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«Die Jungen sind die Verlierer»

Ökonomieprofessor Aymo Brunetti sagt, die Altersvorsorge 2020 löst die Kernprobleme nicht. Warum er vor allem der jungen Generation empfiehlt, Nein zu stimmen.

Peter Morf und Manfred Rösch

Mit der Altersvorsorge 2020 soll das System saniert und für die Zukunft gesichert werden. Das Ziel wird aber nicht erreicht, die Altersvorsorge lässt sich so nicht sanieren. Der Ökonom Aymo Brunetti erklärt im Gespräch, warum er das so sieht.

Herr Brunetti, welches Gefühl haben Sie im Vorfeld der Abstimmung zur Altersvorsorge 2020?
Die Sanierung der Altersvorsorge ist eine grosse und wichtige Aufgabe. Es ist aber ärgerlich, dass eine Vorlage erarbeitet wurde, die per saldo nur minimste Schritte zur effektiven Gesundung der Systeme unternimmt. Die Kernprobleme werden nicht gelöst.

Was ist gut an der Vorlage, was ist schlecht?
Die wichtigste Massnahme ist die Senkung des Umwandlungssatzes in der beruflichen Vorsorge. Das ist ein überfälliger Schritt in die richtige Richtung. Der negativste Punkt ist der Ausbau der AHV über die pauschale Rentenerhöhung für alle Neurentner. Letztlich handelt es sich um eine Scheinreform. Die bestehende Nachhaltigkeitslücke wird langfristig nur marginal reduziert. Die Vorlage konzentriert sich einseitig auf mehr Einnahmen. Die zwei anderen möglichen Ansatzpunkte zur Sanierung, das Rentenalter und die Ausgaben der Altersvorsorge, bleiben weitgehend unangetastet.

In der Debatte hört man oft das Argument, die Vorlage dürfe nicht abgelehnt werden, sie sei gleichsam alternativlos.
Das ist eine taktische Frage. Für mich überwiegt die Gefahr, dass es im Fall einer Annahme heisst, jetzt haben wir einen wichtigen Schritt gemacht und können uns zurücklehnen.

Der Hauptkritikpunkt ist die pauschale Rentenerhöhung um 70 Fr. für die Neurentner. Wie ist der Schritt zu beurteilen?
Das ist ein politisches Manöver und sachlich nicht gerechtfertigt. Dieser Schritt weist in die völlig falsche Richtung, es ist ein Ausbau der AHV, und das erst noch mit der Giesskanne. Aus rein politischer Optik ist der Schritt clever. Es ist der Versuch, ein Paket zu schnüren, das für möglichst viele Stimmbürger attraktiv erscheint.

Die Rentenerhöhung bindet die erste und die zweite Säule aneinander. Das ist systemwidrig, denn die drei Säulen sollten unabhängig voneinander funktionieren.
Das Grundproblem ist in der ersten wie auch der zweiten Säule dasselbe. Von daher rechtfertigt sich eine gemeinsame Behandlung. Aber es ist problematisch, die an sich entkoppelten Säulen mit einzelnen Massnahmen aneinanderzubinden.

Das Drei-Säulen-Prinzip hat den Charme einer gewissen Risikostreuung. Darum beneiden uns viele Länder um dieses System.
Ich habe eher das Gefühl, dass sie uns darum beneiden, dass wir einen grossen Teil der Altersvorsorge mit dem Kapitaldeckungsverfahren finanzieren. Viele Länder basieren einseitig auf dem Umlageverfahren. Insgesamt machen die drei Säulen so Sinn. Es ist ungerechtfertigt, die erste Säule auf Kosten der zweiten zu stärken.

Sie haben die Senkung des Umwandlungssatzes positiv hervorgehoben. Reicht die Reduktion von 6,8 auf 6%?
Nein, das ist nicht ausreichend. Aber die Senkung auf 6% ist ein Schritt in die richtige Richtung. Er ist allerdings zu klein, der versicherungsmathematisch richtige Satz dürfte in der Region von 5% liegen. Zudem bringt die Senkung keine Entpolitisierung dieser Grösse.

Wie wäre eine Entpolitisierung erreichbar?
Über jene Faktoren, die von der Lebenserwartung abhängen, lässt sich eigentlich gar nicht diskutieren. Das sind technische und nicht politische Fragen. Das betrifft das Rentenalter und den Umwandlungssatz. Dieser Gedanke muss unbedingt in die nächste Reform eingebracht werden. Man muss in die Richtung der versicherungsmathematischen Wahrheit gehen. Das müssen wir vorab den Jungen erklären. Sie sind, ohne dass es allen bewusst wäre, die grossen Verlierer dieser Reform.

Das Grundproblem besteht darin, dass der Satz explizit im Gesetz verankert ist.
Ja, das ist falsch. Dieser Satz sollte nicht im Gesetz stehen und er sollte nicht durch eine politische Behörde fixiert werden.

Die Politik müsste Macht abgeben.
Das trifft zu und macht die Sache nicht einfacher. Ein Ausweg wäre ein Mechanismus, der ab einer bestimmten Limite automatisch zu Anpassungen führt, falls die Politik nicht reagiert.

Was würde eine Annahme der Vorlage für die Wirtschaft bedeuten?
Für die Träger der zweiten Säule wäre es eine gewisse Erleichterung. Aus gesamtwirtschaftlicher Sicht bringt die Erhöhung der Mehrwertsteuer negative Effizienzeffekte mit sich. Zudem bleibt die Unsicherheit, was langfristig zu erwarten ist. Mit der Annahme würde kein Problem gelöst.

Zusätzlich steigen die Lohnprozente. Lässt sich beurteilen, wer diese höhere Abgabe sowie die Mehrwertsteuer in der Endabrechnung bezahlt?
Insbesondere in der Mehrwertsteuer hängt das stark davon ab, wie viel auf die Konsumenten überwälzt werden kann. Darum kann kaum pauschal gesagt werden, wer am Schluss welche Last trägt. Gemäss einer Studie zur Schweizer Generationenbilanz öffnet sich heute eine langfristige Finanzierungslücke von über 170% des Bruttoinlandprodukts. Sie reduziert sich mit der Vorlage ein wenig, vor allem aufgrund der Mehrwertsteuererhöhung. Aber es bleibt eine enorme Lücke von 135% des Bruttoinlandprodukts.

Das Bundesamt für Sozialversicherungen geht in seinen Langfristszenarien von einem Lohnwachstum von 1,9% pro Jahr ab 2021 aus. Ist das realistisch?
Für Langfristprognosen ist man auf Annahmen angewiesen. Sie basieren auf dem Produktivitätswachstum und jenem der Bevölkerung. Der Wert von 1,9% scheint mir hoch zu sein. Die demografische Entwicklung führt dazu, dass in den kommenden Jahren weniger Arbeitsstunden geleistet werden. Wenn die Babyboomer in Pension gehen, werden wir ein spürbar geringeres Wachstum haben.

Welchen Einfluss auf die Finanzen der Altersvorsorge hätte ein Ja zur Vorlage?
Gegenüber dem heute geltenden Regime ergäbe sich eine Verbesserung. Die Nachhaltigkeitslücke würde, wie schon erwähnt, etwas reduziert. Aber die Vorlage bringt viel zu wenig, sie löst das Grundproblem der Altersvorsorge nicht. Man kann die Nachhaltigkeitslücke mit Hilfe der genannten drei Ansatzpunkte reduzieren. Die vorliegende Reform setzt fast nur an den Einnahmen an. So lässt sich die Altersvorsorge nicht nachhaltig sanieren.

Wie müsste diese Reform aussehen?
Es müsste an allen drei Stellschrauben angesetzt werden. Also (ALSN 134.8 0.3%) inklusive Leistungen an Rentner und Rentenalter. Eine nachhaltige Reform müsste überdies eine versicherungsmathematisch korrekte Lösung bringen und nicht Generationen völlig ungleich behandeln. Die Altersvorsorge 2020 belastet einseitig die jüngeren Generationen. Gefragt wäre dagegen eine Kombination aus Mehreinnahmen, höherem Rentenalter und Rentenkürzungen.

Kritiker des höheren Rentenalters behaupten immer, es gebe gar nicht genug Arbeitsplätze für die älteren Semester.
Es braucht grundsätzlich einen neuen Anlauf, um die Frage des Rentenalters zu diskutieren. Politisch ist die Propagierung eines höheren Rentenalters für sich allein genommen nicht attraktiv. Unmittelbar sichtbar sind nur die Kosten und kein Nutzen. Aber das ist eine verzerrte Darstellung. Ein fixes Rentenalter geht davon aus, dass wir jedes zusätzliche Jahr zu 100% als Freizeit und zu 0% als zusätzliches Arbeitseinkommen nutzen wollen. Es ist unplausibel, dass die Menschen eine so extreme Aufteilung wollen. Ein höheres Rentenalter ermöglicht die Schaffung von zusätzlichem Einkommen, das heisst, wir sind dann in den Pensionsjahren reicher. Diesen Nutzen eines höheren Rentenalters gilt es in der politischen Diskussion viel klarer aufzuzeigen.

Nehmen die Alten den Jungen die Arbeitsplätze weg?
Das ist neben dem Argument, dass ein höheres Rentenalter nur Kosten hat, die zweite fatale Fehlüberlegung, die es zu korrigieren gilt. Sie geht davon aus, dass es eine fixe Menge von Arbeit gibt, die verteilt werden kann. Diese Vorstellung ist völlig absurd. Sonst hätten die Erhöhung der Erwerbstätigkeit der Frauen oder die Zuwanderung in den vergangenen Jahrzehnten zu einer hohen Arbeitslosigkeit geführt. Nichts dergleichen ist geschehen. Im Gegenteil, die Anzahl der Jobs ist deutlich gestiegen. Und eine Erhöhung des Rentenalters reduziert ein mögliches Problem: Verliert jemand kurz vor 65 die Stelle, findet er für die verbleibende Zeit oft nichts mehr. Wenn der Arbeitgeber jedoch weiss, dass der ältere Arbeitnehmer noch mehrere Jahre Teilzeit arbeiten kann, steigen die Chancen auf eine Anstellung.

Das ist umso wichtiger, weil die Lebenserwartung weiter steigt.
Das wichtigste Argument für ein höheres Rentenalter ist natürlich die demografische Alterung der Bevölkerung. In den  kommenden zehn Jahren werden in der Schweiz rund eine Million Menschen pensioniert, das ist ein Fünftel aller Arbeitskräfte. Zusätzlich verknappend wirkt die Umsetzung der Masseneinwanderungsinitiative. Die Unternehmen werden sich schon bald um die älteren Arbeitskräfte streiten.

Wäre der im Rahmen der Altersvorsorge 2020 diskutierte und vom Parlament abgelehnte Interventionsmechanismus ein Weg, das Problem der Alterung anzugehen?
Ideal wäre eine völlige Entpolitisierung, die jedoch nicht realistisch ist. Ein Interventionsmechanismus ist eine zweckmässige Vorgehensweise, die den Politikern Einfluss lässt. Sie haben darüber zu entscheiden, wie die Mischung der Massnahmen zwischen Rentenalter, Leistungsanpassungen und Mehreinnahmen sein soll. Ein höheres Rentenalter ist jene Massnahme, die sich finanziell in jeder Hinsicht positiv auswirkt, sie generiert mehr Einnahmen und reduziert die Ausgaben. Zudem fördert es das Wachstum, das Arbeitsvolumen steigt. Es gibt keine absolut richtige Mischung, das ist ein politischer Entscheid. Wichtig ist, dass die Auswirkungen auf die Generationen offengelegt werden. Das ist heute nicht der Fall. Jemand, der zwischen 25 und 45 Jahre alt ist und für die Altersvorsorge 2020 stimmt, ist entweder ein ungewöhnlicher Altruist oder hat die Auswirkungen der Vorlage nicht verstanden. Das sind die Jahrgänge, die die Reform bezahlen.

Leser-Kommentare

Pavel Kouba 28.08.2017 - 19:23
Ganz schön theoretisch – an der Realität vorbei, Herr Brunetti. Es ist leider gängige praxis, dass ältere Arbeitnehmer bereits ab 50 inoffiziell von Firmen ausgesteuert werden, um die im Alter erhöhten BVG-Beiträge zu vermeiden. Da würde das höhere Pensionsalter auch nichts helfen. Für die Arbeitnehmer wäre das zudem eine weitere, versteckte Rentenreduktion, im Falle, wenn sie z.B. mit 65 doch… Weiterlesen »