Märkte / Makro Dossier Spekulationsblasen 11:00 - 26.05.2015

Die Mississippi-Blase von 1720

Mit der Einführung von Papiergeld will John Law Anfang des 18. Jahrhunderts die französische Wirtschaft retten. Doch das Experiment endet im Desaster.
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zum Stichwort
Aktie
Wertpapier , das einen Anteil am Kapital einer Aktiengesellschaft verkörpert. Es sichert dem Eigentümer Mitgliedschaftsrechte (Stimm- und Wahlrecht an der Generalversammlung) und Vermögensrechte (Recht auf Anteil am Gewinn, Beteiligungsquote bei Kapitalerhöhungen oder am Liquidationsergebnis) zu.
Aktionär
Teilhaber einer AG bzw. Inhaber einer Aktie oder einer Mehrzahl von Aktien.
Anleihe
Fremdmittelaufnahme am Kapitalmarkt . Anleihen können fix oder variabel verzinst werden. Die als Wertpapier ausgestalteten und somit handelbaren Bruchteile einer Anleihe werden Obligationen oder Bonds genannt.
Edelmetalle
Gold, Silber, Platin, Palladium, Iridium, Rhodium, Osmium und Ruthenium. Die wichtigste Terminbörse für den Edelmetallhandel ist die Comex.
Geldmenge
Bestand an Bar- und Buchgeld in einer Volkswirtschaft . Die SNB orientierte sich bis 1999 zur Steuerung der Geldmenge an der bereinigten Notenbankgeldmenge.
Inflation
Preisanstieg bzw. Geldentwertung. Die Veränderung wird als Inflationsrate angegeben. Veranlasst Notenbanken oft zu einer restriktiven Geldpolitik (hohe Leitzinsen), was Aktien und Obligationen belastet. Gegenteil: Disinflation , Deflation .
Kurs
Börsen- oder Marktpreis von Wertpapieren , Devisen , Münzen oder Waren. Der Kurs schwankt je nach Angebot und Nachfrage.
Liquidität
1. Fähigkeit eines Unternehmens zur fristgerechten Erfüllung der Zahlungsverpflichtungen. Als Liquiditätskennzahlen gebräuchlich sind die Cash Ratio, die in Prozenten ausdrückt, wie viel des kurzfristigen Fremdkapitals durch liquide Mittel gedeckt ist, die Quick Ratio, die zeigt, wie viel des kurzfristigen Fremdkapitals durch liquide Mittel und Forderungen gedeckt ist, und die Current Ratio. Letztere setzt alle Aktiven des Umlaufvermögens ins Verhältnis zum kurzfristigen Fremdkapital. 2. Hohe Marktgängigkeit eines Wertpapiers, die auf der Vielzahl der im Umlauf befindlichen Titel und einer engen Geld-Brief-Spanne gründet.
Notenbank
Volkswirtschaftliche Institution, die für die Versorgung der Volkswirtschaft mit Geld zuständig ist. Gleichzeitig soll sie Geldwertstabilität und je nach Statut Vollbeschäftigung sowie angemessenes Wirtschaftswachstum herstellen. In der Schweiz ist dies die SNB .
Obligation
Als Wertpapier ausgestalteter und somit handelbarer Bruchteil (Stückelung ) einer Anleihe .
Pari
Börsenkurs oder Emissionspreis , der dem Nennwert eines Wertpapiers entspricht. Ist ein Kurs über pari (d. h. über 100%), weist er ein Aufgeld auf.
Reserven
Aus dem unverteilten, im Unternehmen zurückbehaltenen Gewinn gebildete eigene Mittel. Die Reserven erfüllen einerseits eine wichtige Sicherheitsfunktion, drücken aber anderseits auf die Eigenkapitalrendite .
Spekulation
Tätigkeit, die darauf ausgerichtet ist, aus einer erwarteten Marktveränderung Nutzen zu ziehen. Im engeren Sinne umfasst die Spekulation Geschäfte, bei denen hohe Gewinn- und Verlustrisiken eingegangen werden.
Staatsanleihe
Anleihe , die von einem Staat zur Deckung seines Finanzierungsbedarfs im In- oder Ausland emittiert wird. Die Renditen der Staatsanleihen dienen als Benchmark für andere Emittenten desselben Staates. Die Schweiz begibt im Unterschied zu anderen Ländern keine Anleihen der Eidgenossenschaft im Ausland.
Zentralbank
Volkswirtschaftliche Institution, die für die Versorgung der Volkswirtschaft mit Geld zuständig ist. Gleichzeitig soll sie Geldwertstabilität und je nach Statut Vollbeschäftigung sowie angemessenes Wirtschaftswachstum herstellen. In der Schweiz ist dies die SNB .

FuW-Serie Spekulationsblasen«Finanz und Wirtschaft» stellt die grössten Spekulationsblasen der Geschichte vor – in welchem Kontext sie entstanden sind, was die unmittelbaren Konsequenzen waren und welche Bedeutung ihnen heute noch zukommt.

Die letzten Folgen:
» Die Londoner Technologieblase
» Die niederländische Tulpenmanie
» Den Letzten beissen die Hunde
Eines der grössten Finanzabenteuer der Geschichte findet seinen Anfang in einem Spielsalon der Pariser Noblesse. Hier kommt es 1708 zur schicksalsträchtigen Begegnung zwischen John Law, einem schottischen Ökonomen und verurteilten Mörder, und dem Herzog von Orléans.

Der Adelige ist angetan von Laws Wirtschaftstheorien. Wenige Jahre später revolutioniert der Schotte Frankreichs Finanzsystem und steigt zu einem der mächtigsten Männer des Landes auf: Er wird Zentralbankchef, Finanzminister und Premierminister in Personalunion. Das kostet ihn beinahe den Kopf.

1. Papiergeld statt Gold

Laws Aufstieg beginnt mit dem Tod von Louis XIV. Als der Sonnenkönig am 1. September 1715 stirbt, ist Frankreich bankrott. Der Spanische Erbfolgekrieg hat das Land finanziell ausgeblutet. Der extravagante Lebensstil des Monarchen hat die Staatsfinanzen zusätzlich belastet. Thronfolger ist Louis XV, der zu diesem Zeitpunkt erst fünf Jahre alt ist. Herzog Philipp II. von Orléans übernimmt die Regentschaft für den minderjährigen König. In der finanziellen Not erinnert er sich an John Law und bittet ihn um Hilfe.

Law identifiziert zwei Ursachen für die wirtschaftliche Misere: eine monetäre Krise und eine Schuldenkrise. Die Geldmenge wird damals durch die verfügbaren Gold- und Silbermünzen bestimmt. Wegen des Krieges ist ein Grossteil des Edelmetalls abgeflossen. Das würgt nun den Handel ab. Law glaubt, dass die Einführung von Papiergeld dieses Problem lösen kann. Zudem will er den Staat von der Schuldenlast befreien.

Am 2. Mai 1716 gründet Law die Banque Générale. Die private Notenbank darf Banknoten emittieren, sofern sie durch Edelmetall gedeckt sind. Das Kapital der Bank besteht zum Grossteil aus französischen Staatsanleihen, die aber kaum noch etwas wert sind. Die Bank startet erfolgreich: Die Einlagen steigen, und das Vertrauen in das Papiergeld wächst.

Der zweite Streich folgt im August 1717: Law kauft die Mississippi Company. Die Gesellschaft, die 1684 gegründet wurde, verfügt über das Handelsmonopol mit Louisiana, Frankreichs Kolonie in Nordamerika. In den Ländereien werden riesige Gold- und Silberschätze vermutet. Die Handelsgesellschaft wird ebenfalls durch Staatsanleihen finanziert: Die Gläubiger des französischen Staates können ihre Obligationen, wie zuvor bei der Banque Générale, in Aktien der Mississippi Company tauschen.

Person der Stunde: John Law (1671 - 1729)John Law wird 1671 in Edinburgh als Sohn eines wohlhabenden Goldschmieds geboren. Mit zwanzig zieht er nach London, wo er sich seinen Lebensunterhalt als Glücksspieler verdient. In einem Duell – Law hat eine Reputation als Frauenheld – erschiesst er seinen Gegner. Für den Mord wird er zum Tod verurteilt. Dem Schotten gelingt die Flucht. In den kommenden Jahren reist er durch Europa und knüpft Kontakte.

In Amsterdam, der damaligen Finanzmetropole, studiert er das Finanzsystem. Inspiriert von seinen Eindrücken publiziert er 1705 «Money and Trade Considered, with a Proposal for Supplying the Nation with Money». In diesem Buch propagiert er den Einsatz von Papiergeld, um den Handel zu befeuern. In Edinburgh und Turin will er eine Notenbank nach Vorbild der Bank of Amsterdam gründen, doch seine Ideen stossen auf taube Ohren. Erst in Frankreich erhält er schliesslich die Chance, seine Theorien zu testen.

John Law stirbt 1729 an einer Lungenentzündung. Die letzten Lebensjahre verbringt er als mittelloser Glücksspieler in Venedig.
Bild: Casimir Balthazar

2. Konzentration der Macht

Law baut das Handelsunternehmen zu einem Imperium aus. Er übernimmt drei weitere Gesellschaften, die über exklusive Handelsrechte mit Indien, China und Afrika verfügen. Die Regierung überträgt ihm zudem das Tabakmonopol. Im Dezember 1718 wird die Banque Générale verstaatlicht und in Banque Royale umbenannt. Die Führung obliegt weiterhin John Law. Im Juli 1719 kauft die Mississippi Company, die offiziell inzwischen Compagnie des Indes heisst, die staatliche Münzanstalt und erwirbt damit das Monopol zur Münzprägung. Zudem überträgt ihr der Regent die Rechte zur Einziehung der Steuern.

Die Aussicht auf die Gewinne des Unternehmens beflügelt die Fantasie der Anleger. Die Aktien klettern  im Sommer 1719 auf 1800 Livres und notieren damit fast viermal höher als zwei Jahre zuvor.

Im August landet Law seinen grössten  Coup: Die Compagnie des Indes übernimmt die gesamten Schulden des französischen Staates. Die Gläubiger können für ihre Anleihen Aktien der Handelsgesellschaft beziehen. Angesichts des rasanten Kursanstiegs scheint der Umtausch der wertlosen Staatspapiere attraktiv. Die Konditionen sind zudem verlockend: Die Aktionäre müssen lediglich einen Bruchteil zahlen, um die Titel zu kaufen. Der restliche Betrag kann in Raten beglichen werden. Auch die Banque Royale stützt die Aktienplatzierung: Sie akzeptiert Mississippi-Aktien als Sicherheiten für Darlehen und befeuert damit die Spekulation.

3. Stunde der Millionäre

Im Herbst 1719 fegt eine Welle der Euphorie über Paris. Ihr Zentrum ist die Rue de Quincampoix, wo die Compagnie des Indes ihre Aktien verkauft. Bis spät in die Nacht drängen sich Menschenmassen in der engen Gasse. Sie verkaufen Ländereien und verpfänden ihren Schmuck, um Mississippi-Aktien zu kaufen. Spekulanten strömen aus den französischen Provinzen und dem Ausland nach Paris. Die Ratenzahlungen ermöglichen es jedem, beim grossen Glücksspiel mitzumachen. Zu jener Zeit taucht erstmals der Begriff «Millionär» auf.

Bis Dezember klettert der Kurs auf mehr als 10’000 Livres je Aktie. Die Papiere sind zwanzigmal mehr wert als im Frühling. Trotz des massiven Anstiegs glauben die Investoren weiter an den Aufwärtstrend. Es entwickelt sich ein Terminmarkt für Mississippi-Aktien. Im Dezember kosten Titel mit Lieferung im März zwischen 12’000 und 14’000 Livres.

4. Das System kollabiert

Laws Karriere erreicht ihren Höhepunkt. Im Dezember 1719 wird er zum Finanzminister ernannt. Im Januar übernimmt er das Amt des Premierministers. Law kontrolliert nun die Münzproduktion, ist Chef der Notenbank und führt die einflussreichste Handelsgesellschaft – die Macht des Schotten scheint allumfassend.

Doch sein System zeigt erste Risse. Im Dezember zirkulieren Noten im Wert von 1000 Mio. Livres, damit hat sich das Volumen seit dem Sommer mehr als verdoppelt. Die Einkünfte der Mississippi Company bleiben dagegen überschaubar. Die Suche nach Gold und Silber in Louisiana verläuft ergebnislos. Unbemerkt von der Masse verkaufen erste Aktionäre ihre Aktien und wollen die Noten in Münzen tauschen.

Die Edelmetallreserven der Banque Royale sinken. Law erkennt die Gefahr. Im Dezember folgt ein erster Erlass der Regierung, der den Besitz von Münzen erschwert. Anfang 1720 verkaufen zwei  Grossaktionäre ihre Titel. Weitere Anleger folgen ihrem Beispiel – die Abwärtsspirale beginnt. Erfolglos versucht die Regierung, die Nachfrage nach Edelmetallen durch weitere Verbote einzudämmen.

Am 21. März 1720 fasst Law einen folgenschweren Entschluss: Der Kurs der Mississippi-Aktie wird bei 9000 Livres fixiert. Die Banque Royale, die Anfang des Jahres in die Compagnie des Indes integriert wurde, garantiert die Konversion in Banknoten. Damit verliert Law die Kontrolle über die Notenproduktion endgültig. Bis Sommer 1720 klettert das Volumen der Banknoten im Umlauf auf knapp 2 Bio. Livres. Der Edelmetallbestand beläuft sich auf lediglich die Hälfte. Die Inflation schiesst nach oben.

5. Verbrennung von Noten

Das Vertrauen in das Papiergeld erodiert. Law zieht die Notbremse: Am 22. Mai erklärt er, der Aktienwert werde bis Ende des Jahres sukzessive bis auf 5000 Livres gesenkt. Gleichzeitig will er den Wert der Banknoten halbieren. Damit soll dem Finanzsystem die exzessive Liquidität entzogen werden. Die Ankündigung löst Panik aus: Die Bürger wollen ihr Papiergeld in Edelmetall tauschen. Angesichts der knappen Reserven können diese Forderungen nicht erfüllt werden. Die Banque Royale stellt die Auszahlungen ein.

Das Land versinkt im Chaos. Ein Massenauflauf vor der Banque Royale fordert Todesopfer. Der Volkszorn ist riesig, und Law fürchtet um sein Leben. In einem letzten Versuch, sein System zu retten, ordnet er die Verbrennung von Banknoten an. Doch der Aktienkurs kennt kein Halten. Im Dezember fällt er auf 1000 Livres. Law flüchtet schliesslich aus Frankreich.

Nach dem Platzen der Mississippi-Blase kehrt Frankreich zurück zum Münzsystem. Es folgt eine lang anhaltende Depression. Das Misstrauen gegenüber Banken und Papiergeld bleibt in Frankreich lange tief verwurzelt. Die Compagnie des Indes existiert – in bescheidenerem Umfang – noch bis 1769.

Die Anatomie der SpekulationsblaseDas fünfstufige Modell der Ökonomen Hyman Minsky und Charles Kindleberger beschreibt den idealtypischen Verlauf von Spekulationsblasen.
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