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Von 1636 bis 1637 erlebt die Welt die erste grosse Rohstoffblase. Auf dem Höhepunkt kostet eine Tulpenzwiebel so viel wie ein Haus in Amsterdam.

Die teuerste Beilage seines Lebens verspeist ein Seemann um 1636 in Holland: Für die Übermittlung einer Nachricht erhält er von einem Kaufmann einen Hering. Ohne sich viel dabei zu denken, steckt er eine auf dem Tresen des Händlers liegende Zwiebel ein, passt sie doch gut zum Fisch. Kurz darauf bemerkt der Händler den Verlust. Nach hektischer Suche findet er den Seemann am Steg sitzend, wie er gerade den letzten Bissen der Zwiebel geniesst.

Die Aufruhr ist gross, handelt es sich doch um eine Semper-Augustus-Tulpenzwiebel, für die Spekulanten astronomische Preise bezahlen. Die Rechnung für das Mahl fällt denn auch gesalzen aus: Der Seemann schmort mehrere Monate im Gefängnis.

Obwohl die Geschichte wohl erfunden ist, zeigt sie doch exemplarisch, wie die niederländische Tulpenmanie zu Beginn des 17. Jahrhunderts um sich greift. Tulpen werden zu einem Spekulationsobjekt, für das auf dem Höhepunkt 1636/37 exorbitante Preise bezahlt werden. Anfang 1637 schiessen die Kurse für Tulpenzwiebeln geradezu in die Höhe, innerhalb weniger Monate verzehnfachen sich die Preise. Wie konnte es so weit kommen?

Die meisten Spekulationsblasen folgen einem ähnlichen Muster – das ist bei der Tulpenmanie nicht anders. Oft bereiten eine bedeutende wirtschaftliche Veränderung, eine Erfindung oder das Ende eines Krieges den Nährboden für spekulative Exzesse.

1. Das «Goldene Zeitalter»

Die Tulpenblase fällt in die Zeit zweier grosser Konflikte: Von 1568 bis 1648 lodert der Achtzigjährige Krieg, in dem sich die Republik der Sieben Vereinigten Niederlande ihre Unabhängigkeit von der spanischen Krone erkämpft. Parallel dazu streiten sich die europäischen Mächte im Dreissigjährigen Krieg (1618–1648). In dieser Periode steigt Holland zur wichtigsten Wirtschaftsmacht der Welt auf, sein «Goldenes Zeitalter» bricht an: 1602 wird die erste moderne Aktiengesellschaft gegründet (Vereinigte Ostindische Kompanie), Ende 1609 entsteht die Bank of Amsterdam, die als erste zentralbankähnliche Institution der Welt gilt. Im Jahr 1610 wird die Amsterdamer Börse ins Leben gerufen. Auch kulturell gehören die Niederlande zu den führenden Mächten, was vor allem in der Malerei seinen Ausdruck findet. Holland entwickelt sich zum wohlhabendsten Land Europas.

2. Boom und Wohlstand

Der lange Konflikt mit Spanien lässt viele Protestanten und andere religiöse Minderheiten in die nördlichen Niederlande flüchten. Mit den Einwanderern kommt Wissen und Kapital ins Land, wovon die Wirtschaft profitiert. Nachdem die Auseinandersetzungen mit Spanien um 1630 abflauen, setzt ein kräftiger Wirtschaftsaufschwung ein. Es entsteht eine Schicht wohlhabender Holländer, die vermehrt Prestigekonsumgüter nachfragt.

Da sie neu, exotisch und wenig verbreitet ist, entwickelt sich die Tulpe rasch zu einem Statusobjekt. Die aus den Steppen Zentralasiens stammende Blume wird erst in der zweiten Hälfte des 16. Jahrhunderts aus dem osmanischen Reich nach Holland eingeführt. Ihre Anfälligkeit für Krankheiten und die damals praktizierte Art der Vermehrung sorgt dafür, dass die Tulpe selten ist. Das damals noch unbekannte Mosaikvirus führt bei gewissen Pflanzen zu spektakulären Mustern. Diese sind deshalb besonders begehrt. Das Interesse an den Blumen nimmt stetig zu, was deren Preise steigen lässt. Nach und nach setzt sich in der breiten Bevölkerung die Überzeugung durch, mit Tulpen lasse sich einfach Geld verdienen.

3. Euphorische Spekulanten

Sind es anfänglich vor allem mit dem Markt und der Qualität der Blumen vertraute, wohlhabende Kaufleute, die mit Tulpenzwiebeln handeln, ändert sich dies zu Beginn der 1630er-Jahre. Händler, die sich nicht mehr für die Blumen, sondern einzig für die möglichen Handelsgewinne interessierten, betreten das Parkett. Viele Arbeiter, die ein prekäres Leben führen und aufgrund der starken Zuwanderung unter Druck geraten, drängen ins Geschäft. Unter ihnen sind viele Weber, da sie ihre Webstühle verpfänden können und aus diesem Grund zu Startkapital kommen. Für sie ist die Verlockung gross, in den garantierte Gewinne versprechenden Tulpenhandel einzusteigen. Da dieser kaum Anfangsinvestitionen verlangt und von keiner Gilde kontrolliert wird, sind die Eintrittsbarrieren vergleichsweise niedrig.

Der Kreis der Marktteilnehmer schwillt an, die Preise klettern weiter. Dies macht die Investitionen nochmals attraktiver, zumal einfache Arbeiter über keinerlei alternative Anlagemöglichkeiten verfügen. Die Kombination von geringem Kapitaleinsatz und vermeintlich sicheren Gewinnen ist zu verlockend.

1634 gibt es eine entscheidende Innovation: Nun werden Tulpenzwiebeln ganzjährig und nicht mehr nur während der Blütezeit von April bis Mai gehandelt. Es entstehen rudimentäre Terminkontrakte, die es Händlern ermöglichen, Blumen zu handeln, ohne sie physisch zu besitzen. Da bei Terminkontrakten in der Regel nur eine Anzahlung von 10% nötig ist und der Restbetrag erst Monate danach – wenn die Kurse wiederum kräftig gestiegen sind – fällig wird, können Anleger über ihre Verhältnisse investieren. Das Spekulieren auf Kredit ist ein typisches Merkmal von Marktübertreibungen. Diese Entwicklung zieht weitere Glücksritter an, der Handel wird immer populärer.

Ende 1636 setzt die Euphorie ein: Innerhalb dreier Monate wechseln gewisse Zwiebeln fünf- bis zehnmal den Besitzer, die Preise erhöhen sich 1637 um den Faktor zehn. Auf dem Höhepunkt des Spekulationsfiebers wird eine seltene Tulpenzwiebel wie die Semper Augustus zum Preis eines grosszügigen Hauses mitten in Amsterdam gehandelt.

4. Nothalt in Haarlem

Dass dieser explosive Preisanstieg nicht von Dauer sein kann, ist vielen Marktteilnehmern klar. Trotzdem kommt der Absturz überraschend. Eine Auktion am 3. Februar 1637 in Haarlem markiert die Wende: Ein Pfund Tulpenzwiebeln der Sorte «Witte Croonen» (Weisse Kronen) wird zu 1250 Gulden – ein Jahresgehalt beträgt rund 200 bis 400 Gulden – angeboten. Üblicherweise hätten sich mehrere Interessenten gemeldet. An diesem Dienstag jedoch bleiben die Gebote aus. Auch eine Preisreduktion auf zuerst 1100 und dann 1000 Gulden wird mit Schweigen quittiert, die Spekulationsblase beginnt zu platzen.

In kurzer Zeit kommt der Tulpenhandel zum Erliegen. Zwiebeln, die vor kurzem noch für Tausende von Gulden die Hand wechselten, werden nur noch für einen Bruchteil des ursprünglichen Werts, oftmals 1 bis 5%, gehandelt. Einzelne Spekulanten – ein prominentes Opfer war der Maler Jan van Goyen – verlieren nahezu ihr gesamtes Vermögen. Die Tulpenmanie ist zu Ende.

5. Absturz und Abscheu

Der Crash hat jedoch nur geringe Auswirkungen auf die niederländische Wirtschaft. Mit ein Grund ist die starke lokale Verankerung des Handels und die Tatsache, dass die meisten Tulpenhändler verhältnismässig wohlhabend sind und nebenbei noch andere Berufe ausüben. Zudem werden die meisten Verträge zu lediglich rund 2 bis 5% des ursprünglich festgelegten Preises abgewickelt, sodass die Zahl der Konkurse überschaubar bleibt.

Wie so oft zu beobachten, setzt auch hier nach dem Absturz die Abscheu ein: Die Marktteilnehmer wollen nichts mehr mit dem Thema zu tun haben. Claes Pietersz., ein Arzt in Amsterdam, ist so angetan von der Schönheit der Tulpe, dass er 1621 – die Pflanze ist erst von wenigen Liebhabern entdeckt – seinen Namen in Dr. Tulp ändert. Nach 1637 allerdings will er nicht mehr mit der Blume in Verbindung gebracht werden und montiert das grosse Tulpensymbol an seinem Haus ab. Sein Wappen, das ebenfalls die Blume enthält, zeigt er kaum mehr in der Öffentlichkeit. Von Adolphus Vorstius, Botanikprofessor an der Universität Leiden, wird berichtet, dass er eine derartige Abneigung gegen die Pflanze entwickelt, dass er während seiner Lektionen im Garten jedes Tulpenexemplar, das er findet, zerstört.