Märkte / Devisen

Nationalbank muss die Kapitalflucht kontern

Die Währungsreserven der SNB sind im Juli um 41 Mrd. auf 406 Mrd. Fr. gestiegen, weil sie die Frankenuntergrenze verteidigen musste. Die Frage ist, ob die SNB durchalten kann.

Seit Mitte Mai hat die Schweizerische Nationalbank (SNB (SNBN 5680 0%)) in grossem Stil Franken verkauft, um eine Aufwertung zu verhindern und den Mindestkurs von 1.20 Fr./€ zu verteidigen. Im Gegenzug hat sie grosse Beträge an Fremdwährungen gekauft: im Mai im Gegenwert von 38 Mrd. Fr., im Juni für 59 Mrd. Fr. Dazu kamen im Juli 41 Mrd. Fr., wie die SNB am Dienstagvormittag mitteilte. Wegen dieser Interventionen haben die Fremdwährungsreserven in zweieinhalb Monaten um 71% zugenommen.

Die massiven Eingriffe der SNB sind notwendig, weil die Nachfrage nach dem Franken als sicherem Hafen steigt. Hauptgrund dafür ist die Kapitalflucht aus dem Euro. Spekulative Angriffe spielen kaum eine Rolle, denn der Mindestkurs der Nationalbank ist glaubwürdig. Marktbeobachter hoffen, dass der Druck nun etwas abnimmt, weil die Europäische Zentralbank (EZB) in Erwägung zieht, Staatsanleihen der Peripherieländer zu kaufen, um deren Kursrückgang zu stoppen respektive den Anstieg der Renditen zu bremsen und damit die prekäre Lage zu entspannen.

Notenbankbilanz und BIP

Falls sich diese Hoffnung nicht erfüllt, wird die Nationalbank weiter intervenieren. Sie könne unbeschränkt Devisen kaufen,

denn es gebe keine Limite und keine ökonomische Relation, die in irgendeiner Weise zu beachten sei, erklärte SNB-Präsident Thomas Jordan im Juni. Das trifft aus technischer Sicht sicherlich zu. Allerdings findet das Verhältnis der Fremdwährungsreserven zum Bruttoinlandprodukt (BIP) weitherum Beachtung: Es stieg von 40% im April auf 69% im Juli. Damit steigt auch die Gefahr von grossen Verlusten in der Bilanz der SNB.

Der Umfang der Notenbankbilanz im Verhältnis zum BIP sei in der Schweiz traditionell grösser gewesen als in den USA und in Deutschland, erklärt Nannette Hechler-Fayd’herbe, Leiterin globale Finanzmarktanalyse von Credit Suisse (CSGN 11.975 -0.66%) (CS). In der Vergangenheit habe die SNB-Bilanz 20 bis 30% des BIP entsprochen, gegenüber 10% in den USA und in Deutschland. Seit Ausbruch der Finanzkrise seien die Bilanzen in den USA und in Europa auf 20 bis 35% des BIP gewachsen – das ist ein Drittel bis die Hälfte der Schweiz. Allerdings liege der Wert in Singapur, Hongkong und Taiwan bei 80 bis 120%.

Hechler-Fayd’herbe folgert: «Trotz des hohen Niveaus besteht sowohl bei der Bilanz als auch beim Verhältnis der Devisenreserven zum BIP noch immer Spielraum nach oben.» Solange Europa die Schuldenkrise nicht unter Kontrolle bekommt, müssen wir uns darauf einstellen, dass der Fremdwährungsbestand der Nationalbank auch künftig markant anwächst.

Die Devisenanlagen sind grossteils in Euro denominiert, der Anteil stieg von 51% Ende März auf 60% Ende Juni. Das zeigt der vergangene Woche präsentierte Halbjahresabschluss, der einen Konzerngewinn von 6,5 Mrd. Fr. auswies. Die Währungshüter haben also vor allem Euro gekauft und sie dann nicht gegen andere Währungen getauscht. Entsprechend sank der Anteil an Dollar von 28 auf 22%. Die Quoten von Pfund, Yen und kanadischem Dollar haben sich leicht verringert.

Das Zinsrisiko verringern

Den Anteil an Euro wird die Nationalbank wohl reduzieren und erneut rund 50% anpeilen, um ihre Anlagen breiter zu diversifizieren. Devisenhändler debattieren, wie gross der Einfluss solcher Umschichtungen auf die Wechselkurse sein könnte.

Investiert sind die Devisenreserven zu 10% in Aktien und zu 90% in Anleihen, davon 86% mit Triple-A. Die Ökonomen der CS weisen darauf hin, dass die SNB die Restlaufzeit (Duration) der Zinspapiere deutlich von 4 auf 2,8 Jahre verkürzt hat; sie halte wohl vermehrt liquide Mittel bei der EZB statt Staatsanleihen. Dadurch reduziert sie das Risiko, falls die Zinsen steigen und damit die Anleihenkurse fallen.

 

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