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Die neuen Philosophen

Die Diskussion über Stimuli oder Sparmassnahmen ist alt. Ideologische Fragen sind heute wichtiger als pragmatische Diskussionen über den besten Weg nach vorn für alle. Ein Kommentar von Harold James.

Harold James
«In der EZB wird darüber debattiert, unter welchen Bedingungen ein Abweichen von der orthodoxen Haushaltspolitik langfristig stabilisierend wirken könnte. Das Ergebnis könnte zu einer neuen Art internationaler Kooperation führen.»

Am jüngsten Treffen der G-20-Finanzminister in Australien sprach US-Finanzminister Jack Lew von «philosophischen Differenzen zu einigen unserer Freunde in Europa», bevor er die Europäer drängte, mehr zur Steigerung ihrer anämischen Wachstumsrate zu tun. Die Terminologie ist auffällig und unterstreicht die Schwierigkeit der europäischen Suche nach einem Ausweg aus der aktuellen Krise.

Kanadas Finanzminister Joe Oliver schloss sich dem Aufruf nach einer fiskalischen Expansion in Europa an – eine Position, für die es innerhalb der Europäischen Zentralbank ein gewisses Mass an Unterstützung zu geben scheint. Tatsächlich hat sich EZB-Präsident Mario Draghi für höhere Ausgaben durch Länder mit stärkerem Haushalt wie Deutschland ausgesprochen. Und Benoît Coeuré, Mitglied des EZB-Exekutivkomitees, schlug kürzlich gemeinsam mit seinem ehemaligen Kollegen und jetzigen Vizearbeitsminister Jörg Asmussen vor, Deutschland solle «seinen verfügbaren Spielraum für die Förderung von Investitionen und die Reduzierung der Steuerbelastung von Arbeitnehmern ausschöpfen».

Tatsächlich ist der grösste Teil der Welt der Ansicht, Deutschland solle eine expansivere Haushaltspolitik verfolgen. Dieser Ansicht zufolge sind Sparmassnahmen kontraproduktiv, da sie Verlangsamungen und Rezessionen auslösen, die eine langfristige Haushaltskonsolidierung schwieriger machen.

Amerikaner vs. Europäer

Aber die Deutschen bleiben stur – ebenso wie einige Nordeuropäer und vielleicht ein paar chinesische Ökonomen. Sie glauben, das Nachgeben gegenüber Aufrufen zur Stimulation werde lediglich zu mehr solcher Aufrufe führen und eine Dominosteindynamik auslösen, die jede Hoffnung auf Haushaltskonsolidierung zunichtemacht.

Die Diskussion über Stimuli oder Sparmassnahmen ist alt. In den Siebzigern und Achtzigern forderten die Vereinigten Staaten Deutschland und Japan regelmässig auf, als Lokomotive für die Weltwirtschaft zu dienen. Aber bis vor kurzen wurden die Meinungsverschiedenheiten als unterschiedliche Interessen gewertet und nicht als «Philosophien». Die Amerikaner wünschten sich zusätzliche Nachfrage nach ihren Gütern und höhere Preise, während Deutsche und Japaner ihre Exportindustrien verteidigten.

Heute liegt das Problem, wie Lews kürzliche Aussage unterstreicht, in tief eingegrabenen Unterschieden in den «Glaubenssystemen» der verschiedenen Seiten. Ideologische Fragen über Fairness und Verantwortung sind wichtiger als pragmatische Diskussionen über den besten Weg nach vorn für alle. Wie der Historiker Robert Kagan im Jahr 2002 feststellte, haben Amerikaner und Europäer nicht nur unterschiedliche Weltanschauungen, sondern bewohnen völlig unterschiedliche Welten.

Tiefe theoretische Konflikte

Philosophische Differenzen sind extrem schwierig zu lösen. Ebenso wie Platoniker und Aristoteliker über Jahrtausende gegeneinander kämpften, gingen sich auch die Kantianer und die Utilitaristen jahrhundertelang gegenseitig an die Kehle.

Solche tiefen theoretischen Konflikte haben auch Auswirkungen auf die reale Welt, da sie in Krisensituationen konstruktive Debatten und gemeinsame Taten behindern. Unterschiedliche fundamentalideologische Ansichten über den Irakkrieg des Jahres 2003 haben die Weltpolitik über ein Jahrzehnt lang belastet.

Moderne politische Prozesse und Strukturen sind einfach nicht gut dazu geeignet, philosophische Diskussionen zu führen – und schon gar nicht dazu, sie zu klären. Demokratische Institutionen sind dazu da, zwischen konkurrierenden Interessen zu vermitteln. Parlamente sind darauf spezialisiert, die richtige Kombination von Zugeständnissen zu finden, um die Einigung auf eine allgemein akzeptierte Lösung zu ermöglichen. Auch internationale Foren wie die G-20 haben die Aufgabe, eine grosse Anzahl völlig unterschiedlicher Länder davon zu überzeugen, zugunsten ihrer gemeinsamen wirtschaftlichen, politischen oder sicherheitstechnischen Interessen philosophische Fragen beiseitezustellen.

Wie einst in Bretton Woods

Philosophen geben nicht einfach ein Stückchen ihrer Philosophie auf oder verwässern sie in der Hoffnung, am Ende werde alles gut. Können wir uns einen Kantianer vorstellen, der dem kategorischen Imperativ ein paar utilitaristische Rechnungen hinzufügt?

Natürlich ist die Lösung einer philosophischen Debatte nicht unmöglich. Vor der Moderne war es üblich, solche Differenzen durch einen formalen Disput zu überwinden. Im frühen 16. Jahrhundert versuchten die deutschen Prinzen, die philosophische Herausforderung durch die protestantischen Reformer dadurch beizulegen, dass sie Martin Luther engagierten, der gegen Johannes Eck, einen prominenten, katholisch-orthodoxen Theologen, debattieren sollte.

Für diese Vorgehensweise gibt es nicht viele moderne Entsprechungen, aber die geld- und finanzpolitische Konferenz der Vereinten Nationen von 1944 in Bretton Woods könnte ihr noch am ehesten nahekommen. Indem sie sich systematisch mit den wirtschaftlichen Problemen des Aufbaus eines funktionierenden internationalen Systems beschäftigten, entwarfen Experten eine neue wirtschaftliche und politische Weltordnung.

Notenbanken – die Fakultäten von heute

In gewissem Sinne ähneln heute die Zentralbanken den philosophischen Fakultäten des Mittelalters, wenn sie nicht nur über Massnahmen diskutieren, sondern auch über die Probleme dahinter. Bei der EZB beispielsweise wird darüber debattiert, unter welchen Bedingungen ein Abweichen von der orthodoxen Haushaltspolitik langfristig stabilisierend wirken könnte. Das Ergebnis dieser Debatte könnte zu einer neuen Art internationaler Kooperation führen.

Zu einer Zeit, in der politische Prozesse auf beiden Seiten des Atlantiks zum Stillstand gekommen sind, griffen das Federal Reserve der USA und die EZB auf dem Weg zur Förderung dauerhafter wirtschaftlicher Erholung zu einer Reihe innovativer Massnahmen. Auf dieser Grundlage definiert sich die EZB als Inkubator einer neuen intellektuellen und philosophischen Synthese um.

Aber die neue Rolle der Zentralbanken als übergeordnete Vermittler politischer Wahrheiten birgt Gefahren. Angesichts dessen, dass die Lösungen, die aus ihren Diskussionen und Analysen entstehen, das Produkt technokratischer – statt demokratischer – Prozesse sind, lösen sie mit grosser Wahrscheinlichkeit populistische Reaktionen aus.

Darüber hinaus könnten die politischen Ansätze der Zentralbanken zu komplex und zu stark miteinander verwoben sein, um effektiv zu funktionieren. Besonders der Versuch, expansive Massnahmen von der Durchführung mikroökonomischer Reformen abhängig zu machen, ist problematisch. Wird nur ein Teil eines komplexen Pakets, das haushaltspolitischen Spielraum mit Strukturreformen verbindet, realisiert, ist das Ergebnis wahrscheinlich enttäuschend – oder gar kontraproduktiv. In diesem Fall kommen dann wohl die alten philosophischen Unterschiede wieder an die Oberfläche.

Copyright: Project Syndicate.

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