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«Die Lage in China hat sich normalisiert»

Johann Rupert, exekutiver Verwaltungsratspräsident des Luxusgüterkonzerns Richemont, über die Stimmung am Uhrenmarkt, die Herausforderung der Apple Watch und seine grösste Sorge.

Mark Dittli und Pascal Meisser
Der starke Mann hinter dem Luxusgüterkonzern Richemont (CFR 83.14 1.84%) ist kein Freund der lauten Worte: Johann Rupert gibt fast nie Interviews. Während Branchenkollegen, Nick Hayek von Swatch Group (UHR 275.1 3.19%) und Jean-Claude Biver von LVMH (MC 409 -0.37%), in der Öffentlichkeit omnipräsent sind, hält sich der Südafrikaner lieber im Hintergrund. Doch er lässt keinen Zweifel an der Frage, wer im Hause Richemont mit seinen Maisons wie Cartier, IWC, Piaget oder Vacheron Constantin das Sagen hat: Vor wenigen Monaten hat Rupert mehrere Markenchefs ausgewechselt. Einen Nachfolger für den in Rente gehenden CEO Richard Lepeu gibt es nicht, was die Rolle des exekutiven Verwaltungsratspräsidenten Rupert weiter stärkt. «Ich bin der Fluglotse der Egos im Haus», pflegt der 66-Jährige zu sagen, er habe lieber einen Stall voller Rennpferde als einen Stall voller Esel.

Diskret gibt sich auch der Richemont-Hauptsitz in Bellevue (BBN 21.1 -1.4%), einem Vorort von Genf. Mehrere blau glänzende Glaskuben von Jean Nouvel, üppige Gärten, in der Ferne der Montblanc. In der Mitte des Campus steht ein liebevoll restauriertes Chalet, das der Legende nach Rupert selbst bewohnt.

Im Interview mit «Finanz und Wirtschaft» spricht Johann Rupert über den Zustand der Branche, über die Lage in China, die Herausforderung der Apple (AAPL 197.87 -0.29%) Watch und über seine grössten Sorgen.

Herr Rupert, die Zuversicht unter den Vertretern der Schweizer Uhrenindustrie steigt wieder. Liegt der Tiefpunkt der Entwicklung hinter uns?
Das ist schwierig zu sagen. Ich hoffe, dass meine Kollegen – meine geschätzten Konkurrenten – richtigliegen, die viel öfter mit der Presse reden als ich.

Die Drittquartalszahlen, die Richemont im Januar publiziert hat, zeigten wieder steigende Verkaufszahlen. Das macht doch Mut oder?
Sie wissen, dass ich mich nicht über den Geschäftsverlauf im laufenden Quartal äussern darf. Doch wie gesagt: Ich hoffe, meine optimistischen Kollegen behalten recht. Vielleicht sind sie ja einfach bloss etwas weniger pessimistisch als ich. Doch unser Geschäft darf ohnehin nicht auf Quartalsbasis betrachtet werden. Wir führen Richemont für die lange Frist.

Was sehen Sie in China, dem wichtigsten Absatzmarkt für die Schweizer Uhrenindustrie?
Die Antikorruptionskampagne der vergangenen Jahre hatte einen grossen Einfluss. Wir dürfen nicht vergessen, dass die Korruption in China zu einem weitverbreiteten Problem geworden war. Das musste bekämpft werden. Heute hat sich die Lage in China normalisiert. Die Politik der Landesführung, den inländischen Konsum zu fördern, greift. Wir sehen Wachstum in allen Segmenten – das haben unsere Drittquartalszahlen belegt. Hongkong und Macau dagegen verharren immer noch auf einem tieferen Niveau.

Wie sieht es mit den hohen Inventarbeständen aus?
Ich fürchte, die Lagerbestände in den Verkaufskanälen sind immer noch zu hoch. Das gilt für alle Hersteller, nicht bloss für Richemont. Wir haben schon vor längerer Zeit, nicht erst im letzten Jahr, begonnen, ­Inventarbestände zurückzukaufen.

Tun Sie das weiterhin?
Ja. Wir haben an der letzten Generalversammlung im Herbst 2016 gesagt, dass wir die Produktionskette verschlanken müssen. Es ist unsinnig, mehr Einheiten herzustellen, als man verkaufen kann. Man schadet damit seinen Verkaufspartnern. Sehen Sie, wir haben weltweit 1500 Verkaufspartner für unsere Marken. Wenn wir zu viele Uhren in den Markt drücken, landen sie irgendwo auf dem Graumarkt im Internet.

Wie behalten Sie diesen Trend unter Kontrolle?
Wir arbeiten mit Internet-Suchmaschinen und prüfen täglich systematisch Millionen von Angeboten, um zu erfahren, welche spezifischen Uhrenmarken und -modelle auf dem Graumarkt angeboten werden. Niemand will an der Spitze dieser Liste stehen.

Sind einzelne Richemont-Marken aktuell auf dem ­Graumarkt hoch im Kurs?
Das sage ich Ihnen nicht.

Wie stark leidet Ihr Geschäft noch unter dem Franken?
Der starke Franken ist der Preis, den wir bezahlen, um in der Schweiz zu sein. Der Währungseffekt schmerzt, aber in Summe überwiegen die Vorteile klar.

Einzelne Stimmen in Ihrer Branche kritisieren die Schweizerische Nationalbank heftig, weil sie Anfang 2015 die Eurountergrenze aufgehoben hat. Sie auch?
Nein, ich kritisiere die SNB (SNBN 5490 0%) nicht. Sie hatten keine Wahl, sie mussten die einseitige Anbindung an den Euro aufgeben. Niemand kann sich gegen die Marktkräfte stemmen, auch nicht die SNB.

Am 1. April beginnt für Richemont das neue Geschäftsjahr, und Sie haben das Managementteam erneuert. Zwei Divisionschefs werden den bisherigen CEO, ­Richard Lepeu, ersetzen, der in die seit mehreren Jahren geplante Pension geht. Sind Sie mit der neuen Struktur zufrieden?
Man darf grundsätzlich nie zufrieden sein, weil man immer Dinge verbessern kann. Doch wir sind heute in guter Verfassung. Themen wie E-Commerce und Digitalisierung werden wichtiger. Georges Kern, der neue Leiter der Uhrensparte und frühere CEO von IWC, ist ein Experte auf diesem Feld. Was wir jetzt noch brauchen, ist mehr Diversität in Management und Verwaltungsrat. Wir brauchen mehr Frauen, mehr Leute aus Asien und Amerika. Diese Auffrischung wollen wir bis zur nächsten Generalversammlung im September vollzogen haben.

Und das Markenportfolio? Sind Sie zufrieden damit?
Wenn Sie damit fragen, ob wir etwas kaufen wollen, dann ist die Antwort Nein. Wir schaffen lieber Goodwill im eigenen Haus, als dass wir anderen Aktionären Goodwill bezahlen. Wir allozieren gerne mehr Kapital an die einzelnen Marken, an unsere Maisons, damit sie in ihr Geschäft investieren können.

Gerüchteweise ist zu hören, dass der Uhrenhersteller Breitling zum Verkauf steht.
Dieses Gerücht habe ich auch gehört.

Sind Sie nicht interessiert?
Nein. Breitling ist gewiss ein gutes Unternehmen. Aber ich kann nicht im eigenen Haus Leute entlassen – Menschen, die nichts dafür konnten, dass die Nachfrage in China eingebrochen ist – und gleichzeitig eine neue Marke kaufen. Vielleicht bin ich da zu sehr Calvinist, doch wie könnte ich das vor der eigenen Belegschaft rechtfertigen?

Richemont besitzt eine solide Bilanz mit Nettobar­mitteln von mehr als 5 Mrd. €. Was sind Ihre Pläne mit diesem Geld?
Ich habe in meinem Leben schon zu viele Katastrophen gesehen. Die Cashreserven sind unsere Festung. Eine Marktschwäche der Art, wie wir sie in den vergangenen zwei Jahren durchlebt haben, gab es schon einmal vor vierzehn Jahren. Doch im Gegensatz zu ­damals stimmen heute unser Cashflow und unsere Cashreserven. Da braucht es uns nicht gross zu kümmern, wenn der Gewinn kurzzeitig einbricht.

Dank des robusten Cashflows konnte Richemont die ­Dividende in den vergangenen Jahren stetig erhöhen. Geht das in diesem Rhythmus weiter?
Das kann ich nicht versprechen. Alles hängt davon ab, wie sich unser freier Cashflow entwickelt. Wir haben uns in den letzten Jahren gut geschlagen, und ich hoffe, das wird uns auch künftig gelingen.

Inwiefern bereiten Ihnen smarte Uhren wie die Apple Watch Sorgen?
Ehrlich gesagt hat mich die erste Apple Watch nicht überzeugt. Und das sage ich Ihnen als absoluter Fan und Freund von Apple: Ich war in den Achtzigerjahren der erste Agent von Apple-Computern in Südafrika. Ich kenne die Leute gut, auch das Designteam. Die Apple Watch ist ein netter Versuch, doch sie hätten das Produkt modular gestalten sollen. Mehr imponiert mir, was Jean-Claude Biver mit TAG Heuer ­gemacht hat. Das ist der richtige, modulare Weg.

Wird die Smartwatch zu einer Gefahr für Richemont?
Bis jetzt nicht, denn noch fehlt die «Killer App». Doch die wird eines Tages kommen.

Wie stellen Sie sicher, dass Ihre Marken nicht plötzlich überrollt werden?
Wir forschen und entwickeln; Montblanc hat soeben eine neue Smartwatch lanciert. Das ist nicht bloss ein Spielzeug, sondern eine richtige Uhr. Das macht mich optimistisch. Ich denke, die Montblanc Summit wird erfolgreicher sein, als viele denken.

Weiten Sie das Gelernte auf weitere Marken aus?
Die Erfahrung, die Montblanc macht, wird den anderen Maisons zur Verfügung gestellt. Vom Preissegment her wäre sicher Baume & Mercier eine Option.

Wird künftig das Label Swiss Made noch wichtig sein?
Ja. Zum Glück sind Konsumenten immer noch der Meinung, ein Produkt mit dem Label Swiss Made sei speziell. Deshalb müssen wir strenge Regeln verteidigen, die das Label schützen. Mich stört es, wenn das zu flexibel gehandhabt wird; es ist schwierig, zu erklären, weshalb eine Uhr Swiss Made sein soll, wenn die Komponenten aus China kommen und bloss die Endmontage in der Schweiz stattfindet.

Wie wichtig wird künftig das Internet als Distributionskanal für Uhren sein?
Sehr wichtig. Deshalb soll Uhrenchef Georges Kern die Verantwortung für den Onlinekanal übernehmen. Die traditionelle Boutique wird aber nicht verschwinden. Wir wollen unseren Verkaufspartnern und unseren eigenen Läden ja nicht schaden. Die Kunst wird sein, die physischen Boutiquen mit dem Onlinekanal zu kombinieren und ein leistungsfähiges IT-System zu betreiben.

Richemont ist eng mit Ihrer Familie verflochten. Früher waren Sie im Tabak- und im Kabel-TV-Geschäft aktiv. Was reizt Sie an der Luxusgüterbranche?
Das Schöne an dieser Branche sind die soliden Burggräben, die die starken Marken umgeben. Die Einstiegshürden für neue Konkurrenten sind hoch. Ich will nicht eines Morgens aufwachen und feststellen, dass eine neue Technologie mein Geschäft obsolet gemacht hat. Wenn man in der Luxusgüterbranche seinen Job richtig macht, sind die Gefahren klein. Nur die eigene Dummheit kann das Geschäft töten.

Und wie stellen Sie sicher, dass Richemont nicht eines Tages die eigene Dummheit zum Verhängnis wird?
Mit der nächsten Generation. Mein Sohn ist viel smarter als ich. Er und seine Schwestern gehen heute schon sehr kritisch mit meiner Generation um.

Was bereitet Ihnen am meisten Sorgen?
Die wachsende Ungleichheit in vielen Ländern auf der Welt. Das hat sich in den vergangenen Jahren noch weiter verstärkt: Regierungen und Zentralbanken haben den Gesellschaftskontrakt gebrochen; sie fügen mit ihrer Politik den Sparern Schaden zu, um Spekulanten zu retten. Ich habe ein grosses moralisches ­Problem damit. Die nächste Welle der industriellen Revolution wird mit immer mehr Automatisierung dazu führen, dass Millionen von Menschen ihren Job verlieren. Das wird in den Gesellschaften zu mehr Hass führen, zu mehr Antisemitismus. Parteien am extremen rechten und am extremen linken Rand – derart extrem, dass sie sich schon fast wieder berühren – des Spektrums werden an dieser Stimmung gedeihen.

Was sind die Rezepte dagegen?
Um die Jobverluste durch die Automatisierung abzu­federn, werden wir über Formen eines bedingungs­losen Grundeinkommens sprechen müssen.

Wird die Automatisierung auch in der Luxusgüterindustrie Einzug halten?
Ich denke, es wird immer Konsumenten geben, die hohe Handwerkskunst schätzen. Produkte, die sorgfältig mit Seele, Hand und Können gefertigt werden. Deshalb habe ich die Michelangelo-Stiftung ins Leben gerufen, die hohe Handwerkskunst unterstützt.

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