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Mit der Einführung von Papiergeld will John Law Anfang des 18. Jahrhunderts die französische Wirtschaft retten. Doch das Experiment endet im Desaster.

Eines der grössten Finanzabenteuer der Geschichte findet seinen Anfang in einem Spielsalon der Pariser Noblesse. Hier kommt es 1708 zur schicksalsträchtigen Begegnung zwischen John Law, einem schottischen Ökonomen und verurteilten Mörder, und dem Herzog von Orléans.

Der Adelige ist angetan von Laws Wirtschaftstheorien. Wenige Jahre später revolutioniert der Schotte Frankreichs Finanzsystem und steigt zu einem der mächtigsten Männer des Landes auf: Er wird Zentralbankchef, Finanzminister und Premierminister in Personalunion. Das kostet ihn beinahe den Kopf.

1. Papiergeld statt Gold

Laws Aufstieg beginnt mit dem Tod von Louis XIV. Als der Sonnenkönig am 1. September 1715 stirbt, ist Frankreich bankrott. Der Spanische Erbfolgekrieg hat das Land finanziell ausgeblutet. Der extravagante Lebensstil des Monarchen hat die Staatsfinanzen zusätzlich belastet. Thronfolger ist Louis XV, der zu diesem Zeitpunkt erst fünf Jahre alt ist. Herzog Philipp II. von Orléans übernimmt die Regentschaft für den minderjährigen König. In der finanziellen Not erinnert er sich an John Law und bittet ihn um Hilfe.

Law identifiziert zwei Ursachen für die wirtschaftliche Misere: eine monetäre Krise und eine Schuldenkrise. Die Geldmenge wird damals durch die verfügbaren Gold- und Silbermünzen bestimmt. Wegen des Krieges ist ein Grossteil des Edelmetalls abgeflossen. Das würgt nun den Handel ab. Law glaubt, dass die Einführung von Papiergeld dieses Problem lösen kann. Zudem will er den Staat von der Schuldenlast befreien.

Am 2. Mai 1716 gründet Law die Banque Générale. Die private Notenbank darf Banknoten emittieren, sofern sie durch Edelmetall gedeckt sind. Das Kapital der Bank besteht zum Grossteil aus französischen Staatsanleihen, die aber kaum noch etwas wert sind. Die Bank startet erfolgreich: Die Einlagen steigen, und das Vertrauen in das Papiergeld wächst.

Der zweite Streich folgt im August 1717: Law kauft die Mississippi Company. Die Gesellschaft, die 1684 gegründet wurde, verfügt über das Handelsmonopol mit Louisiana, Frankreichs Kolonie in Nordamerika. In den Ländereien werden riesige Gold- und Silberschätze vermutet. Die Handelsgesellschaft wird ebenfalls durch Staatsanleihen finanziert: Die Gläubiger des französischen Staates können ihre Obligationen, wie zuvor bei der Banque Générale, in Aktien der Mississippi Company tauschen.

2. Konzentration der Macht

Law baut das Handelsunternehmen zu einem Imperium aus. Er übernimmt drei weitere Gesellschaften, die über exklusive Handelsrechte mit Indien, China und Afrika verfügen. Die Regierung überträgt ihm zudem das Tabakmonopol. Im Dezember 1718 wird die Banque Générale verstaatlicht und in Banque Royale umbenannt. Die Führung obliegt weiterhin John Law. Im Juli 1719 kauft die Mississippi Company, die offiziell inzwischen Compagnie des Indes heisst, die staatliche Münzanstalt und erwirbt damit das Monopol zur Münzprägung. Zudem überträgt ihr der Regent die Rechte zur Einziehung der Steuern.

Die Aussicht auf die Gewinne des Unternehmens beflügelt die Fantasie der Anleger. Die Aktien klettern  im Sommer 1719 auf 1800 Livres und notieren damit fast viermal höher als zwei Jahre zuvor.

Im August landet Law seinen grössten  Coup: Die Compagnie des Indes übernimmt die gesamten Schulden des französischen Staates. Die Gläubiger können für ihre Anleihen Aktien der Handelsgesellschaft beziehen. Angesichts des rasanten Kursanstiegs scheint der Umtausch der wertlosen Staatspapiere attraktiv. Die Konditionen sind zudem verlockend: Die Aktionäre müssen lediglich einen Bruchteil zahlen, um die Titel zu kaufen. Der restliche Betrag kann in Raten beglichen werden. Auch die Banque Royale stützt die Aktienplatzierung: Sie akzeptiert Mississippi-Aktien als Sicherheiten für Darlehen und befeuert damit die Spekulation.

3. Stunde der Millionäre

Im Herbst 1719 fegt eine Welle der Euphorie über Paris. Ihr Zentrum ist die Rue de Quincampoix, wo die Compagnie des Indes ihre Aktien verkauft. Bis spät in die Nacht drängen sich Menschenmassen in der engen Gasse. Sie verkaufen Ländereien und verpfänden ihren Schmuck, um Mississippi-Aktien zu kaufen. Spekulanten strömen aus den französischen Provinzen und dem Ausland nach Paris. Die Ratenzahlungen ermöglichen es jedem, beim grossen Glücksspiel mitzumachen. Zu jener Zeit taucht erstmals der Begriff «Millionär» auf.

Bis Dezember klettert der Kurs auf mehr als 10’000 Livres je Aktie. Die Papiere sind zwanzigmal mehr wert als im Frühling. Trotz des massiven Anstiegs glauben die Investoren weiter an den Aufwärtstrend. Es entwickelt sich ein Terminmarkt für Mississippi-Aktien. Im Dezember kosten Titel mit Lieferung im März zwischen 12’000 und 14’000 Livres.

4. Das System kollabiert

Laws Karriere erreicht ihren Höhepunkt. Im Dezember 1719 wird er zum Finanzminister ernannt. Im Januar übernimmt er das Amt des Premierministers. Law kontrolliert nun die Münzproduktion, ist Chef der Notenbank und führt die einflussreichste Handelsgesellschaft – die Macht des Schotten scheint allumfassend.

Doch sein System zeigt erste Risse. Im Dezember zirkulieren Noten im Wert von 1000 Mio. Livres, damit hat sich das Volumen seit dem Sommer mehr als verdoppelt. Die Einkünfte der Mississippi Company bleiben dagegen überschaubar. Die Suche nach Gold und Silber in Louisiana verläuft ergebnislos. Unbemerkt von der Masse verkaufen erste Aktionäre ihre Aktien und wollen die Noten in Münzen tauschen.

Die Edelmetallreserven der Banque Royale sinken. Law erkennt die Gefahr. Im Dezember folgt ein erster Erlass der Regierung, der den Besitz von Münzen erschwert. Anfang 1720 verkaufen zwei  Grossaktionäre ihre Titel. Weitere Anleger folgen ihrem Beispiel – die Abwärtsspirale beginnt. Erfolglos versucht die Regierung, die Nachfrage nach Edelmetallen durch weitere Verbote einzudämmen.

Am 21. März 1720 fasst Law einen folgenschweren Entschluss: Der Kurs der Mississippi-Aktie wird bei 9000 Livres fixiert. Die Banque Royale, die Anfang des Jahres in die Compagnie des Indes integriert wurde, garantiert die Konversion in Banknoten. Damit verliert Law die Kontrolle über die Notenproduktion endgültig. Bis Sommer 1720 klettert das Volumen der Banknoten im Umlauf auf knapp 2 Bio. Livres. Der Edelmetallbestand beläuft sich auf lediglich die Hälfte. Die Inflation schiesst nach oben.

5. Verbrennung von Noten

Das Vertrauen in das Papiergeld erodiert. Law zieht die Notbremse: Am 22. Mai erklärt er, der Aktienwert werde bis Ende des Jahres sukzessive bis auf 5000 Livres gesenkt. Gleichzeitig will er den Wert der Banknoten halbieren. Damit soll dem Finanzsystem die exzessive Liquidität entzogen werden. Die Ankündigung löst Panik aus: Die Bürger wollen ihr Papiergeld in Edelmetall tauschen. Angesichts der knappen Reserven können diese Forderungen nicht erfüllt werden. Die Banque Royale stellt die Auszahlungen ein.

Das Land versinkt im Chaos. Ein Massenauflauf vor der Banque Royale fordert Todesopfer. Der Volkszorn ist riesig, und Law fürchtet um sein Leben. In einem letzten Versuch, sein System zu retten, ordnet er die Verbrennung von Banknoten an. Doch der Aktienkurs kennt kein Halten. Im Dezember fällt er auf 1000 Livres. Law flüchtet schliesslich aus Frankreich.

Nach dem Platzen der Mississippi-Blase kehrt Frankreich zurück zum Münzsystem. Es folgt eine lang anhaltende Depression. Das Misstrauen gegenüber Banken und Papiergeld bleibt in Frankreich lange tief verwurzelt. Die Compagnie des Indes existiert – in bescheidenerem Umfang – noch bis 1769.