Märkte / Aktien

«Notenbanken haben ihren Einfluss verloren»

Für Bruno Gisler, Chefökonom des Vermögensverwalters Aquila, haben die Verwerfungen an den Börsen nichts mit den Fundamentaldaten zu tun. Für ein Aktienübergewicht fehlt allerdings der Auslöser.

Herr Gisler, woran kranken die Börsen?
Derzeit herrscht enorme Nervosität, ja fast schon Panik. Es wird nicht zwischen gut und schlecht unterschieden, sondern einfach alles verkauft. Es geht den Marktteilnehmern nur um Risikoreduktion. Mit den Fundamentaldaten hat dieser Ausverkauf wenig zu tun. Zwar fallen die jüngsten Makrodaten enttäuschend aus, doch wir sehen keine Anzeichen von Rezession.

Allerdings sehen Ökonomen die Rezession erst, wenn sie da ist. In diesem Zeitpunkt haben die Börsen längst korrigiert.
Wir halten uns unter anderem an die Einkaufsmanagerindizes, und die machen uns einen ordentlichen Eindruck.  Zwar notiert der US-PMI für das verarbeitende Gewerbe deutlich unter 50, doch die Industrie macht nur 12% der US-Wirtschaft aus. Der viel bedeutendere Dienstleistungsbereich schwächt sich zwar ebenfalls ab, befindet sich aber immer noch auf Wachstumskurs.

Vor den letzten beiden Rezessionen war das aber genauso.
Das stimmt. Allerdings gibt es auch ein Gegenbeispiel: Mitte der Neunzigerjahre war der Dollar ebenfalls stark, und der Industrie-PMI notierte 1995 und 1996 unter 47. Trotzdem wuchs die US-Wirtschaft in den Folgejahren mit 3 bis 4%.

In diesem Fall sollten Anleger Aktien zukaufen?
Genau. Wir fahren seit November eine neutrale Aktienquote, die wegen der Marktbewegungen in den Portfolios unterschritten wurde. Wir haben angefangen, dieses Untergewicht zu schliessen, indem wir vorgestern Aktien zugekauft haben. Das werden wir auch weiterhin tun.

In Aktien übergewichtet sind Sie aber nicht?
Nein. Wir sehen die Gefahr, dass der Ölpreis auf 20 $ pro Fass fällt. Das würde an den Börsen eine weitere Verkaufswelle auslösen. Das wäre dann der Zeitpunkt für eine Übergewichtung.

Und wenn sich Ölpreis und Börsen erholen?
In diesem Fall würden wir Aktien nicht übergewichten, sondern durch Verkäufe in die Stärke auf die neutrale Quote zurückführen.

Warum würden Sie die taktische Aktienquote nicht anheben?
Für ein Übergewicht fehlt der Auslöser. Die Notenbanken werden es nicht sein, denn die haben an Einfluss verloren. Ihre Interventionen wirken höchstens noch kurzfristig. Der Impuls müsste von den Makrodaten kommen, doch auch hier rechnen wir nicht mit übermässigem Wachstum, und von den Unternehmensgewinnen sind ebenfalls keine Impulse zu erwarten.