Meinungen

Die Nerven liegen blank

Warum zwei harmlose Referate über eine Wende in der Geldpolitik diese Woche die Märkte und die Zentralbanken erschütterten. Ein Kommentar von FuW-Redaktor Andreas Neinhaus.

«Notenbanken stehen vor der Herkulesaufgabe, in den nächsten Jahren die völlig verzerrte Geldpolitik zu normalisieren.»

Prominente Notenbanker trafen sich diese Woche in Sintra, um über geldpolitische Fragen zu diskutieren. Zwei von ihnen, die Chefs der EZB und der Bank of England, referierten über die schwierige Exit-Strategie aus der äusserst expansiven Geldpolitik und lösten an den Finanzmärkten ein mittleres Beben aus. Die Zinsen stiegen, Aktien- und Anleihenkurse fielen. Tags darauf informierte die EZB, dass die Märkte alles missverstanden hätten. Man werde sehr behutsam vorgehen.

Die EZB brach damit ein Tabu, wonach sie nie Marktreaktionen kommentiere. Aber die Nerven liegen blank. Nicht nur bei vielen Anlegern, die von lächerlich niedrigen Zinsen und Volatilitäten verwöhnt sind und nicht wissen, was auf sie zukommen wird, sondern vor allem unter den Notenbankern. Sie stehen vor der Herkulesaufgabe, in den nächsten Jahren die völlig verzerrte Geldpolitik zu normalisieren. Die Weichen dafür stellen sie  gerade.

Dieser Einstieg in den langfristigen Ausstieg wird nicht ohne Friktionen ablaufen. Denn Zentralbanken agieren nicht mehr wie früher nur als Schiedsrichter, die die Zinssignale ändern. Diesmal sind sie selbst Grossinvestoren, häufig mit einer dominierenden Position z. B. am Staatsanleihenmarkt. Welche Reaktion ihr Rückzug auslöst, wie die entstandene Nachfragelücke gefüllt wird und welche übrigen Märkte indirekt betroffen sind, lässt nicht im Voraus simulieren. Das wird sich erst in der Praxis zeigen.

Die Sorge der Akteure dieses Rückzugs ist daher verständlich. Sie führt dazu, dass Notenbanker manchmal überempfindlich reagieren, wie diese Woche geschehen. Aber sie werden alles daran setzen, die Kollateralschäden des Ausstiegs zu begrenzen, denn wer mit hohem Einsatz spielt, geht auch hohe Risiken ein.