Das Wort Landmark stammt aus der See- und Luftfahrt und meint topografische oder gebaute Navigationsmerkpunkte. Leuchttürme zum Beispiel: der Ort, wo sie stehen, ergibt sich aus der Aufgabe, die sie zu erfüllen haben. Und ihre architektonische Form aus ihrer Funktion.

Entsprechend sind sie sich sehr ähnlich – ob nun am Kap der Guten Hoffnung, am Kap Horn oder am Cap d’Antibes. Trotzdem haben ihre Erbauer daran auch eine eigene, lokal geprägte Handschrift hinterlassen. Das macht sie unverwechselbar in ihrer Gleichheit.

Viele der spektakulären Bauskulpturen, die wir heute als die neuen Landmarks bezeichnen, haben nicht diese Begründung, die aus ihrer Funktion oder ihrem Ort entsteht. «Der Grossteil der zeitgenössischen Architekten konzentriert ihr Talent und ihre Energien mit unverantwortlicher Leichtfertigkeit darauf, möglichst einprägsame, überkomplizierte und exhibitionistische Objekte zu schaffen, oft sich über die konstruktiven und funktionalen Anforderungen hinwegsetzend und fast immer die Bestimmung und den Kontext ignorierend», schrieb der italienische Architekt und emeritierte Professor für Geschichte des Städtebaus an der ETH Zürich, Vittorio Magnago Lampugnani, schon 2011 in einem Aufsatz.

«Im hart umkämpften Markt des heutigen Bauens scheint man sich nur durch Gebrüll und übertriebene Gestik Aufmerksamkeit verschaffen zu können.*» Für Lampugnani ist es aber nicht allein eine Frage der Selbstdarstellung von Architekten und Bauherren, sagt er im Gespräch mit «Luxe».

«Es ist eine städtebauliche Frage, ob es einer Stadt zuträglich ist, relativ zufällig isolierte Hochhäuser aus einer gewachsenen Umgebung herausragen zu lassen. Man muss sich immer fragen: Was passiert mit dem Raum darum herum?»

Ähnlich argumentiert der US-amerikanische Architekt Daniel Libeskind, wahrlich ein Schöpfer von oft provozierenden Bauten: «Die Perspektive des Fussgängers ist wichtig. Gebäude sind dazu da, die Wege und Strassen attraktiv zu machen, weil sie eine Verlängerung des Wohnraums darstellen. Das Ziel muss sein, so viel Platz wie möglich für jeden Bürger herauszuholen.»

Ein positives Beispiel ist die im Januar (sieben Jahre später als geplant und rund 700 Millionen € teurer als budgetiert) eröffnete und von den Schweizer Architekten Herzog & de Meuron gebaute Elbphilharmonie in Hamburg. Spektakulär sitzt der von den Architekten selbst als «gläserne Welle» beschriebene, multifunktionale Bau auf dem rauen Backstein des alten Speicherhauses an der Spitze der Hamburger Hafen-City.

Tatsächlich eine Leuchtturm-Situation! «Architekturwunder» und «Jahrhundertbau» wird das neue Wahrzeichen der Hansestadt bereits genannt. Vor allem erfüllt es mehr als nur die geforderten Funktionen von Konzerthaus, Hotel, Gastronomie, Wohnen und öffentlicher Plaza.

«Die Elbphilharmonie spielt für uns eine bedeutende Rolle als Kommunikationsund Reisethema», sagt Michael Otremba, Geschäftsführer von Hamburg Tourismus. Und der Senator für Kultur und Medien, Carsten Brosda, ergänzt: «Sie hat Hamburg international als Kulturmetropole wieder auf die Landkarte gesetzt und so die Wahrnehmung der Stadt nachhaltig verändert.»

Die 325000 zusätzlichen Übernachtungen gegenüber dem ersten Halbjahr 2016 machen die Verantwortlichen nicht zuletzt am neuen Wahrzeichen fest. Allein Reisende aus der Schweiz waren es dieses Jahr bis jetzt 12,4 % mehr, die Zunahme aus Grossbritannien und den USA war noch höher. Ganz oben auf der Liste ihrer Besichtigungs-Musts: die Elbphilharmonie. Es heisst: egal, was ihr Intendant an Kultur-Events derzeit anbietet, es ist sofort ausverkauft.

Stadtmarketing steht am Anfang zahlreicher aufsehenerregender Bauten unserer Zeit. Was wäre Luzern ohne Jean Nouvels Kultur- und Kongresszentrum KKL, was Bilbao ohne seine Guggenheim-Dependance.

In dem erwähnten Text nennt Vittorio Lampugnani das Museum, das Frank Gehry zwischen 1994 und 1997 «als eigenwillige, überdimensionierte Titanblechbrosche» realisierte: «Das originelle Gebäude, das jede überkommene Vorstellung eines Museumsgebäudes erschütterte, zog sofort in der Fachwelt wie auch in der breiten Öffentlichkeit eine unerhörte Aufmerksamkeit auf sich und katapultierte die bis anhin unscheinbare baskische Stadt in den Reigen der begehrten Touristendestinationen.»

Pointiert nennt Städtebautheoretiker Lampugnani die Museen «die Kathedralen von heute». Landmark-Architektur, Bauten, die als Wahrzeichen einem Ort Identifikation geben, ihn unverwechselbar machen, hat es schon immer gegeben.

Von den ägyptischen Pyramiden bis zu Prachtstrassen im 18. Jahrhundert, vom Kolosseum in Rom bis zu Schlössern wie Versailles in Paris oder Schönbrunn in Wien. Natürlich ging es dabei auch um Demonstration von Macht, um eine Selbstverherrlichung der Auftraggeber, von Königen, Kaisern oder der Kirche. «Man würde vielleicht heute nicht so von Mailand sprechen, wenn es den Dom nicht gäbe», sinniert Lampugnani.

Längst haben auch Unternehmen, hat besonders die Banken-, Versicherungsund Luxus-Industrie erkannt, dass es sich lohnt, sogenannte Stararchitekten für den Bau des Hauptsitzes, des firmeneigenen Museums oder für die Unterkunft der Kunstsammlung zu engagieren.

Die prominenten Bauten garantieren Medienpräsenz, Stadtrundfahrten der Reisebüros machen hier sogar einen Extra-Stopp. Eine glückliche Symbiose, wenn innerer Wert und Kultur der Marke mit dem Ausdruck der Architektur zusammenpassen.

Der kunstaffine Präsident der Fondation Louis Vuitton, Bernard Arnault, sprach von einem «wahr gewordenen Traum», als er 2014 den ambitionierten Frank-Gehry-Bau seiner ebenso ambitionierten Bestimmung übergab und diesen Begegnungsort zeitgenössischer Kunst in Paris eröffnete.

Das Haus Cartier liess sich schon 1994, auch in Paris, von Jean Nouvel den neuen Sitz seiner Fondation Cartier erbauen. Gegenwärtig baut die Architektengruppe BIG (Kopenhagen/New York) um den dänischen Architekten Bjarke Ingels im jurassischen Les Brassus die neue «Maison des Fondateurs» für das Uhrenhaus Audemars Piguet.

Der spiralförmige Neubau, der sich beinahe diskret aus der Landschaft des Vallée de Joux dreht und sich mit den historischen Gebäuden von 1868 verbindet, «ist ein architektonisch komplexes Projekt, das mit den grössten Uhrenkomplikationen vergleichbar ist», schreibt Olivier Audemars, VR-Vizepräsident von Audemars Piguet. Nach der Eröffnung im Frühjahr 2019 werden sich hier Museumsräume, Uhrmacherwerkstätten, Klanglabor sowie Videobeiträge und moderne Kunst ergänzen.