Meinungen

Die Krawatte ist tot – es lebe die Krawatte!

Das schicke Stoffstück um den Herrenhals ist auch hierzulande mehr und mehr démodé. Chinas rote Machthaber dagegen legen Wert auf klassisch europäische Kluft. Ein Kommentar von FuW-Redaktor Manfred Rösch.

«Zivilisation heisst auch Rollenspiel, mitsamt Kostümierung.»

Rawiri Waititi, Abgeordneter des neuseeländischen Parlaments, trägt seit jüngstem im Ratssaal nicht mehr die übliche Krawatte um den Hals, sondern schmuckes Maori-Schnitzwerk an einer Kette. Eine «No News», gewiss, dennoch sorgte sie selbst in der fernen Schweiz da und dort für eine Zeitungsnotiz. Das Parlament in Wellington hat unterdessen den Schlipszwang (für Herren, naturgemäss) abgeschafft.

Eine Oberflächlichkeit, sozusagen ein alter Zopf, der endlich abgeschnitten wird – ja, doch sie lässt tief blicken. Die Mode ist ein Psychogramm einer Gesellschaft; die trägere Herrenmode stärker als die quecksilbrige der Damen, die mit den saisonalen Launen der Couturiers irrlichtert. Der Abgeordnete Waititi mochte sich nicht mehr an den Dresscode britischer Tradition halten, sondern wollte ein zu seiner Herkunft passendes Accessoire tragen.

Dagegen ist nichts einzuwenden. Tenuevorschriften sind aus der unverbindlicher gewordenen Zeit gefallen; sie drängen sich noch in dienstlicher Uniformierung auf – oder in höfischer Strenge für die Galans am Wiener Opernball: Frack, weisses Mascherl und Lackschuhe sind de rigueur, wer eine Armbanduhr trägt, entlarvt sich als Banause.

«Oben ohne»

Der Fall der Krawatte aus der öffentlichen Gunst ist eine breite Erscheinung in der westlichen Welt. Am Bankschalter, sofern es den noch gibt, sind manchenorts die Herren nicht mehr zum Tragen der Krawatte (im «Corporate Design») angehalten, die Damen können aufs Foulard verzichten. In einer grossen hiesigen Bank, so war passend zu lesen, kann Kundschaft künftig geduzt werden. Lockere Kleidung und Umgangsformen signalisieren Jugendlichkeit und Nähe, statt Form und Distanz. Zwanghafte Zwanglosigkeit – sympathisch? Bestenfalls. Plump aufdringlich? Mitunter. Unzivilisiert? Um eine Nuance, zweifelsohne. Zivilisation heisst stets auch Rollenspiel, mitsamt Kostümierung, was in lateinischen Ländern tiefer verankert ist als in nördlicheren.

Wie so manche Segnungen hat auch die Abwendung von der Krawatte mit dem famosen Jahr 1968 zu tun. Amüsanterweise finden sich zeitgenössische Fotos von bieder beschlipsten Studenten mit gebügelter Faltenhose, die in Paris, Berlin, gar Zürich für die Erlösung der Menschheit von sich selbst randalierten; ironisch genug, dass ihre Lehrer – Sartre, Adorno, Horkheimer et al. – genauso gutbürgerlich auftraten wie ihre Väter in den Vorstädten.

Doch die Behaarung wuchs und die Bekleidung im Stil der zu überwindenden Miefigkeit, besonders eben die Krawatte, schwand. Unter der Bundeshauskuppel etwa lässt es sich beobachten, dass der offene Hemdkragen links deutlich verbreiteter ist als rechts (oder im vagen Terrain dazwischen). Fidel Castro muss es anno 1998 mächtig gewurmt haben, eigens aus Anlass des Besuchs von Papst Johannes Paul II. eines dieser bourgeoisen Versatzstücke umknoten zu müssen. In jüngeren Jahren posierten die linken griechischen Politikheilsbringer Alexis Tsipras und Yanis Varoufakis «oben ohne»; es hat ihnen weder geschadet noch genützt.

Die Sanscravates unserer Tage gemahnen in ihrem bewussten oder unbewussten Protest gegen die altgewohnte Kleiderordnung von ferne an die Sansculottes der Französischen Revolution, die Männer  niedrigen Standes, die lange Hosen trugen statt der im Adel bevorzugten Kniebundhose, der Culotte. Die Sansculottes unterstützten die Jakobiner – mitunter spiegelt sich ja die Geschichte, wenngleich schief.

Bezeichnend ist auch die Abwendung der Iraner vom Schlips. Unter dem Schah hatte sich dieses Symbol der von oben forcierten Modernisierung in den städtischen Eliten Persiens verbreitet. Unter den finsteren Gottesmännern von heute dagegen ist ein Stehkragenhemd ohne westlich-dekadentes Dekor üblich. Von europäischen Geschäfts- oder Staatsgästen wird, feine Ironie, hingegen erwartet, dass sie sich mit Krawatte präsentieren, als Zeichen des Respekts.

Zum ideologischen Soupçon ist in den jüngeren Jahrzehnten eine ökonomische Attraktivitätsbaisse gekommen. Die Granden im Silicon Valley, deren immer noch junge, wiewohl schwindelerregend gigantische Konzerne die «Old Economy» in den Schatten stellen, geben oder gaben sich locker: Jeff Bezos, Bill Gates, Elon Musk, Steve Jobs selig machen oder machten ihre eigenen Regeln.

Daneben wirken manche Spitzenkräfte altehrwürdiger Branchen unsexy grau – was Wunder, dass sie wenigstens im Habit die Demiurgen der Digitalwelt zu imitieren trachten. Etwas vom Start-up-Geist soll abfärben: Innovation statt Tradition, Disruption statt Konvention mag die Devise lauten. So versucht man’s denn eben mit Management-Erleuchtungen wie «Open Collar Policy» oder «Casual Friday»: Kleider machen den Unternehmergeist der Leute.

Der chinesische Unternehmerstar Jack Ma vereint sozusagen das Beste aus beiden Welten; mal ist sein Aufputz salopp, mal trägt er Langbinder. Es spricht auch Bände, dass sich die Mandarine in Peking, Xi Jinping und Genossen, unfehlbar massgeschneidert zeigen und stets angetan sind mit einem erlesenen Statussymbol des westlichen Klassenfeindes. Die Anmutung der Parteiführung ist durch und durch kapitalistisch, Maos feldgrüner Anorak taugt nur noch fürs Revolutionsmuseum. Während die Eliten in Europa und Nordamerika an sich (und ihrer Garderobe) zweifeln, übernehmen die Machthaber Chinas ihre Sitten – und Positionen.

Es wirkt dezent alarmierend, wenn sich ein Emporkömmling die Attitüde der traditionellen Vormacht zu eigen macht. Die USA haben das erfahren: In der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts zwangen amerikanische Schiffe das damals altertümliche, splendid isolierte Japan zur Öffnung; das Kaiserreich modernisierte sich daraufhin radikal und rasant, einschliesslich der Kleideretikette. Als Kaiser Hirohito nach der Kapitulation 1945 dem Prokonsul des Siegers, General McArthur, seine Aufwartung machen musste, erschien er selbstredend in Cutaway und Zylinder.

Charme des Nutzlosen

Noch vor einem Menschenalter trugen fast alle Männer Hut, heute fast keiner mehr – obwohl die Kopfbedeckung, je nach Wetter, von Nutzen ist. Die Krawatte dagegen ist vollkommen nutzlos; bloss ein Stück Stoff, seit etwa dreihundertfünfzig Jahren «à la Croate» um des Mannes Hals geschlungen. Gerade das macht ihren Charme aus, und ihre Chance: Jetzt, wo sie rarer wird, steht sie weniger für Angepasstheit als für eine Prise Dandytum, als Anhauch von Poesie in einer auf prosaische Effizienz gestriegelten No-Nonsense-Arbeitswelt.

Jetzt dürfte sie auch wieder bessere Presse kriegen. Donald Trump trug die Krawatte zu lang, zu breit, zu knallig rot – ein Strizzi statt ein Gentleman. Honoré de Balzac ahnte, durchaus zeitlos: «Ein Mann ist so viel wert wie seine Krawatte.»

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