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«Die Märkte reagieren schizophren»

Jim Bianco, Chef von Bianco Research, misstraut den Avancen nach der Wahl von Donald Trump und sieht die Hausse an den Finanzmärkten gefährdet.

Erstens kommt es anders, und zweiten als man denkt. Der Wahlsieg von Donald Trump überrascht nicht nur die ganze Welt. Entgegen den Befürchtungen bereiten ihm die Finanzmärkte sogar auch noch einen warmen Empfang. Nach dem Coup der Republikaner ist der Dow Jones (Dow Jones 28335.57 -0.1%) auf ein Rekordhoch geklettert, und der Dollar zieht an. Wallstreet wettet darauf, dass der neue Präsident seinen politischen Kurs mässigt und die amerikanische Wirtschaft in Schwung bringt. «Wir werden sehen, ob das auch wirklich passiert», sagt Jim Bianco. Der unter institutionellen Investoren hoch angesehene Marktstratege aus Chicago warnt, dass Trump unberechenbar bleibt und die politischen Risiken gross sind.

Herr Bianco, die Börsen begrüssen die Wahl von Donald Trump mit Applaus. Wie schätzen Sie die Situation ein?
Die Märkte reagieren schizophren. Was sich diese Woche abgespielt hat, ist beispiellos. Als sich der Sieg von Trump in der Wahlnacht abzuzeichnen begann, brach der US-Leitindex S&P 500 im Terminhandel zunächst 5% ein. Das entspricht dem Limit im Verlauf einer Sitzung. Am nächsten Morgen war der Verlust bei der Eröffnung des regulären Börsenhandels aber bereits wettgemacht, und zu Tagesschluss resultierte sogar ein deutliches Plus. Eine so extreme Kursschwankung hat es noch nie gegeben, seit 1988 Futures auf den S&P 500 eingeführt worden sind. Auch am Bondmarkt ist es zu heftigen Bewegungen gekommen. Die Rendite auf zehnjährige US-Staatsanleihen machte den grössten Tagessprung seit vier Jahren.

Wie erklären Sie sich das?
Wallstreet glaubt, dass Trumps Präsidentschaft eine gigantische Wette auf die Rückkehr der Inflation ist: ein Trade auf steigende Aktienkurse, höhere Zinsen und einen festeren Dollar. Dahinter steckt die Überlegung, Trump werde ein massives Stimulusprogramm starten, indem er Regulierungen lockert, Steuern kürzt und in die Infrastruktur investiert. Das Wirtschaftswachstum soll sich dadurch auf 3 oder sogar 4% beschleunigen, was Amerika seit der Finanzkrise nicht mehr gesehen hat. Das würde auch bedeuten, dass die Zinsen steigen und die ständige Angst vor Deflation endlich verschwindet.

Wird diese Rechnung aufgehen?
Ich bin eher skeptisch. Normalerweise tendieren Politiker nach der Wahl zwar zur Mitte und machen etwas anderes als das, was sie im Wahlkampf versprochen haben. Trump war aber kein gewöhnlicher Kandidat. Er ist der erste US-Präsident, der weder in der Politik noch im Militär Karriere gemacht hat. Es wäre deshalb naiv zu glauben, dass er sich wie jeder andere Regierungschef verhält.

Worauf muss man nun achten?
Entscheidend ist, wie Trump seine Regierung zusammenstellt. Wird er den Leuten aus seinem Umfeld einen Posten geben und diejenigen bestrafen, die gegen ihn waren? Oder ist er offen für personelle Vorschläge von führenden Republikanern im Kongress? Nach seinem Wahlsieg hat er eine sehr versöhnliche Rede gehalten, was Hoffnung macht. Das Risiko bleibt aber, dass er bald in sein gewohntes Verhaltensmuster zurückfällt und die Finanzmärkte darauf empfindlich reagieren.

Wie gross ist diese Gefahr?
Trump hat gleich im ersten Anlauf das höchste Staatsamt gewonnen. Ausser seiner Wiederwahl in vier Jahren wird er sich keiner weiteren Abstimmung stellen. Weshalb sollte er sich nun also mässigen und nicht genau das machen, was er angekündigt hat? Er wird zwar kaum gleich an seinem ersten Amtstag loslegen können. Als Präsident wird er sich aber gegen den Freihandel starkmachen, China als Währungsmanipulator bezeichnen, die Gesundheitsreform Obamacare rückgängig machen, die Immigration einschränken und die Grenzmauer zu Mexiko bauen.

Was heisst das für die US-Notenbank? Wird sie an ihrem Plan für eine Zinserhöhung bis Ende Jahr festhalten?
Das Federal Reserve ist unter der Kontrolle der Finanzmärkte. Es kann die Zinsen nur dann erhöhen, wenn das an der Börse erwartet wird. In der Wahlnacht haben Investoren einem Zinsschritt zuerst nicht einmal mehr eine Chance von 50% gegeben. Doch jetzt rechnen sie wieder mit einer Chance von 80%. Bleibt das so, hat das Fed in vier Wochen grünes Licht.

Und was passiert mit Fed-Chefin Janet Yellen? Trump hat sie scharf kritisiert.
Wenn Yellens Amtszeit 2018 abläuft, wird  Trump sie absetzen. Gut denkbar ist, dass er bereits vorher Druck macht, um sie zum Rücktritt zu drängen. Ob Yellen darauf eingeht, ist schwierig abzuschätzen. Wahrscheinlich ist aber, dass der nächste Fed-Chef eine härtere Haltung in der Zinspolitik einnehmen wird. Auch das könnte zu einer Belastung für die Märkte werden, ist aber noch kein Thema.

Was kommt auf den Rest der Welt zu, wenn Trump am 20. Januar antritt?
Im Kern seiner Kampagne stand der Widerstand gegen Immigration und Globalisierung. Genau darum ging es auch beim Brexit. Globalisierung bedeutet, dass sich Menschen international frei bewegen können und die Produktion von Gütern dorthin verlagert wird, wo sie am effizientesten ist. Bis zur Finanzkrise hat es dagegen kaum nennenswerten Widerstand gegeben. Das, obschon im Zug der Globalisierung Arbeitsplätze in Niedriglohnländer verlagert worden sind. Die Leute glaubten daran, dass das System grundsätzlich fair ist und ein freier Handel unter dem Strich gut für das Gemeinwohl ist.

Warum hat sich das geändert?
Wenn es früher zu einer Rezession kam, gab es keine Sonderbehandlungen. Die Mittelklasse sah, dass der Abschwung die gesellschaftliche Elite genauso hart trifft wie sie. Bei der Rezession von 2001 etwa verloren Internet-Milliardäre ihr gesamtes Vermögen, Enron ging pleite, und die für den Betrug verantwortlichen Manager wurden verhaftet. Vereinfacht gesagt ging es allen gleich mies.

Was war bei der Finanzkrise anders?
Millionen von Menschen haben 2008 den Job und ihr Haus verloren. Für die Banken wurden hingegen milliardenteure Rettungspakete geschnürt. Natürlich war das nötig, um das Finanzsystem zu retten. Warum genau, kann der breiten Bevölkerung aber nicht richtig erklärt werden. Aus ihrer Sicht sieht es so aus, als ob sie für die Fehler der «reichen Banker» geradestehen muss, wogegen diese selbst keine Konsequenzen tragen. Das hat die politische Elite ihre Glaubwürdigkeit gekostet und populistischen Strömungen rund um den Globus Auftrieb gegeben. In den USA äusserte sich das auf der rechten Seite mit dem Aufkommen der Tea Party und auf der linken mit Occupy Wallstreet. Aus diesen Bewegungen sind in den Wahlen die Anhänger von Donald Trump und Bernie Sanders gekommen.

Warum wurden diese Entwicklungen so krass unterschätzt?
Wir haben die Banken zwar gerettet. Dafür bezahlen könnten wir nun aber mit der Stabilität des politischen Systems. Trump trat nicht nur gegen Hillary Clinton an, sondern auch gegen das Establishment der Republikanischen Partei und gegen die Medien. Von den Hunderten von Zeitungen in den USA haben sich nur zwei für seine Wahl ausgesprochen. Dass er dennoch entgegen allen Erwartungen gewonnen hat, zeigt, dass sich die Leute nicht mehr um die Meinung der Eliten kümmern. Das ist auch der Grund dafür, weshalb die Umfragen zu Trump, zum Brexit und zu diversen anderen Abstimmungen dermassen falschlagen.

Wie sollen Investoren mit diesem politischen Risiko umgehen?
Die Finanzmärkte haben über die letzten dreissig Jahre grosse Kursgewinne verzeichnet. Massgeblich mitverantwortlich dafür war der Trend zur Globalisierung und zur Öffnung des freien Personenverkehrs. Die Wahl von Trump und der Brexit sind deutliche Warnsignale, dass dieses Fundament der Hausse gefährdet ist. Bis das Bild der weiteren Entwicklung in Washington klarer wird, sollten Investoren deshalb Risiken meiden und sich defensiv verhalten. Die Renditen auf US-Staatsanleihen haben den Zenit vorerst wohl erreicht und dürften wieder sinken.