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Blogs / Fintech

Die neue digitale Finanzordnung

Thomas Puschmann
Das Finanzsystem könnte mit der Entwicklung des «Value Web» revolutioniert werden. Welche Hürden jedoch auf dem Weg sind.

Die Digitalisierung verändert derzeit die bestehende Mechanik des Finanzsystems. Der Treiber hinter dieser Entwicklung ist die Evolution des sogenannten «Value Web», das zu einem fundamentalen Paradigmenwechsel unseres bisherigen Finanzsystems in den kommenden Jahrzehnten führen könnte.

Zu den bisher bekannten Akteuren wie etwa (Zentral-)Banken, die über bekannte Währungen Transaktionen über bekannte Finanzmarktinfrastrukturen vornehmen, könnten schon bald neue Akteure, neue Währungen und neue Finanzmarktinfrastrukturen kommen bzw. die alten könnten teilweise verschwinden. Stehen wir also am Beginn einer neuen digitalen Finanzordnung?

Bislang war ein Finanzsystem als ein Gefüge definiert, das Finanzströme zwischen dessen Teilnehmern ermöglicht. Bedeutende Institutionen im Finanzsystem sind beispielsweise die Zentralbanken, supranationale Banken, wie zum Beispiel die Weltbank, die Aufsichtsbehörden wie die Finma, die Geschäftsbanken mit den primären Intermediären (Banken) und den sekundären Intermediären (z.B. Kapitalanlagegesellschaften) sowie Organisationen und Privatpersonen, die als Anleger und Kreditnehmer auf Finanzmärkten interagieren.

Am Beginn der dritten Phase

Die beiden wesentlichen Treiber der Veränderung sind zum einen die durch die Digitalisierung induzierte Virtualisierung des Geldes (Kryptowährungen wie Bitcoin und Ether). Zum anderen entwickelt sich das Internet vom reinen Informations- und Dienstleistungsmedium zum «Value Web», das einen Austausch aller Arten von Werten ermöglicht.

In der ersten Phase des Internet stand primär die Standardisierung und der Austausch von Informationen im Vordergrund. In dieser Zeit entstanden etwa das Hypertext Transfer Protocol (HTTP) und die Hypertext Markup Language (HTML).

In der zweiten Phase waren es digitale Plattformen und elektronische Dienste wie etwa Zahlungsdienste (z.B. PayPal) oder solche der Sharing Economy (z.B. Airbnb), welche die Evolution der digitalen Wirtschaft prägten bzw. immer noch prägen.

Die dritte Phase läutet nun mit Technologien wie Blockchain und Kryptowährungen eine dritte Evolutionsstufe ein, die im Zeichen des Internet der Werte steht und eine Veränderung der heutigen Finanzordnung zur Folge haben könnte.

Vollständig elektronisch und in Echtzeit

Grundsätzlich ist das heutige Finanzsystem durch einen zentralistischen Ansatz geprägt, der im Wesentlichen die drei Funktionen der Verteilung, Lenkung und Versicherung umfasst.

Das Value Web könnte zur Bildung sich selbst organisierender Finanzsysteme führen, in denen Privatpersonen und institutionelle Teilnehmer direkt, also Peer-to-Peer, Transaktionen zu Werten jeglicher Art durchführen können.

Jüngste Beispiele hierzu sind Initial Coin Offerings (ICO), mit der Unternehmen wie etwa Tezos grosse Investitionssummen virtuell anhäufen konnten.  Lässt sich also beispielsweise eine Aktie vollständig elektronisch abbilden, sind theoretisch alle Prozesse von der Emission, über die Zeichnung bis hin zur Auszahlung von Dividenden und zum Verkauf digitalisierbar.

All dies kann vollständig elektronisch und in Echtzeit bzw. nahezu Echtzeit zwischen den Teilnehmern erfolgen. Andere Beispiele wären die Herausgabe eines digitalen Schweizer Frankens über die Schweizerische Nationalbank (die Bank of England erprobt dies derzeit experimentell in Grossbritannien) oder die digitale Repräsentation von Immobilien.

Es fehlen die Standards

Die Potenziale eines solchen digitalen Finanzsystems sind gross. So liessen sich beispielsweise internationale Handelstransaktionen und zugehörige Finanztransaktionen über ein solches System abbilden. Zudem könnten nicht nur grosse professionelle Investoren, sondern auch private davon profitieren.

Ein Beispiel wäre etwa eine digitale Aktie für KMU, welche diese selbst auf hierfür speziell vorgesehenen Marktplätzen emittieren könnten. Die Banken würden dabei nicht obsolet, sondern könnten neue Rollen übernehmen wie beispielsweise die Verwahrung von Dokumenten oder das Betreiben entsprechender digitaler Infrastrukturen und zugehöriger Mehrwertdienste.

Obwohl die Möglichkeiten unbegrenzt scheinen, bestehen noch einige Hürden, welche die vollständige Entfaltung eines solchen Modells derzeit noch behindern. So sind die notwendigen Standards ähnlich wie einst HTTP und HTML erst in Anfängen erkennbar. Zudem muss das neue System Akzeptanz bei den Nutzern finden.

Aktuell scheinen die vielen Sicherheitslücken jedoch eher kontraproduktiv für die Entstehung eines solchen digitalen Finanzsystems. Letztlich ist auch von politischer und regulatorischer Seite eine neue Skizze für eine solche digitale Finanzordnung erforderlich.