Meinungen English Version English Version »

Die monetaristische Ära ist vorbei

Politiker besonders in Europa verweigern sich der Erkenntnis, dass die monetaristische Ära vorbei und eine keynesianische Steuerung der Nachfrage die einzige Alternative ist. Ein Kommentar von A. Kaletsky.

Anatole Kaletsky, London
«Die Notenbanker waren die Ersten, die erkannt haben, dass die Geldpolitik an ihre Grenzen gestossen ist.»

Bei den Jahrestreffen des Internationalen Währungsfonds und der Weltbank im Oktober in Washington, D.C. herrschte eine düstere Stimmung. Doch die wahre Ursache dafür war nicht die Furcht vor einer weltweiten Rezession. Auch wenn die jüngste Aktualisierung des World Economic Outlook des IWF zeigt, dass sich die Wirtschaftsaktivität in diesem Jahr auf ihr schwächstes Niveau seit 2009 verlangsamt hat, liegt die prognostizierte globale Wachstumsrate von 3% noch immer deutlich über dem Niveau früherer Rezessionen und würde der annehmbaren Wirtschaftslage in den meisten Teilen der Welt entsprechen – kein schlechtes Ergebnis im elften Jahr nachhaltiger globaler Expansion. Für nächstes Jahr sagt der IWF eine Wachstumszunahme auf 3,4% vorher, was dem Schätzwert von 3,6% für den langfristigen Trend sehr nahe kommt.

Man könnte argumentieren, dass die IWF-Prognose einer Konjunkturerholung im kommenden Jahr nur bedingt glaubwürdig ist, und zwar schlicht deshalb, weil alle Wirtschaftsmodelle so konzipiert sind, dass sie sich tendenziell den langfristigen Durchschnittstrends annähern. Doch die Zahlen für 2019 sind anders geartet und deutlich glaubwürdiger. Um diese Jahreszeit spiegeln die «Projektionen» für 2019 überwiegend bereits erhobene Daten. Die Zahlen sind daher weitgehend Ausdruck der Faktenlage, z.B. des Handelskriegs zwischen den USA und China, des Einbruchs in der deutschen Autoindustrie und der Ängste vor einem harten Brexit.

Die Projektionen für 2019 bestätigen das relativ freundliche Bild der Weltwirtschaft. Trotz ihres Handelskriegs haben weder die USA noch China einen echten Abschwung erlebt. Auch die Wirtschaftsentwicklung Japans ist unverändert, und im übrigen Asien hat sich die Konjunktur nur marginal abgeschwächt. Die hauptsächliche Problemzone innerhalb der Weltwirtschaft war in diesem Jahr Europa: Die Wachstumsprognose für die Eurozone wurde um mehr als ein Drittel nach unten korrigiert, von 1,9 auf 1,2%, und die für Deutschland von 1,9% auf fast schon rezessionäre 0,5%.

Von Friedman zurück zu Keynes

Die schlechte Nachricht ist, dass die noch immer vorherrschenden relativ freundlichen Bedingungen in der Weltwirtschaft sich irgendwann wirklich verschlechtern werden, selbst wenn es 2020 oder sogar 2021 noch nicht so weit sein sollte. An diesem Punkt dann werden die Notenbanker eingestehen müssen, dass sie nicht mehr in der Lage sind, die Konjunkturzyklen zu steuern und wirtschaftliche Abschwünge abzumildern. Die weniger schlechte Nachricht ist, dass den meisten dieser Entscheidungsträger inzwischen bewusst ist, dass es noch andere, wirksamere Instrumente gibt und dass lediglich eine nicht mehr zeitgemässe politische Ideologie und wirtschaftliches Dogma ihren Einsatz verhindern.

Vierzig Jahre nach der Wahl Margaret Thatchers 1979, die den Aufstieg verschiedener Formen des Monetarismus bestätigte, schwingt das intellektuelle Pendel zurück in Richtung der keynesianischen Idee, dass die Fiskalpolitik – Entscheidungen über Staatsausgaben, Besteuerung und Kreditaufnahme – das wirksamste Instrument zur Steuerung der Nachfrage und zur Stabilisierung von Konjunkturzyklen darstellt. Die Notenbanker waren die Ersten, die erkannt haben, dass die Geldpolitik an ihre Grenzen gestossen ist, während viele Politiker und Wirtschaftswissenschaftler den derzeit ablaufenden Paradigmenwechsel weiterhin leugnen.

Milton Friedmans berühmtes Diktum «Inflation ist immer und überall ein monetäres Phänomen» wurde schon vor langer Zeit durch empirische Studien widerlegt. Die deutlich radikalere Herausforderung jedoch geht von der Vorstellung aus, dass zwischen Geldmengenwachstum und Inflation womöglich gar keine Beziehung besteht. Dies ist noch immer ein intellektuelles Tabu, obwohl Notenbanken überall auf der Welt neues Geld in früher unvorstellbaren Mengen gedruckt haben, ohne dass das irgendwelche Auswirkungen auf die Inflation gehabt hätte.

Wie wirksam ist Fiskalpolitik?

Noch hartnäckiger hält sich der wichtigste negative Einwurf des Monetarismus: dass sich das Wirtschaftswachstum durch die Fiskalpolitik nicht ankurbeln lasse, weil höhere Staatsausgaben private Investitionen verdrängen würden und eine erhöhte Kreditaufnahme der öffentlichen Hand auf höhere Steuern hinauslaufe. Die verschiedenen Theorien, wonach die Fiskalpolitik «unwirksam» sei, weil die staatliche Kreditaufnahme Zinsen, Inflationserwartungen oder die künftigen Steuern in die Höhe treibe, haben sich allesamt als falsch erwiesen.

In den vergangenen zehn bis fünfzehn Jahren haben sich die Kreditaufnahme der öffentlichen Hand und die Staatsverschuldung in allen hoch entwickelten Volkswirtschaften enorm erhöht. Doch statt in Inflationspanik zu verfallen oder diese angebliche Verschwendungssucht durch Einforderung höherer Risikoaufschläge zu bestrafen, leihen Anleger den Regierungen Geld zu historisch niedrigen Zinsen. In vielen Ländern akzeptieren sie sogar garantierte Verluste aufgrund negativer Zinsen. Doch besonders in Europa hält sich weiterhin die Vorstellung, dass eine fiskalische Expansion unverantwortlich oder unwirksam sei und dass die Geldpolitik daher weiterhin das hauptsächliche Hilfsmittel der gesamtwirtschaftlichen Steuerung bleiben müsse.

Konsens verschiebt sich

Die zentrale Botschaft der diesjährigen IWF-Jahrestagung ist, dass diese antikeynesianische Voreingenommenheit bei den Notenbankern inzwischen völlig verschwunden ist. Im Kern des Grundsatzreferats von Kristalina Georgiewa, der neuen geschäftsführenden Direktorin des IWF, stand der Appell, der Fiskalpolitik eine «zentralere Rolle» einzuräumen. Auch die Diskussionen im Hintergrund drehten sich fast alle um dieses Thema. Selbst in Europa verlagert sich der Konsens möglicherweise. Die neuen, für die Durchsetzung der veralteten, auf dem Höhepunkt des Monetarismus im späten 20. Jahrhundert verfassten EU-Haushaltsregeln verantwortlichen Mitglieder der EU-Kommission haben begonnen, öffentlich die Notwendigkeit einer weniger restriktiven Haushaltspolitik einzugestehen. Der ständige Leiter der für die Bewertung der nationalen Haushalte zuständigen EU-Generaldirektion hat sich für einen «ausgewogeneren Policy Mix» ausgesprochen, der «hier und jetzt» eine stärker expansive Fiskalpolitik enthalten müsse.

Kurz gesagt: Notenbanker und mit Wirtschaftsfragen befasste leitende Behördenvertreter sind inzwischen beinah durch die Bank der Ansicht, dass die Geldpolitik an ihre Grenzen gestossen ist und die Fiskalpolitik wieder als hauptsächliches Instrument zur Steuerung der Konjunkturzyklen und zur Stützung des Wirtschaftswachstums etabliert werden sollte. Viele Politiker besonders in Europa verweigern sich jedoch nach wie vor der Erkenntnis, dass die monetaristische Ära vorbei und eine keynesianische Steuerung der Nachfrage die einzige Alternative ist. Wir wollen hoffen, dass sich das noch vor Ankunft der nächsten Rezession ändert.

Copyright: Project Syndicate.