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Die Megastädte müssen sich dringend wandeln

London, New York und andere Metropolen könnten untergehen wie einst Venedig. Der Ausbruch von Corona hat bestehende Probleme verschärft. Ein Kommentar von Harold James.

Harold James
«Wer Boccaccios Geschichten über selbstgefällige junge Florentiner Aristokraten liest, die in die Hügel von Fiesole fliehen, erkennt durchaus Parallelen zur heutigen Situation.»

Hat Corona der Megastadt den Garaus gemacht? Zweifellos verändert die Pandemie die Globalisierung. Sie macht aus den Knotenpunkten der Weltwirtschaft von vor 2020 Epizentren der Ansteckung, und sie wirft Fragen über ihre Zukunft auf. Aber die Krise hat auch einfach nur die bestehenden Schwächen der Megastädte sichtbar gemacht und bereits eingeleitete Prozesse beschleunigt.

Zu Beginn dieses Jahrhunderts wurden Städte wie London, New York und Hongkong zu zentralen Schnittpunkten des weltweiten Flusses von Geld, Menschen und Ideen. Aber sie waren nicht nur Finanzzentren, sondern auch Kulturmetropolen, Bienenstöcke der Kreativität, die vom Reichtum und vom Mäzenatentum der Bankiers abhingen. Unternehmer und Innovatoren strömten herbei, in der Hoffnung, sich selbst und die Welt neu zu gestalten.

Aber Megastädte brauchen auch eine Vielzahl anderer Arbeitskräfte mit unterschiedlichen Qualifikationen. Daher kamen auch Einwanderer in Scharen, die das Glück oder einfach nur neue Chancen für ihre Kinder suchten. Viele träumten davon, zur kreativen Elite zu gehören. Mit der Zeit wurden blühende Weltstädte zu Schmelztiegeln.

Ressentiment Stadt-Land

Dies führte unweigerlich zu neuen Spannungen mit dem jeweiligen Hinterland. Die Menschen in Vorstädten oder ländlichen Gebieten sahen das städtische Leben als unerreichbar oder unerwünscht an. Die Mobilisierung breiter Bevölkerungsschichten für den Brexit beruhte teilweise auf dem Ressentiment solcher Wahlkreise gegenüber einem zunehmend multikulturellen, wohlhabenden London, dessen Erfolg, so vermutete man, auf ihre Kosten ging. Selbst gut ausgebildete Menschen aus der oberen Mittelschicht beklagten sich, dass sie sich das Leben in London nicht mehr leisten konnten.

Genauso sehen sich die Anhänger von US-Präsident Donald Trump im Süden, im Südwesten und im Mittleren Westen der USA als Gegenpol zu Städten wie San Francisco und New York City. «Make America Great Again» bedeutet, die Küsteneliten zu stürzen. Der Zusammenprall der Kulturen zwischen Hongkong und dem chinesischen Festland seit 1997 aufgrund der «Ein Land, zwei Systeme»-Doktrin ist mehr als offensichtlich.

Die exorbitanten Immobilienpreise in den Megastädten haben das soziale Miteinander vergiftet. Qualitativ hochwertiger Wohnraum ist nur für die globale Elite bezahlbar, während alle anderen Bewohner in beengten Verhältnissen oder ausserhalb des Stadtkerns leben. Arbeitnehmer mit temporärer oder Saisonanstellung leben oft nicht in Wohnungen, die diesen Namen verdienen, und eine wachsende Epidemie der Obdachlosigkeit begann lange vor der Pandemie. Viele Menschen sind auf – unzureichende und unzuverlässige – öffentliche Verkehrsmittel angewiesen, um lange Strecken zu pendeln. Studenten und Schüler haben keine angemessenen Unterkünfte.

Scharfe Klassenunterschiede

Mit Corona kam die Angst vor einer Ansteckung und einem Massenexodus der Reichen. In den Stadtbezirken mit hohem Einkommen brach die lokale Wirtschaft zusammen. Die Pandemie brachte eine neue Art sozialer Polarisierung mit sich, da die Beschäftigten im Gesundheitswesen, im öffentlichen Verkehr und im Detailhandel gezwungen waren, sich entweder dem Risiko einer Ansteckung auszusetzen oder ihre Einkünfte zu opfern.

Im Gegensatz dazu gingen Wissensarbeiter einfach ins Heimbüro und bestellten ihre Waren des täglichen Bedarfs online. Das Einzige, was ihnen fehlte, war die Möglichkeit, sich physisch unter die Leute zu mischen. Die neue Kluft zwischen Fern- und Frontarbeitern machte die scharfen Klassenunterschiede deutlich, die lange Zeit verdrängt worden waren.

In jüngster Zeit hat das Virus die Suche nach Alternativen zu den teuren Megastädten der Vor-Pandemie-Ära beflügelt. Für Wissensarbeiter macht die Technologie die Beschäftigung in abgelegenen Gebieten attraktiv und einfach, wodurch unangenehme Pendlerwege und die Kosten des Stadtlebens entfallen. Warum nicht arbeiten und leben, wo immer man will?

Venedig und das Hinterland

Natürlich ist die Abscheu vor gefährlichen, überfüllten Städten nichts Neues. Die bisher katastrophalste Pandemie, die Beulenpest im Eurasien der Mitte des 14. Jahrhunderts, löste eine ähnliche Flucht aus. Wer Giovanni Boccaccios Geschichten über selbstgefällige junge Florentiner Aristokraten liest, die in die Hügel von Fiesole fliehen («Das Dekameron»), erkennt durchaus Parallelen zur heutigen Situation. In diesem Fall löste die Seuche eine langfristige Verschiebung aus und verschärfte den Klassenkonflikt in Florenz, da sich die einfachen Arbeiter gegen die städtische Elite wandten.

Doch die auffälligste historische Parallele für den Niedergang der Megastädte ist heute Venedig. Lange vor der aktuellen Krise galt die sinkende Lagunenstadt italienischen und europäischen Politikern als Paradebeispiel dafür, was geschieht, wenn Reformen ausbleiben. Wie in Thomas Manns Novelle «Der Tod in Venedig» verewigt, befindet sich die Stadt seit langem in einer universellen Zwangslage. Nachdem sie im späten 16. Jahrhundert den Höhepunkt ihres Reichtums erreicht hatte, erlitt sie einen langen Niedergang, bedingt durch sich verlagernde Handelswege, neue Konkurrenz durch ärmere, aber dynamischere Städte und die Nähe zu Krankheiten.

Und doch könnte Venedig auch ein Vorbild für die Megastadt nach Corona sein. Wie uns moderne Wirtschaftshistoriker in Erinnerung rufen, ist die Geschichte Venedigs nicht nur eine Geschichte des industriellen und kommerziellen Zusammenbruchs im 17. Jahrhundert. Vielmehr verlagerte sich die Produktion der bekanntesten venezianischen Waren ins Hinterland – in kleinere Städte wie Treviso und Vicenza –, was die Republik Venedig dazu veranlasste, eine neue politische Beziehung zu den umliegenden Gebieten aufzubauen.

Bessere Regierungsführung zwingend nötig

Heute haben bereits bestehende politische Konflikte die allgemeine Reaktion auf die Pandemie erschwert. Es liegt in der Natur der Sache, dass Städte besonders anfällig für das Virus waren, und als es ausbrach, begannen die städtischen und die nationalen Behörden, sich gegenseitig die Schuld zu geben. Londons Bürgermeister Sadiq Khan hat regelmässig die chaotische Abriegelungsstrategie des britischen Premierministers Boris Johnson angegriffen. Der Bürgermeister von New York City steht in einem Dreierkampf mit dem Gouverneur von New York und Trump, der selbst die Krise der amerikanischen Städte benutzt hat, um die Aufmerksamkeit von seinem eigenen Missmanagement abzulenken. Im Fall von Hongkong schuf das Virus einen Vorwand für China, um seine Autorität über das Territorium mit einem weitreichenden neuen Sicherheitsgesetz durchzusetzen.

Eine Wiederbelebung einer echten Demokratie wird oft als die beste Lösung für die mit der technokratischen Globalisierung verbundenen Probleme angesehen. Aber wenn die Demokratie attraktiv sein soll, dann müssen demokratisch gewählte Regierungen nicht nur das Virus, sondern auch die tieferen Ursachen des Unbehagens – Armut, unbezahlbare Wohnungen – wirksamer bekämpfen. Ohne kompetentes Management wird die Megastädte zwangsläufig das gleiche Schicksal ereilen wie die grossen Städte der Vergangenheit. London und New York könnten auf ihre eigene Weise untergehen. Aber diesmal würde es im Hinterland keine Renaissance geben.

Copyright: Project Syndicate.

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