Meinungen

Die «Lächerlichen Fünf» sparen 0,05% der EU-Wirtschaftsleistung

Eine Koalition der Willigen sollte den Gipfel Montagabend platzen lassen und die Summe verdreifachen. Ein Kommentar von FuW-Redaktor André Kühnlenz.

«Die Schweiz kann davon nur profitieren, wenn beim südlichen Nachbarn nicht wieder die Populisten das Ruder übernehmen.»

Es war ein unwürdiges Schauspiel, das die Staats- und Regierungschefs der EU am Wochenende abgeliefert haben. Den vierten Tag in Folge ringen sie am heutigen Montag darum, wie stark der Fonds zur Wiederbelebung der Wirtschaft («Recovery») an rechtsstaatliche Bedingungen geknüpft wird. Erwartungsgemäss ist der Widerstand vor allem in Ungarn und Polen gross.

Die Niederlande bestehen zu Beginn des Gipfels noch strikt auf einem Vetorecht bei den Reformvorgaben: An die Umsetzung von Reformen sollte ihrer Meinung nach die Auszahlung der geplanten Zuschüsse an die Mitgliedländer wie Italien geknüpft werden. Hier zeichnet sich immerhin eine pragmatische Lösung ab – auch wenn noch die letzten Details geklärt werden müssen, wie einzelne Länder ihre Zweifel am Reformeifer einbringen können.

43 Mrd. € weniger Zuschüsse als Kompromiss

Lächerlich aber wird es bei den Summen, um die die Gespräche kreisen. Laut Korrespondentenberichten wird es wohl auf einen Betrag von 390 Mrd. € an Zuschüssen hinauslaufen. Die sollen in den nächsten sieben Jahren vor allem an die Länder verteilt werden, die besonders stark von Corona betroffen sind, wie Italien und Spanien.

Paris und Berlin hatten zunächst Zuschüsse von 500 Mrd. € vorgeschlagen, die im späteren Kommissionsvorschlag allerdings noch 67 Mrd. € an Garantien enthielten. Diese waren wahrscheinlich ohnehin als Verhandlungsmasse geplant, sollten sie doch private Investitionsgelder «mobilisieren».

Stand Montagmorgen schrumpfen die geplanten 433 Mrd. € also auf 390 Mrd. €. Die wird sich die EU-Kommission zunächst am Kapitalmarkt leihen dürfen – statt sich wie üblich im EU-Haushalt über Beiträge der Staaten zu finanzieren.

Den Blockierern geht es nur um Wählerstimmen

Den Fonds selbst soll Brüssel ab 2028 über noch zu beschliessende EU-Steuern dreissig Jahre lange tilgen. Die Befristung ist eine wichtige Bedingung, damit vor allem die Konservativen in Deutschland und anderen Ländern zustimmen.

Hinzu kommen zinsgünstige Darlehen an viele Staaten, die insgesamt eine Summe von 350 Mrd. € oder mehr ausmachen könnten. Auch diese Mittel soll die EU-Kommission über den Obligationmarkt refinanzieren.

Das lächerliche Gefeilsche, das nur an die heimische Wählerschaft gerichtet ist, wird neben den Niederlanden noch von Österreich, Dänemark sowie Schweden und nun auch von Finnland aufgeführt. Diese Regierungen können es nun als Erfolg verbuchen, dass die Zuschüsse von 0,5 auf 0,45% des Bruttonationaleinkommens der Jahre 2021 bis 2027 gesenkt worden sind.

Die «Lächerlichen Fünf» sparen also 0,05% der Wirtschaftsleistung, wenn es am Ende tatsächlich 390 Mrd. € werden.

Für den Norden überwiegen die Vorteile

Allein die Höhe der Summen sagt schon viel über den symbolischen Charakter, der im Fonds angelegt ist. Selbst die hohe Schuldenlast des italienischen Staates würde damit nicht merklich entlastet. Es wäre aber ein Zeichen der EU, dass es ihr ernst ist mit der Solidarität in Coronazeiten.

Will die EU aber nicht nur beim Symbolischen bleiben, sollte eine Koalition der Willigen den Gipfel platzen lassen und ohne die «Lächerlichen Fünf» die geplante Summe von 433 Mrd. Fr. verdreifachen. Auf Deutschland kämen dann Kosten von, grob überschlagen, maximal 0,2% der Wirtschaftsleistung pro Jahr ab 2028 zu.

Die Deutschen wüssten aber zumindest, dass sie damit viele Jobs in der Exportwirtschaft sichern und die Gemeinschaft wirtschaftlich wie politisch stabilisieren würden. Die Schweiz kann davon nur profitieren, wenn beim südlichen Nachbarn nicht wieder die Populisten das Ruder übernehmen.

Leser-Kommentare

Peter W. Ulli 20.07.2020 - 13:33

Bin immer überrascht wie eng Solidarität ausgelegt und scheinbar auch verstanden wird. Auch in diesem Artikel wieder. Solidarität gibt es nicht nur beim Bezahlen, nein so muss es auch beim Ausgeben der Gelder der Geber eine solidarische Verantwortung und Augenmass geben.

Daniel Meier 20.07.2020 - 13:46
Herr Redaktor Kühnlenz hat ein sehr merkwürdiges Verständnis von Demokratie: „ Das lächerliche Gefeilsche, das nur an die heimische Wählerschaft gerichtet ist, …“. Für die grosse Idee zählt die Demokratie nichts. Lästiges Pöbel? Auch wirtschaftlich geht es um den Reformwillen: Arbeiten dürfen die sparsamen für die französische Krankenschwester die 32 h pro Woche maximal arbeitet und mit 57 Jahren pesioniert… Weiterlesen »
Roland Hess 20.07.2020 - 20:09

Eine franz. Krankenschwester verdient im Durchschnitt 2800 EUR pro Monat. Das ist ihnen zu viel Herr Meier!

Daniel Meier 20.07.2020 - 22:14

Die Frage ist nicht, ob ich den Lohn gönne oder nicht, sondern, wie das bezahlt werden soll, wenn die Leute 35 Jahre 32 Stunden arbeiten und über 90 Jahre alt werden.
Darum liess man in Frankreich 10‘000 alte Leute verdursten; das sagen mind. die Statistiken dieses Hitzesommers.

Karl Tiefenbacher 20.07.2020 - 13:54
Ich respektiere die Meinung von Herrn Kühnlenz, aber seinen Spott finde ich nicht akzeptabel. Es ist absolut nicht lächerlich wenn eine saubere Verwendung verlangt wird. Griechenland hat man zu härtesten Einschnitten in sein Sozialsystem gezwungen und keinen Euro geschenkt. Aber mit kleinen Ländern kann man offenbar so umspringen in dieser ‘Wertegemeinschaft’, große bekommens ohne Reformen nachgeschmissen nur dass wieder ein… Weiterlesen »
Helmut Becker 20.07.2020 - 14:58

Eher ein lächerlicher und entbehrlicher Kommentar.

Urs Kaufmann 20.07.2020 - 16:44

Auf den Punkt gebracht.

Peter Martin Wigant 20.07.2020 - 23:26

Helmut Becker hat recht. Ein zynischer Beitrag. Less would be more.

Alexander Binzel 20.07.2020 - 16:54

ein völlig überflüssiger und nicht sachgerechter Kommentar eines FuW Redaktors. Ich bin jedenfalls froh dass es noch Politiker wie in diesen 5 Ländern gibt. Sich neben Italien und Frankreich auch noch von Polen und Ungarn erpressen zu lassen ist wohl Herrn Kühnlenz gleichgültig.

Martin Kurer 20.07.2020 - 16:55

Die sehr deutsche Sicht von Herrn Kuehnlenz bangt halt um die deutschen Exporte, schon immer hoechste Prioritaet fuer die deutsche EU Politik. Deshalb konnten sie eben auch Griechenland vor den Bus werfen, kleiner Markt. Und wer ist an der Macht im Sueden der Schweiz? Sind Cinque Stelle denn keine Populisten?

Pierre Marchioni-Weber 20.07.2020 - 17:01

Wen jemand lächerlich ist ist das wohl ihr Redaktor André Kühnlenz !

Daniel Meier 20.07.2020 - 22:17

Da bin ich ganz ihrer Meinung. Solche Artikel entbehren jeder wirschaftlichen Betrachtung. Die Schweiz kann froh sein wenn diese Länder nicht alle überschuldet sind und alle bankrott gehen. Gerade die gegenteilige Argumentation. Der Leser möge entscheiden.

Ruedi Eggen 20.07.2020 - 17:19

Noch so ein lächerlicher Artikel und ich kündige mein Abo.

Peter Braun 20.07.2020 - 17:54
Ich kann mich den bisherigen Kommentatoren nur anschliessen. Von der F & W bin ich seit Jahrzehnten andere journalistische Qualität gewohnt. Herr Kühnlenz scheint es in seinem äusserst einseitigen Artikel offenbar mehr oder weniger nur darum zu gehen, mit der Umrechnung der Höhe der Zuschüsse auf die Wirtschaftsleistung diese kleinzuschreiben. Er hängt zudem mit seinen Forderungen einem fragwürdigen Verständnis von… Weiterlesen »
Daniel Hüsser 20.07.2020 - 17:58

Von einem FuW-Redaktor würde ich einen fundierteren und sachlichen Kommentar erwarten. Enttäuschend!

Peter Duschet 20.07.2020 - 19:07
Ich stimme dem Redaktor dieses Artikels nicht zu. Die große Gefahr in der EU ist es, wenn die Leute das Gefühl bekommen, dass das Geld einfach verteilt wird (Vergemeinschaftung der Schulden). Dass geholfen werden soll, ist klar; ebenso wichtig ist die seriöse Verwendung der Steuergelder. Solidarität ohne verantwortungsvollen Einsatz der Mittel verkommt zum Schlagwort und gefährdet den Zusammenhalt, statt ihn… Weiterlesen »
Morgen + Partner AG 20.07.2020 - 19:43
Ja, ich bin auch dafür, dass man seine Nachbarn in der Not gezielt mit Zuschüssen unterstützt. Das ist Solidarität. Das sollte aber auch umgekehrt gelten. z.B. beim Renteneintrittsalter, bei einer fairen Besteuerung, die von den Bürgern auch duch effizientes Vorgehen eingefordert wird usw. usw. Herr Draghi hat den Satz gesagt: “Whatever ist takes” und damit den Einstieg in die Nullzins-Phase… Weiterlesen »
Oliver Schmid 21.07.2020 - 09:04
André Kühnlenz hat wohl die Hoffnung, mit der grössten Giesskanne löst man die Problem am besten. Wer dann am Schluss die Schulden zahlt ist wohl egal. Wenn man gesehen hat, dass die Südländer wie Spanien, Italien, Griechenland etc. nach der Finanzkrise kaum Reformen auf die Beine brachten, muss man die Gelder zweckgebunden sprechen und nur das Minimum. Hier zeigt sich… Weiterlesen »
Donat Zimmermann 21.07.2020 - 13:19

Das nicht ernst zu nehmende Geschreibsel von diesem Kühnlenz zeigt mir vor allem eines: dass sich die Tamedia-Linksaussen immer mehr Einfluss in der FuW Redaktion verschaffen.

Philip Hjelmer 23.07.2020 - 01:02

Warum spricht niemand mehr von den Maastricht-Kriterien? Oder habe ich etwa verpasst, dass beschlossen wurde, diese für ungültig zu erklären? Jedenfalls kann ich mich der Leserschaft anschliessen, welche mehr als dringliche Reformen in gewissen beratungsresistenten EU-Ländern befürwortet. Was Redaktor Kühnlenz schreibt ist pure Polemik. Etwas mehr Sachlichkeit wäre wünschenswert.