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Vor 300 Jahren erlebt die Welt ihre erste Aktienblase. Dutzende Unternehmen mit dubiosen Geschäftsmodellen öffnen sich dem Publikum – mit fatalen Folgen.

Die «James and Mary» liegt tief im Wasser, als sie im Juni 1687 im Hafen von Gravesend an der Themsemündung einläuft. Die Fregatte unter dem Kommando von Captain William Phipps ist von einer achtmonatigen Expedition in die Karibik zurückgekehrt.

In ihrem Bauch trägt sie 32 Tonnen Silber und Gold, geborgen aus dem Wrack einer vor Hispaniola gesunkenen Galeone.

Die Nachricht fegt wie ein Brand durch London. Der Fund macht Phipps, einen ungebildeten Seefahrer aus Neuengland, zum Helden. König James II schlägt ihn umgehend zum Ritter. Phipps startet mit seinem Fund den ersten Aktienboom der Geschichte: Weil er für die Expedition kaum Geldgeber finden konnte, gründete er vor dem Start eine Aktiengesellschaft. Investoren konnten sich in «The Adventurers in the Expeditions of William Phipps» einkaufen und sich einen Anteil an möglichen Funden sichern.

Die Rechnung geht auf: Der Schatz, mit dem Phipps 1687 einläuft, bringt 300 000 £ auf die Waage (was heute einem Wert von gegen 50 Mio. £ entspricht). Nachdem das Königshaus, Phipps und seine Besatzung ihren Schnitt abgezogen haben, werden die Investoren ausgezahlt. Sie erhalten eine Dividendenrendite von 10 000%. Bald schon kennt England kein Halten mehr.

1. Wissen aus Amsterdam

1687 steckt London in seinen Anfängen als Finanzzentrum. Die Unternehmensform der Aktiengesellschaft besteht zwar schon fast ein Jahrhundert, doch eine offizielle Börse kennt die Stadt noch nicht. Die Aktien der Handelshäuser East India Company, Royal African und Hudson’s Bay Company werden in Jonathan’s Coffee House in der Exchange Alley zwischen Cornhill und Lombard Street von sogenannten Stockjobbern vermittelt. Amsterdam ist, was den Grad der Finesse in Finanzfragen betrifft, London weit voraus.

Das ändert sich 1688, als William von Oranien, Statthalter der Niederlande, in England einfällt und seinen Schwiegervater James II vom Thron putscht. Im Zuge des Machtwechsels, der als «Glorious Revolution» in die Geschichte eingeht, durchlebt London zwei entscheidende Entwicklungen: Im Gefolge von William strömen Financiers aus den Niederlanden sowie aus Frankreich geflohene Hugenotten nach London und bringen Finanzwissen in die Kapitale. Und: England engagiert sich unter der Führung von William III im Neunjährigen Krieg gegen das Regime von Louis XIV von Frankreich.

Der Krieg hat zur Folge, dass Kapital in England blockiert bleibt, weil Kaufleute keine Waren mehr aus Frankreich beziehen können. Diese Kombination – reichlich Kapital in den Händen risikofreudiger Kaufleute, gekoppelt mit der innovativen «Dutch Finance» – bietet den Nährboden für einen Spekulationsboom.

2. Boom mit Patenten

In London herrscht Aufbruchstimmung. Physiker und Astronomen wie Isaac Newton und Edmund Halley präsentieren vor der Royal Society ihre Entdeckungen. Findige Geschäftsleute lassen Erfindungen patentieren und nutzen den investitionsfreudigen Aktienmarkt, um Kapital aufzunehmen. Dass die Unternehmen oft bloss über ein Patent verfügen, ansonsten aber keinen Umsatz schreiben, spielt keine Rolle. England durchlebt das «Scientific Age»; mit neuster Technologie scheinen sich alle Probleme der Menschheit lösen – und dabei viel Geld verdienen zu lassen.

Der lukrative Fund von Captain Phipps ist in bester Erinnerung, als sich mehrere Unternehmen dem Publikum öffnen und versprechen, dank patentierter Tauchglocken versunkene Schätze bergen zu können. 1691 öffnet sich «The Company owning the Diving-Engine invented by John Williams», deren Finanzchef der spätere Schriftsteller Daniel Defoe ist, dem Publikum. Mindestens acht weitere Gesellschaften mit klingenden Namen wie «The Company for Recovering Treasure from Wrecks off Bermuda» folgen.

3. Euphorische Zeiten

Doch nicht nur Tauchglocken befeuern den Technologieboom. Patentierte Pumpmaschinen versprechen Sumpfland urbar zu machen, die «Company for Tyzach’s Night Engine» präsentiert ein Alarmsystem gegen Einbrecher, und die «Company for the Sucking-Worm Engines of Mr. John Loftingh» präsentiert nichts weniger als eine «Feuerlösch-Maschine, die dieses Königreich nie zuvor gesehen hat».

Die Kurse der in der Exchange Alley gehandelten Aktien steigen. Der Apotheker John Houghton gibt zwei Mal pro Woche eine Liste der Aktienkurse heraus, und immer breitere Bevölkerungsschichten wollen am Boom teilhaben. Einige Tauchglocken-Unternehmen führen ihre Erfindungen in der Themse vor und bewegen so auch Kleinanleger zu Investitionen.

Der Staat, dessen Krieg gegen Frankreich immer mehr Kapital erfordert, zapft die Euphorie im Volk auf seine Weise an: Im März 1694 präsentiert das Schatzamt die «Million Lottery», in deren Rahmen 100 000 Lose zu 10 £ verkauft werden. Den Siegern winkt ein Gewinn von 1000 £.

Im April wird die Bank of England gegründet – und weil der Staat Geld benötigt, wird auch die Zentralbank als Aktiengesellschaft strukturiert und Anlegern angeboten:  Die Emission der Bank of England im Volumen von 1,2 Mio. £ ist binnen Tagen verkauft, gleich am ersten Handelstag gewinnen die Aktien 20%. London ist vollends zur Finanzkapitale avanciert.

4. Der Flop in Panama

Ein Jahr später, im Juni 1695, aus heiterem Himmel: der Flop. Beeindruckt von der Euphorie in London ruft der Schotte William Patterson in Edinburgh die Darien Company ins Leben. Der Zweck dieser Aktiengesellschaft klingt genial: Sie soll eine schottische Expedition finanzieren, die am Isthmus von Darien, der schmalsten Stelle Mittelamerikas, eine Handelskolonie errichtet. Dort sollen künftig Schiffe aus Asien an der Pazifikküste anlegen und ihre Waren entladen. Die Darien Company kümmert sich gegen Zoll um den Transport der Waren auf dem Landweg und verschifft sie an der Atlantikküste für den Weitertransport nach Europa.

Unter Fanfaren werden die Aktien der Darien Company in Schottland angeboten, doch es gelingt nicht, die geplanten 300 000 £ zu äufnen. Mit wachsender Verzweiflung verkauft Patterson die Aktien in London, Amsterdam und Hamburg. Fünf Jahre später wird die schottische Kolonie in Panama fatal enden, doch das Ende des Aktienbooms in London läutet bereits die nahezu gescheiterte Publikumsöffnung der Darien Company ein.

Plötzlich geraten die Kurse ins Rutschen, in den Kaffeehäusern der Exchange Alley greift Panik um sich. Weil England seinen Krieg kaum mehr finanzieren kann, senkt das Schatzamt zudem den Edelmetallanteil in den Münzen – mit der Folge, dass das bereits im Umlauf stehende Geld gehortet wird und die Liquidität am Aktienmarkt austrocknet.

5. Geächtete Stockjobber

Es ist ein Blutbad. Die Aktien von Standardwerten wie der East India Company verlieren 70%. Von 140 Gesellschaften, deren Aktien gehandelt werden, überleben 100 den Sturm nicht – unter ihnen alle Technologieunternehmen. Kein einziges Unterfangen der Tauchglocken-Abenteurer ist von Erfolgt gesegnet. Der phänomenale Fund von Captain Phipps, der Ursprung des Booms, bleibt ein Unikum.

Bald schon werden Fälle von Korruption ruchbar; es zeigt sich, dass viele Technologiegesellschaften bloss eine leere Hülle blieben, gebastelt um ein Patent und eine genial klingende Idee. Die Stockjobber werden geächtet, als bekannt wird, in welchem Ausmass sie die Aktienkurse in den Kaffeehäusern manipuliert haben. Das Parlament erlässt 1697 ein Gesetz, das die Anzahl Stockjobber in London auf 100 begrenzt. Davon dürfen maximal zwölf Juden sein. Verboten wird ihnen zudem der Handel auf eigene Rechnung.

Lernen die Investoren etwas? Freilich nicht. Nur gut zwanzig Jahre später gibt sich London dem kollektiven Wahn der Südseeblase hin. Und 300 Jahre später reissen sich Anleger in New York wieder um die Aktien junger Gesellschaften, die mit neuartigen Technologien – und oft nicht mehr als einer genial klingenden Idee – die Welt zu verändern versprechen.