahmen in Zahlungsschwierigkeiten. Fast 90% aller Städte weigern sich, den vollen Nennwert oder Zinsen zu zahlen. Floridas Wirtschaft fällt in eine Depression und erholt sich erst nach dem Zweiten Weltkrieg.

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